RUDOLF STEINER GE SAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE t)BER MEDIZIN
RUDOLF STEINER
Das Zusammenwirken
von Arzten und Seelsorgern
Pastoral-Medizinischer Kurs
Elf Vortrage fur Arzte und Priester
und eine Ansprache fur die Mediziner,
gehalten in Dornach vom 8. bis 18. September 1924
Mit Notizbucheintragungen zu den Vortragen
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Dr. med. Hans W. Zbinden
1. Auflage, Dornach o. J.
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1973
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994
Bibliographischer Nachweis der Auflagen siehe Seite 199
Die Original-Wandtafelzeichnungen von
Rudolf Steiner zu den Vortragen in diesem Band sind
innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe
«Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»
Band XXIII
Bibliographie-Nr. 318
Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn
Zeichnungen im Text nach den Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Benedikt Marzahn (siehe auch Seite 199)
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schwe
© 1 994 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-3181-4
Zu den Veroffentlicbungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daft sie schriftlich festge-
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlaftt, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muft gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, daft
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 8. September 1924
Klare Trennung des priesterlichen vom arztlichen Beruf. - Histo-
risches. Priesterliche Aspekte: die Seelsorge beim Gesunden und
beim Kranken; Hygienische Bedeutung religios-kultusartiger Mafi-
nahmen, Fasten, Askese u. a.; Frage der Heilwirkung des Sakramen-
talismus. Verhalten von Arzt und Priester zum Seelenkranken. -
Die dreifache Art therapeutischer Wirkungen. Therapie von Leben
ins Bewufitsein, Sakramentalismus vom Bewufitsein ins Leben wir-
kend; von der daraus moglichen Zusammenarbeit von Priester und
Arzt, jeder aus seinem Fach.
Zweiter Vortrag, 9. September 1924
Die pathologischen Veranderungen des physischen Leibes. Verstand-
nis des menschlichen Leibes durch plastisch-kunstlerische Betrach-
tung, musikalische Betrachtung und durch Begreifen des Logos
(Atherleib, Astralleib und Ich). Verschiedene Arten des Zusammen-
spiels der Wesensglieder des Menschen und die dadurch hervorge-
rufenen Ereignisse. Mehrere Stadien des geistigen Erlebens, dadurch
Verstandnis fiir auftergewohnliche Personlichkeiten wie die hi. The-
resia. Vom korrelativen Obergang dieser Lebensverhaltnisse in orga-
nische Krankheitsprozesse.
Dritter Vortrag, 10. September 1924
Schilderung der sich steigernden Erlebnisse in den vier Stadien und
ihre geisteswissenschaftlichen Ursachen. Wirkung solcher Vor-
gange auf das Krankheitsleben: die hi. Theresia. Durch das Studium
solcher Vorgange kann der Arzt zur Handhabung des Therapeuti-
schen kommen. - Verflechtung mit dem Karma. Wie freier Wille
und Verantwortlichkeit zu beurteilen sind.
Vierter Vortrag, 11. September 1924
Zur Beurteilung der Verantwortlichkeit und des freien Willens ist
genaue Kenntnis der menschlichen nachgeburtlichen Entwicklung
notig. Schilderung derselben mit Betrachtung vom Erbstrom und
den Wesensgliedern. Das Kind nimmt wahr das Geistige in seiner
natiirlichen und menschlichen Umgebung: die geistigen Wesenhei-
ten. - Freiwerden von Bildekraften: Gedachtnisfahigkeit. Entwick-
lung der Intelligenzkrafte. Sonnenkrafte in den ersten sieben Jah-
ren = atherische Krafte korperbildend, Krafte des Mondes im zwei-
ten Jahrsiebent: astralische Krafte, den fortpflanzungsfahigen Kor-
per bildend. Sonnenkrafte im Seelisch-Geistigen. Planetarische
Krafte leibbildend wirksam im dritten Jahrsiebent. Veranderung
Anfang der zwanziger Jahre. Wirkung der Fixsternkrafte im vier-
ten Jahrsiebent. Der auch in der Erhaltung des Leibes auf sich
selbst gestellte von den kosmischen Kraften entlassene Mensch. Be-
deutung dieses Punktes: Freiheit und Verantwortlichkeit.
Funfter Vortrag, 12. September 1924
Sonderbarkeiten des Bewufkseins, des Gedachtnisses, des Redens
und des Willens und deren Ursachen im Zusammenspiel der Wesens-
glieder. Patholog. Werden in drei Etappen. Pathol.: sich nicht ein-
passen mit Willen in Welt. Schwachsinn, logikfreies Gedachtnis;
Blodsinn, Paranoia. — Weiteres Stadium angeborener Schwachsinn.
Zu friihes Hereinnehmen der Ichorganisation — Friihreife, erwor-
bener Blodsinn, Gefahr der padagogischen Mifigriffe (Frobel) : Auf-
treten der Sucht, nur sich selber zu folgen.
Sechster Vortrag, 13. September 1924
Anschauung der Krankheit vom Karma aus. Friiher: Krankheit
entstammt der Siinde; jetzt: Siinde ist Folge krankhafter Organi-
sation. Besprechung anhand eines konkreten Beispiels des Heruber-
wirkens von Verhaltensweisen in die Lebens- und Organisationsge-
staltung eines spateren Lebens. Friihere Inkarnation - Kopfgestal-
tung. Leben zwischen Tod und neuer Geburt - Atmungssystem. Das
Betrachten allgemeiner durch Karma hervorgerufener Verhaltnisse;
das « Wie» in der Behandlung psychopathologischer Verhaltnisse : Das
Entwickeln des geistigen Lebens an Tatsachen. - Heilen als Gottes-
dienst.
Siebenter Vortrag, 14. September 1924
Unterschied von aufiermenschlichem und innermenschlichem Prozefi.
Die Einatmung als menschliche Wesenheit aufbauend - Aktivitat des
astralischen Leibes. Ausatmung-Aktivitat des Atherleibes. Im Schlaf
Aktivitat kosmischer Astralitat. Nerven-Sinnesprozefi als verf einerte
Atmung im Warmeelemente sich abspielend, bei dem die Ausatmung
in die Einatmung gewohnlicher Art geht. Mit dem Warmeelement
wird eingeatmet Licht, Chemismus, Vitalitat. - Nach dem andern
Pol modifizierte aktivierte Ausatmung, die Krafte an Stoffwechsel
abgibt. Mit Warmeelement eingeatmetes Licht wird Gedankentatig-
keit. Karma von friiher - Karma fiir spater.
Achter Vortrag, 15. September 1924
Krafte des Weltenalls : Sonnen-, Mondenwirkung an der Pf lanze und
planetarische Einfliisse. Erkennen des Sonnenlebens im Verhaltnis
zum Menschenwesen; ein- und ausstromendes Karma - Sonnen- und
Mondenwirkungen in ihrer Verbindung. - Die heilspendenden Ta-
tigkeiten aus dieser Erkenntnis.
Neunter Vortrag, 16. September 1924 120
Entstehung krankmachender Ursachen im Schlaf - Aufsuchen der
Heilmittel. Als Beispiel krankhafter Zustande der Somnambulismus.
Tempelschlaf und Erkennen des Heilprozesses. Statt dessen durch-
geistigte Beobachtung und Handhabung des Lebens fiir den Arzt. -
Entsprechende Verhaltnisse fiir den Priester. - Bedeutung dieser Er-
kenntnisse fiir Beurteilung von Materialismus und Spiritismus; Kul-
turpathologie und -therapie. Krankheit und Krankheitsursache und
wiederholte Erdenleben.
Zehnter Vortrag, 17. September 1924 134
Oberwindung der Passivitat des Denkens durch Erkennen der Stel-
lung des Menschen im Kosmos. Das menschliche Ich zwischen dem
Atmen eines Tages und eines platonischen Weltenjahres. Das Welten-
jahr in seinem Verhaltnis zu den Atemrhythmen des Tages, eines
Menschenlebens, des Wachens-Schlafensrhythmus. Winter- und Som-
merkrafte im Makrokosmos als Schopfer von Sinnesnerven- bzw.
Stoffwechselorganismus. Auffassung der Welt nach Mafi, Zahl und
Gewicht, das Irrationale und der Weg zu seiner Erkenntnis, von der
Nomia zur Sophia.
Elfter Vortrag, 18. September 1924 151
Alte Mysterienmedizin und deren Erneuerung in der Gegenwart. Die
Zusammenfassung: Unternatur = Vater, Ubernatur = Geist, Mitte
= Christus. Pathologie der sich entwickelnden Menschheit. Der Tod
auf Golgatha: der Heilprozefi. Der Weg des Arztes. Der Weg des
Priesters.
Ansprache, 18. September 1924 164
an die Mediziner (ohne Beisein der Priester)
Notizbucheintragungen zu den Vortragen 169
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 199
Hinweise zum Text 200
Namenregister 201
Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 203
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 205
ERSTER VORTRAG
Dornach, 8. September 1924
Meine lieben Freunde! Wir haben in diesem Kurse zum erstenmal ver-
einigt die Mitglieder zweier geistiger Wirkungskreise, und diese Ver-
einigung bedeutet etwas ganz Besonderes. Daher wird schon heute not-
wendig sein, dafi wir uns iiber den Sinn dieser Vereinigung zunachst
aus dem, was in diesem Kurs den Inhalt bilden soli, verstandigen miis-
sen. Zunachst mochte ich nur darauf aufmerksam machen, dafi dieser
Kurs vielleicht wie kein anderer ein Beispiel dafur sein wird, wie durch
die besondere Gestaltung des Geisteslebens in unserer Zeit alte Uber-
lieferungen, altes Herkommen erneuert werden raufi, denn dasjenige,
was unter dem Namen Pastoralmedizin gepf legt worden ist, hat eigent-
lich im Grunde seinen Inhalt verloren. Wir werden das im Laufe der
Betrachtungen sehen. Dagegen wird gerade aus den Untergriinden un-
serer Zeit heraus sich ergeben eine ganz besonders bedeutungsvolle
Aufgabe, die wiederum, indem sie zusammengefafit wird, in einer Be-
trachtung den Namen Pastoralmedizin schon tragen darf. Wir haben
strenge darauf gesehen, dafi im wesentlichen in diesem Kurs vereinigt
seien wirkliche Theologen und solche Personlichkeiten, welche wirk-
liche Arzte sind oder werden, Arzte in dem Sinn, dafi wir bei ihnen
diesen Namen nach der Aufgabe der Medizinischen Sektion des Goe-
theanums verantworten konnen. Wie dieser Sinn zu gestalten ist, das
alles wird gerade in diesem Kurs zur Besprechung kommen. Einzelne
Ausnahmen haben wir allerdings zugelassen, aber eben nur wenige,
und diese sind gut begriindet innerhalb desjenigen, was Uberzeugung
der medizinischen Sektion des Goetheanums ist. Es wird sich vor alien
Dingen darum handeln, dafi Sie, liebe Freunde, sowohl von der theo-
logischen wie von der medizinischen Seite her gerade iiber das in vollig
klaren Begriffen leben, was im Sinne einer neuen Pastoralmedizin das
Zusammenarbeiten der Theologen mit den Medizinern moglich macht.
Es ist ja von einem solchen Zusammenarbeiten ofter gesprochen wor-
den und es ist auch bemerklich gemacht worden, wie gerade die an-
throposophische Bewegung auf eine Zusammenarbeit rechnen musse.
Aber dabei sind doch Dinge zutage getreten, die gerade ihre Rekti-
fizierung innerhalb dieses Kurses werden erfahren mussen. Es darf
das Zusammenarbeiten, auf das hingewiesen worden ist, durchaus nicht
so aufgefafit werden, meine lieben Freunde, als wenn damit gemeint
ware ein Hineindilettantieren von der einen Seite in die andere Seite.
Es kann sich durchaus nicht darum handeln, daft die Theologen Heiler
werden, oder daft die Heiler irgendwie Theologen werden. Naturlich
beide, insofern sie Heiler oder Theologen sind. Um ein Zusammen-
arbeiten, um ein In-die-Hand-Arbeiten handelt es sich. Dagegen wird
gerade dieser Kurs einen groften Wert darauf legen mussen, daft nun
ja nicht etwa alles ins Chaotische dadurch verzerrt werde, daft, ich
weift schon nicht zu was, der Theologe versucht, in alles mogliche
Medizinische hinein zu dilettantieren, das doch nicht auf seinem Wege
liegen kann. Und umgekehrt soil sich der Arzt in unserem Sinne be-
wufit werden, welche Stellung er gegeniiber den Theologen einzuneh-
men hat. Daft dies auf beiden Seiten, auf theologischer und medizi-
nischer, vollig durchschaut wird, davon wird aufterordentlich viel ab-
hangen. Nun, es ist das zutage getreten, daft zum Beispiel auch gemeint
worden ist: Ja, der Theologe muft sich doch medizinische Kenntnisse
aneignen. - Kenntnisse auf irgendeinem Gebiet kann man sich immer
aneignen, es wird sogar immer gut sein, Kenntnisse sich anzueignen.
Aber dasjenige, um was es sich handelt, ist, daft wirklich klar und
deutlich eingesehen wird: zum Arzt, zum Heiler gehort nach Denken,
Fuhlen und Wollen des Menschen die spezifische arztliche Vorbildung,
und es sollte niemand glauben, mit medizinischen Kenntnissen in die
Welt eingreifen zu konnen, der nicht diese spezifische medizinische
Vorbildung hat, auch wenn er Theologe ist. Und umgekehrt muft der
Arzt einen ganz besonderen Begriff von seinem Beruf entwickeln und
wird begreifen lernen mussen durch die Pastoralmedizin, daft ein We-
sentliches damit gesagt ist, wenn gesagt wird: dem Priester gehort die
Opferflamme, dem Arzt der Merkurstab. Und durch das Zusammen-
wirken von Opferflamme und Merkurstab ist allein ein gedeihliches
Wirken moglich. Man soil nicht mit der Opferflamme heilen und
mit dem Merkurstab Kultus zelebrieren wollen. Aber man soil ein-
sehen, daft beides Gottesdienst ist. Und je mehr man einsieht, daft bei-
des Gottesdienst ist, desto besser wird das Zusammenarbeiten, wenn
der Arzt Arzt, der Priester Priester bleibt, in entsprechender Weise
heilsam in die Welt eingreifen. Es darf unsere anthroposophische Be-
wegung nicht der Boden werden, auf dem alles chaotisch durcheinan-
dergeworfen wird, denn dadurch wiirde der Ernst leiden, der Ernst, den
wir gerade so stark innerhalb der anthroposophischen Bewegung pfle-
gen sollten. Man kann durchaus allgemein wissen, wenn ich ein drasti-
sches Beispiel gebrauche, was ungefahr geschieht, wenn eine Fufiope-
ration vollzogen wird; aber man sollte nicht glauben, dafi man gleich
eine Fufioperation vollziehen kann. So aber sollte man es halten mit
allem Medizinischen. Anthroposophie darf vor alien Dingen nicht
werden in irgendeiner Weise eine Propaganda fur Kurpfuscherei. Sie
darf es auch nicht werden, indem etwa Theologen Kurpfuscher werden.
Es mufi schon eben dies ganz deutlich klargelegt werden; und so wird
dasjenige, was von der Medizinischen Sektion des Goetheanums aus-
gehen wird, im allerstrengsten Ernste handhaben dasjenige, was den
Menschen im anthroposophischen Sinne als Heiler vor die Welt hin-
stellen kann, aber das mufi auch eine reale Einrichtung werden, und
es wird notwendig sein, daft die Stellung desjenigen Arztes, der im
Sinne der Medizinischen Sektion am Goetheanum wirken will, in ein-
deutiger Weise zu dieser Sektion bestimmt wird. Es wird auch nicht
anders gehen, als dafi diese Einrichtung eine ganz reale wird, so dafi
es schon dahin kommen kann, daft in einem gewissen Sinne kiinftig
Arzt ein solcher sein kann, der eben Arzt in der Richtung der Medizi-
nischen Sektion am Goetheanum ist. Nun, meine lieben Freunde, da-
mit wird auch gerechtfertigt sein, dafi wir vermieden haben, Heiler,
die nicht Arzte sind, zu diesem Kurs zuzulassen. So daft diejenigen,
die heute als Arzte hier sitzen, durchaus auch im Sinne der Welt die
Arzteschaft in Anspruch nehmen konnen - im wesentlichen, geringe
Ausnahmen abgerechnet.
Damit haben wir uns vielleicht iiber den einen Punkt, meine lieben
Freunde, verstandigt. Aber der Punkt wird, indem ich ihn zunachst
andeutend, mehr verwaltungsmafiig besprochen habe, seiner Recht-
fertigung nach, durchaus Gegenstand der Pastoralmedizin selber
sein. Als vor einiger Zeit von theologischer Seite die Anregung aus-
gegangen ist, fur die Theologen etwas Medizinisches zu bieten, da
konnte ich nicht anders als diese Anregung beantworten damit, daft
ich sagte: Nun, ich werde einen Kurs iiber pastorale Medizin halten,
daran konnen ja die Theologen teilnehmen. Und so ist denn dieser
Kurs iiber Pastoralmedizin von der Medizinischen Sektion des Goe-
theanums veranstaltet, und die Theologen nehmen daran teil. Wir
miissen iiber die ganze Struktur dieser Einrichtung hier vollig im kla-
ren sein.
Nun, meine lieben Freunde, Pastoralmedizin war zuletzt eigent-
lich nicht ein Fach innerhalb der medizinischen Fakultat, sondern ei-
gentlich innerhalb der theologischen Fakultat; und diese Pastoralme-
dizin, die auf den theologischen Fakultaten gepflegt worden ist, ent-
hielt eigentlich nichts spezifisch Medizinisches. Oder ich mochte fra-
gen: Hat einer der akademisch gebildeten Arzte, die hier sind, inner-
halb seines Fachstudiums auf der medizinischen Fakultat selbst Pasto-
ralmedizin lernen konnen? Ich bitte, die Hand zu heben, wer es hat.
Es kommt im Lektionskatalog der medizinischen Fakultat nicht vor,
dagegen spielt es schon eine Rolle in katholisch-theologischen Fakul-
taten. Innerhalb evangelischer Fakultaten spielt es kaum mehr eine
Rolle, aber innerhalb der katholisch-theologischen Fakultat spielt die
Pastoralmedizin eine Rolle, und das aus gutem Grunde. Nur enthalt
sie nichts Medizinisches. Sie enthalt im wesentlichen Folgendes: Er-
stens dasjenige, was der Seelsorger innerhalb der Seelsorge braucht, um
seelsorgerisch wirken zu konnen, nicht nur bei denjenigen Menschen,
die als Gesunde seiner Seelsorge anvertraut sind, sondern auch bei den-
jenigen, die als Kranke seiner Seelsorge anvertraut sind. Aber fur die
Seelsorge hat er zu wirken; und da ist schon eine Nuance verschieden,
ob man fur die Seelsorge eines Kranken, besonders eines Schwerkran-
ken zu wirken hat, oder ob man fur die Seelsorge eines Gesunden zu
wirken hat. Da handelt es sich darum, wie man die Seelsorge zu ge-
stalten hat bei Kranken, eventuell Schwerkranken, wie man sich da zu
verhalten hat. Dagegen habe ich im Grunde genommen noch kein
Buch iiber Pastoralmedizin kennengelernt, in dem nicht ausdriicklich
und wiederholt gesagt wird, daft zu den ersten Pflichten des Seelsorgers
dies gehort, daft er zunachst mit Rat und Tat beistehe, daft der rich-
tige Arzt gefunden werde, dafi er aber ja sich zu enthalten habe jedes
arztlichen Eingriffes. Ich berichte in diesem Falle.
Ein zweites wesentliches Kapitel der Pastoralmedizin ist dieses, dafi
die Fragen beantwortet werden, welche zusammenhangen mit dem
Hygienischen von religios-kultusartigen Mafinahmen. Dafi also zum
Beispiel fur den Laien das Gesundheitliche oder das Gesundheitsschad-
liche des zeremoniell vorgeschriebenen Fastens besprochen wurde, oder
auch, dafi dasjenige, was zu sagen war durch die arztliche Wissenschaft,
sagen wir iiber die Einrichtung der Beschneidung, oder ahnliches. Fur
den Priester selber - wir haben es eben hauptsachlich mit katholischen
Fakultaten zu tun - ist auseinandergesetzt worden dasjenige, was in
hygienisch-medizinischer Weise iiber die Askese zu sagen ist. Da ist
gar mancherlei und viel zu sagen.
Ein weiteres Kapitel sind gewisse Mafinahmen, welche innerhalb,
sagen wir, einer Gemeinde, in der Priester und Arzt sind, zu ergreifen
sind im Zusammenhang des Heilens und des Sakramentalismus. Wenn
eine religiose Gemeinschaft von der Realitat der Sakramentwirkung
ausgeht - wir werden gleich weiter dariiber zu sprechen haben -, so
bedeutet das in der Tat etwas, was sich mit den Eingriffen, die durch
die Heilmittel geschehen, begegnet, und wir haben in solchen Ein-
richtungen, wie es zum Beispiel die heilige Ulung ist, etwas, was der
Priester zu bestreiten hat, neben dem Arzt am Krankenbett. Wir ha-
ben auf diesem Gebiete die Frage zu beantworten, respektive die bis-
herige Pastoralmedizin beantwortet sie, welche Bedeutung der Emp-
fang des Sakramentes des Abendmahles hat nach iiberstandener Krank-
heit und dergleichen. Wenn Spirituelles in Betracht kommt, dann
kommt durchaus das Zusammenwirken des Sakramentes mit dem Hei-
lungsvorgang beim Menschen in Betracht.
Ein weiteres Kapitel ist dasjenige - und das ist ein sehr ausfiihr-
liches Kapitel innerhalb der Pastoralmedizin -, welches sich damit
beschaftigt, wie sich der Seelsorger zu verhalten hat im Einklang mit
dem Arzt beim Psychopathen, bei seelisch minderwertigen oder bei
seelisch abnormen Personlichkeiten. Die Seelsorge wird modifiziert
fiir solche psychopathische Menschen. Das war im wesentlichen die
Aufgabe, welche sich die bisherige Pastoralmedizin gestellt hat, und
welche in ziemlich ausfiihrlicher Weise unter fortwahrender Berufung
auf die kirchenvaterlichen Stellen dariiber durch die Jahrhunderte hin-
durch abgehandelt wurden.
Das ist ein Gebiet, das ja uns, die wir innerhalb einer Erneuerung
des Geisteslebens stehen, nicht in demselben Lichte erscheinen kann.
Dafiir ergeben sich gerade aus den anthroposophischen Grundanschau-
ungen heraus wichtige, sehr wichtige Aufgaben fiir eine neue Pastoral-
medizin. Und inwiefern sich solche Aufgaben ergeben, wir konnen es,
meine lieben Freunde, studieren, wenn wir die Sache von zwei Seiten
her betrachten. Betrachten wir sie zunachst von der medizinischen Seite
aus.
Womit haben wir es bei der Therapie zu tun? Wir haben, wenn wir
das Heilmittel oder den Heilprozefi auf den kranken Menschen ein-
wirken lassen, es immer damit zu tun, dafi wir in der zu erzeugenden
Wirkung einer Substanz oder eines Prozesses, eines physischen oder
geistigen oder seelischen, da uberall iiber dasjenige hinausgehen, was
der sogenannte normale Wechselverkehr des Menschen mit der Um-
welt ist. Gleichgultig, welche Therapie wir anwenden, uberall ge-
hen wir hinaus iiber dasjenige, was der Mensch im alltaglichen Leben,
sei es bei der Nahrungsaufnahme, sei es beim Exponieren gegen-
iiber Licht und Luft oder beim Exponieren seelischen Einfliissen ge-
geniiber tut, uberall gehen wir iiber das hinaus in der Therapie. Selbst
schon einen kleinen Schritt gehen wir hinaus, wenn wir die Diat fest-
stellen, iiber das, was der Mensch in dem alltaglichen Wechselverkehr
mit der Umwelt einhalt. Wir lassen die Heilmittel einwirken auf den
Menschen. Ist das Heilmittel eine physische Substanz, so geht in der
Folge der Einwirkung des Heilmittels ein anderer Vorgang vor sich
als bei der blofien Nahrungsaufnahme. So ist es aber auch bei den an-
deren therapeutischen Einwirkungen. Stets aber greifen wir mit einer
therapeutischen Maftnahme in anderer Art auf den Menschen ein, als
im Leben zunachst auf ihn eingegrif fen wird. Denn wie wird im Leben
auf den Menschen eingegrif fen oder wie greift er selber ein? Meine
lieben Freunde, wir haben mit Bezug auf dasjenige, was im Menschen
Prozesse eingeht im Leben, oder eingehen kann, dreierlei zu unter-
scheiden: Erstens dasjenige, was im Menschen so wirkt, wie in der
aufieren Natur das Physikalisch-Chemische; zweitens dasjenige, was
wirkt im Menschen nicht auf physikalisch-chemische, sondern auf vi-
talistische Art. Wir haben zu sehen auf dasjenige, was im Leben wirkt,
aber wir haben drittens zu sehen auf dasjenige, was unmittelbar ein-
greift in die Region des Bewufttseins.
1. Physikalisch-Chemisches Tafel 1*
2. Leben
3. Bewufitsein
Hier miissen wir einen wichtigen Begriff feststellen. Im gewohnlichen
Leben haben wir die drei Bewufkseinszustande des Wachens, Traumens
und Schlafens. In dem Augenblick, wo wir mit einer wirklich thera-
peutischen Maftnahme herankommen, greifen wir ein in das Bewuftt-
sein. Wir greifen mehr oder weniger ein, je nachdem die therapeutische
Mafinahme ist. Aber dieses Eingreifen geschieht niemals in einer so
unmittelbaren Weise im sogenannten normalen Verlaufe des Lebens.
Ifit der Mensch blofi, gibt er sich blofi der gewohnlichen Nahrungs-
mittelaufnahme hin, dann laufen fort, wenn es sich eben um eine ge-
wohnliche Nahrungsmittelaufnahme handelt, sein Wachen, Traumen,
Schlafen in normaler Weise, hochstens daft man irgendwie mit der
Diat eingreift - da ist aber schon die Grenze verschiebbar - auf den
Organismus, um einen gesunderen Schlaf herbeizufuhren, als er vor-
handen ist. Aber es beginnt da schon das Therapeutische.
Ganz etwas anderes ist es, wenn der Mensch zum Beispiel im Fieber
ist, durch irgendwelche Umstande, und Sie therapeutisch eingreifen.
Wiirden Sie mit demselben Mittel, mit welchem Sie im Fieber therapeu~
tisch eingreifen, beim gesunden Menschen eingreifen, so wiirden Sie sei-
nen Bewufitseinszustand andern. Sie miissen also arbeiten als Arzt mit
demjenigen, was im Grunde genommen zu tun hat mit denBewufitseins-
zustanden. Wahrend man sonst beim gewohnlichen Wechselverkehr
des Menschen mit der Umwelt es zu tun hat mit dem Leben, hat man
es zu tun in der Medizin mit dem Eingreifen in die Bewufitseinszu-
stande. Sie konnen das iiberall bei jeder therapeutischen Mafinahme
finden, und es ist das Spezifische einer therapeutischen Maftnahme,
* 7.11 Hpn Tafpln sirhr anrVi S 1
dafi sie in dasjenige eingreift, was irgendwie mit der Variabilitat der
Bewufitseinszustande zu tun hat. Es gibt auch kein anderes wirksames
Heilmittel als dasjenige, das so tief in die menschliche Wesenheit ein-
greift, dafi es die menschliche Wesenheit ergreif t bis in diejenigen Quel-
len hinein, aus denen die Bewufitseinszustande resultieren. Damit aber
stellen Sie sich als Arzt, als Therapeut unmittelbar hinein in die gei-
stige Weltordnung. Denn Veranderung der Bewufitseinszustande be-
deutet, dafi Sie sich hineinstellen in die geistige Weltordnung. Und
Sie ziehen immer, wenn Sie eine real wirksame Heilung haben, Sie
ziehen immer gerade durch dieses Herandringen an die Bewufitseins-
zustande, wenn auch im Unterbewufitsein, das Seelische im therapeu-
tischen Prozefi heran. Sie bleiben nicht im Physischen. Die gewohnliche
Nahrungsmittelaufnahme, das gewohnliche Atmen, die sonstigen Vor-
gange bleiben im Physischen, und mittelbar wirken durch das Physische
die hoheren Glieder des Menschen. Sie wirken auch und sie wirken
durch das Physische; dagegen ziehen Sie das Seelische unmittelbar her-
ein, wenn Sie arztlich wirken, wenn Sie therapeutisch wirken. So kon-
nen wir sagen: der Arzt tritt heran, wenn er seinen Beruf rich tig ver-
steht, unmittelbar ans Spirituelle. Es ist nur scheinbar, dafi uns die
therapeutischen Mafinahmen als blofi physische oder biologische Pro-
zesse erscheinen. Sind sie wirklich therapeutische Mafinahmen - sonst
sind sie das niemals -, so ziehen sie immer das Seelische heran, wenn
das auch zunachst fur das gewohnliche Bewufitsein unbewufit bleibt.
Aber man sollte nur einmal, meine lieben Freunde, verfolgen, wenn
wirklich durch einen therapeutischen Prozefi, sagen wir, unmittelbar
das Fieber herabgesetzt ist, was da im Menschen vorgeht in Wirklich-
keit. Da wird bis in das Innerste seines Wesens hineingewirkt, wie um-
gekehrt der Krankheitsprozefi bis ins Innerste des Wesens hineinwirkt,
die Prozesse im Menschen tiber das blofi Physische und Biologische hin-
ausbringt. Das ist von der einen Seite. Wir sehen, wie ganz im wesent-
lichen das Arztsein, das Heilen aus dem Physischen ins Spirituelle durch
seine eigene Wesenheit hineinfiihrt.
Nehmen wir ebenso ernst den Priesterberuf . Wenn der Priesterberuf
nicht blofi ein Lehrberuf ist, sondern wenn er lebt im priesterlichen
Wirken, dann ist er verbunden mit dem Kultus, und der Kultus schliefit
in sich den Sakramentalismus. Aber der Sakramentalismus ist kein
Symbolismus. Der Sakramentalismus -was ist er? Er besteht darin, dafi
aufiere Vorgange geschehen. Diese aufieren Vorgange, die da gesche-
hen, tragen etwas in sich, was nicht aufgeht in dem Chemischen oder
Biologischen, was da geschieht, sondern was in sich schliefk Orientie-
rungen, Richtungen, die dem Physischen, Biologischen einverleibt wer-
den, und die im Spirituellen, im Geistigen ihren Urstand haben. Man
vollzieht sinnliche Prozesse, in die Spirituelles hineinstromt im Sich-
Vollziehen. Das geistig Wesenhafte geschieht im Kultus auf sinnen-
fallige Art. Und dasjenige, was sich da vor den Glaubigen vollzieht,
vollzieht sich ja zunachst vor dem Bewufksein und es darf sich nichts
anderes vollziehen als dasjenige, was vor dem Bewufksein sich voll-
zieht. Sonst ist es kein Kultus, kein Sakrament, sondern Suggestion.
Der Sakramentalismus, der Kultus im rechten Sinne darf niemals etwas
von Suggestion an sich haben, aber er hat urn so mehr das Spirituelle.
Er spielt sich vor dem Bewufksein ab, wirkt aber hinein in das Leben.
Der Mensch ifk nicht blofi beim Abendmahl die Substanz, die ihm
gereicht wird; dann hatte man es nicht mit einem Sakrament zu tun. Es
handelt sich auch nicht um ein Symbol, sondern es handelt sich um
etwas, was in sein Leben eingreift, weil das Sakrament aus der Orien-
tierung der geistigen Welt heraus vollzogen wird, zelebriert wird, so
dafi man sagen kann: Therapie fuhrt das Leben hinein ins Bewufksein.
Der Kultus mit dem Sakramentalismus fuhrt das Bewufksein hinein
in das Leben.
Therapie: Leben ► Bewufksein
Kultus (Sakrament) : Bewufksein -> Leben
Damit haben Sie die beiden polarischen Tatigkeiten: das therapeu-
tische Wirken und das Zelebrieren; beide verhalten sich in der Tat po-
larisch. Im therapeutischen Wirken wird aus dem Leben heraus in das
Bewufksein hineingearbeitet und das Bewufksein wird zum Mithelfer,
allerdings zu einem im gewohnlichen Bewufksein unbewufken Mit-
helfer beim therapeutischen Prozefi. Beim Zelebrieren wird das Leben
zum Mithelfer gemacht desjenigen, was vor dem Bewufksein sich voll-
zieht. Beides, meine lieben Freunde, nicht blofi so schematisch, wie es
jetzt vor Sie hingestellt ist, sondern tief innerlich geistig erfafit, bedarf
in der Regel des ganzen Menschen, wenn es Beruf wird. Und nur, weil
wir innerhalb unserer Zivilisation in der Therapie hinausgekommen
sind aus dem Geistigen und in der Theologie hinausgekommen sind
aus dem Konkreten, weil wir innerhalb unserer Zivilisation uns in der
Therapie verirrt haben in den Materialismus und in der Theologie in
die Abstraktion, ist heute das wahre Verhaltnis ganz und gar zuge-
deckt. Aber dieses wahre Verhaltnis mufi wieder ergriindet werden,
mufi wieder zur Wirksamkeit kommen. Es mufi wiederum ersichtlich
werden, wie der Arzt schon fur die Diagnose braucht den geschulten
Blick, der ihm einen biologischen oder sogar physischen Vorgang im
menschlichen Organismus im Lichte spiritueller Prozesse - denn alle
Prozesse im menschlichen Organismus sind spirituell - erscheinen lafit,
so daft der Arzt den geschulten Blick schon bei der Diagnose braucht
und noch mehr bei der Therapie fur das Aufleuchten des Geistigen
im Physischen.
Der Priester braucht den geschulten Blick fiir das Aufleuchten des
physischen Bildes fiir einen geistigen Vorgang. Wiederum das Pola-
rische. Aber Polaritaten miissen immer in der Welt zusammenwirken;
auch diese beiden Polaritaten miissen zusammenwirken. Und wie sie
zusammenwirken miissen, das wird gerade die Aufgabe sein, die inner-
halb der Anthroposophie zu ergriinden ist, die aber auch innerhalb der
Anthroposophie zur wirklichen Ausfiihrung kommt; so dafi denkbar
ist, meine lieben Freunde, dafi aus diesem Zusammensein innerhalb des
Kursus uber Pastoralmedizin tatsachlich fiir die Zukunft geschaffen
werden kann der anthroposophische Arzt, der aus seinem Verhaltnis
zur geistigen Welt in das rechte Verhaltnis zum Priester treten kann,
der wiederum aus der Bewegung fiir christliche Erneuerung heraus-
wachst. Es wird sich etwas ganz Spezielles ergeben fiir den Arzt und
fiir den Priester, und daraus kann dann das rechte Zusammenarbeiten
entstehen.
Denn was kann in diesem Falle nur Zusammenarbeiten heifien,
meine lieben Freunde? Zusammenarbeiten kann nicht heifien, dafi der
Priester arztet dilettantisch und der Arzt priestert dilettantisch. Das
kann es nicht heiften. Denn wenn das Zusammenarbeiten darin be-
stiinde, daft der Priester ein biftchen etwas von Medizin weift, der Arzt
etwas mitmacht vom Kultus der Priesterschaft, dann mochte ich wis-
sen, warum sie zusammenarbeiten sollen. Denn wozu sollte sich denn
der Arzt interessieren, der geschult ist, fur den priesterlich-arztlichen
Dilettantismus? Es ist gar keine Veranlassung dazu. Und warum sollte
denn fur irgend etwas Priesterliches in der Arzteschaft sich der Prie-
ster anders interessieren, als wenn der Arzt einen Seelsorger braucht?
Dagegen ist der Arzt ein tiichtiger Arzt, steht er drinnen im Medizi-
nischen, ist der Priester der richtige Priester, dann konnen sie zusam-
menarbeiten. Zusammenarbeiten heifit doch, daft man sich gegenseitig
das gibt, in dem man tiichtig ist, nicht daft der eine in die Sphare des
anderen eingreift.
Gerade dadurch aber, daft ein solches Zusammenarbeiten statt-
findet, gerade dadurch wird sich fur die Kultur ein Allerwich-
tigstes ergeben, das ergeben, daft durch diesen herbeigefuhrten
wechselseitigen Verkehr erst das wahre Verstandnis des Arztes
fur den Priester, des Priesters fur den Arzt entsteht, so daft
der Priester so viel weift vom Arzten, als ihm notig ist, der Arzt
so viel weift vom Beruf und der Mission des Priesters, als ihm wieder
notig ist. Es wird sich dann spater ergeben, inwieweit wiederum beide,
Arzt und Priester, im Zusammenwirken mit dem Padagogen etwas
Heilsames fiir die Menschheit wirken konnen. Aber das wird wieder
eine besondere Aufgabe sein. Auch da wird es ein Zusammenwirken
geben, gerade da in der mannigfaltigsten Weise, weil ja in der Tat Pad-
agogik wieder etwas ist, was von einem anderen Gesichtspunkte aus
zu betrachten ist. Der Priester kann nicht Arzt, der Arzt nicht Priester
werden, insoferne sie Arzt oder Priester sind. Beide aber konnen in
einem gewissen Sinne Padagogen sein, aber man mufi alle Arten dieses
Zusammenwirkens in ganz konkreter Weise auffassen. Deshalb mochte
ich Sie unter den Wahrheiten, die die Pastoralmedizin uberliefern soil,
zunachst fiir heute bitten, auch diese zu zahlen, die in der Warnung
vor dem chaotischen Ineinanderwerfen liegt, in dem Daraufbestehen,
daft alles aus wirklichen sachlichen und fachlichen Grundlagen her-
ausgearbeitet werde. Der Priester wird dem wirklichen Arzt dann
ein wirklicher Heifer sein, wenn er dahin wirkt, dafi der arztliche Di-
lettantismus zuriickgewiesen werde. Das wird mit zu seinen Aufgaben
gehoren. Und der Arzt wird manches tun konnen, gerade am Kran-
kenbett, um die Priesterwirkung da zur rechten Geltung zu bringen,
wo sie oftmals in der allerrealsten Weise in das Leben einzugreifen
hat: am Krankenbett.
Wir werden morgen diese Betrachtungen fortsetzen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 9. September 1924
Meine lieben Freunde! Wenn man von den gemeinsamen Angelegen-
heiten des Priesters und des Arztes spricht, so mufi der Blick zunachst
auf Erscheinungen kommen im menschlichen Leben, die in der Tat
leicht ins Pathologische hiniibergleiten, daher des Verstandnisses des
Arztes bedurfen, die aber auf der anderen Seite wiederum in einer
aufterordentlichen Weise in das Innere, ich mochte sagen, selbst in das
Esoterische des religiosen Lebens hineinspielen. Wir miissen uns ja
durchaus klar sein dariiber, daft eigentlich alle Zweige der mensch-
lichen Erkenntnis iiber etwas Grobes wiederum hinauskommen miis-
sen, das in der materialistischen Epoche in sie hineingekommen ist. Wir
brauchen uns nur zu erinnern, wie doch jetzt in einer gewissen Grob-
heit der Auffassung behandelt worden sind diejenigen Erscheinungen,
die eine Zeitlang zusammengefafit wurden unter «Genialitat und
Wahnsinn», grob behandelt worden sind von Lombroso und seiner
Schule, aber auch von anderen. Wir konnen ebensogut aufmerksam
machen nicht so sehr auf die Untersuchungen selbst - die haben ja
ihre Verdienste -, aber auf die Anschauungsweise, die dadurch zutage
trat, wir konnen ebenso aufmerksam machen auf dasjenige, was auf-
getreten ist als Kriminalanthropologie und die Schadel untersuchte der
Verbrecher. Die Gesinnungen, die dabei zutage traten, waren durch-
aus nicht nur grob, sondern trugen einen gewissen Stempel einer aufter-
ordentlich starken Philistrositat. Man kann schon sagen - und hier
diirfen wir uns durchaus solcher Kategorien bedienen, denn es handelt
sich um ein Grenzgebiet in der Pastoralmedizin -, man kann schon
sagen, da taten sich im Grunde als Forscher und Denker die Philister
zusammen, bildeten sich den Typus eines Normalmenschen heraus, der
moglichst ein Philister war. Und was eben abliegt, das war patholo-
gisch. Da das Genie nach der einen Seite, der Wahnsinn nach der an-
deren Seite abwich, so war eben beides in irgendeiner Weise patho-
logisch. Und da es fur den Einsichtigen ganz selbstverstandlich ist, dafi
jede pathologische Eigentumlichkeit sich auch korperlich ausdriickt,
so ist es ganz selbstverstandlich, dafi in korperlichen Merkmalen nach
der einen oder anderen Richtung hin Zeichen gefunden werden kon-
nen. Es handelt sich ja darum, diese Zeichen in der richtigen Weise zu
durchschauen. Gewifi ist ein Ohrlappchen unter Umstanden aufier-
ordentlich charakteristisch fiir eine psychologische Eigentiimlichkeit,
weil solche psychologische Eigentiimlichkeiten doch zusammenhangen
mit dem Karma, das aber aus friiheren Inkarnationen heriiberwirkt.
Das, was die Krafte des Aufbaues des physischen Organismus sind,
namentlich in den ersten sieben Lebensjahren, das sind dieselben Krafte,
die spater zutage treten. Wir wachsen ja in den ersten sieben Lebens-
jahren mit den Kraften, mit denen wir spater denken; und so ist es
schon wichtig und bedeutsam, dafi man gerade, aber nun nicht in der
hergebrachten, vor kurzem hergebrachten Weise, sondern in einer
wirklich sachgemafien Art an gewisse Erscheinungen zunachst her-
angeht. Weniger um sie als pathologisch anzusehen - ins Pathologische
werden wir schon gefuhrt werden, gerade von diesen Erscheinungen
aus -, als um von diesen Erscheinungen aus das menschliche Leben ein-
sehen zu konnen.
Stellen wir uns einmal ganz ernstlich, meine lieben Freunde, auf
den Standpunkt, den uns Anthroposophie uber den Menschen gibt.
Der Mensch tritt uns entgegen in seinem physischen Leib, der eine lange
Entwickelung hinter sich hat, der als physischer Leib durch drei vor-
bereitende Stadien, wie ich es beschrieben habe in meiner «Geheimwis-
senschaft im Umrifi» gegangen ist, bevor er der Erdenleib wurde, der
zu seinem Verstandnis wahrhaftig mehr braucht als dasjenige, was
heute in Anatomie und Physiologie ihm entgegengebracht wird. Denn
ich mochte auch hier darauf aufmerksam machen, dafi ja dieser phy-
sische Leib des Menschen, so wie er heute ist, ein getreues Abbild ist
des atherischen Leibes, der in seiner dritten Epoche ist, des astrali-
schen Leibes, der in seiner zweiten Epoche ist, und auch bis zu einem
gewissen Grade der Ich-Organisation, die der Mensch erst auf der Erde
aufgenommen hat, die also in ihrer ersten Epoche ist. Das alles pragt
sich wie Siegelabdriicke in dem physischen Leib des Menschen aus. Das
macht den physischen Leib dann aufierordentlich kompliziert, so wie
er uns heute entgegentritt. Er ist nur seiner rein mineralisch-physi-
schen Beschaffenheit nach mit den Erkenntniskraften durchschaubar,
mit den en man heute an ihn herantritt. Dasjenige, was der Atherleib
in ihn einpragt, das ist gar nicht mit diesen Erkenntniskraften durch-
schaubar. Es mufi mit den Augen des plastischen Kunstlers gesehen
werden. Das mufi gesehen werden so, dafi man sich erwirbt Anschau-
ungen, Bildgestaltungen, die aus den Kraften des Weltenalls heraus
erfafit werden und die man wiedererkennt in den Formen des ganzen
Menschen, wiedererkennt in den Formen der einzelnen Organe.
Fernerhin ist dieser physische Mensch ein Abbild desjenigen, was in
der Atmungs-Blutzirkulation ist. Die ganze Dynamik, die in der Blut-
zirkulation und Atmungszirkulation wirkend webt, die ist aber musi-
kalisch orientiert, die kann man nur verstehen, wenn man sie in musi-
kalischen Formen denkt. Man kann sie nur verstehen, wenn man zum
Beispiel so denkt, dafi man, sagen wir im Knochensystem sieht das-
jenige, in das hineingeflossen sind die Bildekrafte, die dann im feineren
in der Atmung und in der Zirkulation tatig sind, aber nach musika-
lischen Gestaltungskraften. Wir konnen geradezu wahrnehmen, wie
die Oktave ausgeht riickwarts von den Schulterblattern und den Kno-
chen entlang geht, und dafi die Arme in ihrer Knochenformation nicht
verstanden werden konnen aus einer mechanischen Dynamik heraus,
sondern wenn man ihnen ein musikalisches Verstandnis entgegen-
bringt. Da finden wir die Prim von den Schulterblattern bis zum An-
satz der Oberarmknochen, wir finden die Sekund im Oberarmknochen,
die Terz vom Ellenbogen bis zum Handgelenk. Wir finden da zwei
Knochen, weil es zwei Terzen gibt, eine grofie und eine kleine und so
weiter. Kurz, wenn wir dasjenige, was in der Atmung und Blutzirku-
lation beherrscht ist vom astralischen Leib, im Abdruck im physischen
Leibe wieder suchen, miissen wir musikalisches Verstandnis entgegen-
bringen.
Noch komplizierter ist das Verstandnis von der Ich-Organisation.
Da ist es notig zu begreifen, was angedeutet ist im ersten Vers des
Johannes-Evangeliums: «Im Urbeginne war das Wort ...» Was da als
Verstandnis des Wortes gemeint ist im Konkreten, nicht im Abstrakten,
wie es die Evangelien-Interpreten gewbhnlich geben, das, wieder an-
gewandt im Konkreten auf den wirklichen Menschen, gibt dann ein
Verstandnis von dem, wie die Ich-Organisation eingreift in den phy-
sisch-menschlichen Leib.
Sie sehen, wir miiftten noch mancherlei in unsere Studien aufneh-
men, wenn diese Studien wirklich zum Verstandnis des Menschen fiih-
ren sollten. Aber da es meine Uberzeugung ist, daft sowohl vom Me-
dizin- wie vom Theologiestudium aufterordentlich viel ausgelassen
werden konnte, so glaube ich, daft wenn man alles Wertvolle heraus-
nehmen wiirde, die Zahl der Jahre, die heute zum Beispiel ein Medizin-
student braucht, nicht verlangert, sondern gekiirzt werden konnte.
Aber natiirlich denkt man heute, wo man materialistisch denkt: wenn
man etwas Neues auf nimmt, stiickelt man ein halbes Jahr an die Kurse,
die ohnehin schon vorhanden sind.
Wenn man sich ernsthaft auf den Standpunkt stellt, den wir in der
Anthroposophie einnehmen miissen, so stellt der Mensch sich uns ge-
geniiber in seinem physischen, atherischen und astralischen Leibe und
in seiner Ich-Organisation. Wahrend des Wachens sind diese vier Glie-
der der menschlichen Organisation in inniger Verbindung. Wahrend
des Schlafens stellt sich auf die eine Seite der physische Leib und der
Atherleib, und entgegen auf die andere Seite die Ich-Organisation und
der Astralleib. Wenn wir uns ernsthaft auf diesen Standpunkt stellen,
dann werden wir uns ja sagen konnen, daft in der mannigfaltigsten
Weise Unregelmaftigkeiten auftreten konnen in der Verbindung der
Ich-Organisation, des astralischen Leibes mit dem atherischen Leibe
und dem physischen Leibe und so weiter. Sehen Sie, es kann zum Bei-
spiel dieses eintreten, sagen wir, ich wiirde - schematisch selbstver-
standlich - hier den physischen Leib zeichnen, den Atherleib, den
Tafd2 Astralleib, die Ich-Organisation (Tafel 2, links): so kann im wachen
Zustande immer die sogenannte normale Beziehung herrschen zwischen
diesen vier Gliedern der menschlichen Organisation.
Es kann aber auch so sein, daft zunachst der physische Leib und der
Atherleib in einer Art normalem Zusammenhang sind, daft auch noch
der astralische Leib verhaltnismaftig drinnensitzt, daft aber die Ich-
Organisation in einer gewissen Weise nicht ordentlich im astralischen
Tafel 2 Leibe drinnensitzt (Tafel 2, Mitte). Wir haben dann eine Unregelma-
ftigkeit, die uns zunachst in der wachen Organisation entgegentreten
kann. Der Mensch kommt mit seiner Ich-Organisation nicht gut in
seinen astralischen Leib hinein. Dadurch ist sein Empfindungsleben
durchaus gestort. Er kann sogar sehr lebhaft Gedanken bilden, denn
die Gedanken uberhaupt hangen von dem normalen Zusammenhang
des astralischen Leibes mit den anderen Leibern ab. Aber ob mit diesen
Gedanken auch die Sinnesempfindungen in der entsprechenden Weise
erfafit werden, das hangt davon ab, dafi die Ich-Organisation normal
mit den anderen Gliedern der menschlichen Wesenheit verbunden ist.
Ist das nicht der Fall, hangt sozusagen die Ich-Organisation nicht
ordentlich mit den anderen Gliedern der menschlichen Wesenheit zu-
sammen, dann werden die Sinnesempfindungen verblassen. In dem-
selben Mafie, in dem die Sinnesempfindungen verblassen, in demselben
Mafie werden die Gedanken intensiver. Fast gespenstisch treten sie auf ,
nicht so rein, wie wir sie sonst haben. Das Seelenleben eines solchen
Menschen verfliefit so, dafi seine Sinnesempfindungen etwas Ver-
schwindendes, Nebelhaftes haben, dafiir aber die Gedanken etwas
Lebendiges, Intensiviertes, Koloriertes haben, das fast den Eindruck
schwacher Sinnesempfindungen hervorruft.
Schlaft dann ein solcher Mensch, dann ist auch wahrend des Schla-
fes die Sache so, dafi die Ich-Organisation nicht ordentlich im astra-
lischen Leib drinnen ist. Die Folge davon ist, dafi jetzt aufierordentlich
starke Erlebnisse mit den Feinheiten der aufierlichen Welt auftreten.
Solch ein Mensch erlebt in demjenigen Teile der Welt, wo er eben ist,
mit seinem Ich und seinem astralischen Leib, wenn er aufier dem
physischen und atherischen Leib ist, die Feinheiten der Pflanzen,
die Feinheiten des Obstgartens um sein Haus herum. Nicht das, was
man bei Tage sieht, sondern die Feinheiten des Geschmacks der Apfel
und dergleichen. Das ist schon so, dafi das erlebt wird. Und dazu ver-
blafite Gedanken, die im astralischen Leibe nachwirkende Krafte dar-
stellen, aus dem wachen Leben nachwirkende Krafte darstellen.
Sehen Sie, es ist jetzt schwer, wenn man einen solchen Menschen
vor sich hat, und man kann ihn in irgendeiner Variante in den mannig-
faltigsten Lagen des Lebens vor sich haben, man kann ihn als Arzt
vor sich haben, man kann ihn als Priester vor sich haben, sogar als
ganze Kirche ihn vor sich haben. Er tritt einem in irgendeiner Form,
meinetwegen in einem Dorfe entgegen. Der Arzt sagt heute, nament-
lich wenn er ihn in irgendeinem Friihstadium des Lebens findet: Psycho-
pathologische Minderwertigkeit. - Der Priester, namentlich wenn er
ein gutgeschulter, sagen wir ein gutgeschulter Benediktiner ist - die
Weltpriester in der katholischen Kirche sind zuweilen nicht so gut
geschult aber wenn er ein gutgeschulter Benediktiner, Jesuit oder
Barnabit oder dergleichen ist, dann weifi er auf esoterische Art, dafi
man aus den Dingen, die da erzahlt werden von einem solchen Men-
schen - fur den modernen Arzt ist es eine psychopathologische Min-
derwertigkeit -, dafl man aus diesen Dingen, die da erzahlt werden,
wenn man sie richtig interpretiert - trotzdem man einen Menschen vor
sich hat, der hart an der Grenze stent zwischen Gesundheit und Krank-
heit, dessen Nervensystem zum Beispiel durchaus in pathologischem
Sinne aufgefafit werden kann wenn man einen solchen Menschen mit
durchaus labilem Gleichgewicht in den zutage tretenden Seelenkraften
vor sich hat, die ganz anders wirken als beim sogenannt normalen Men-
schen, dann weifi man, dafi einem doch aus diesen Dingen, wenn man
sie richtig interpretiert, echte Offenbarungen aus der geistigen Welt
entgegenkommen konnen, wie schliefilich von dem Wahnsinnigen sel-
ber - nur ist der Wahnsinnige nicht berufen dazu, sie zu interpretieren,
sondern nur derjenige, der die ganze Sache durchschaut. Man kann ihn
also als Arzt vor sich haben, und wir werden sehen, wie wir ihn in
einem anthroposophischen Sinne arztlich anzuschauen haben. Man
kann ihn als Priester vor sich haben, man kann ihn auch als Kirche
vor sich haben.
Nun kann es aber sein, dafi er sich sogar weiterentwickelt und dann
kommt etwas ganz Besonderes heraus. Nehmen wir an, er entwickelt
sich weiter, dieser Mensch. In einem gewissen Lebensalter ist er so, wie
ich ihn gezeichnet habe. Nehmen wir an, er entwickelt sich weiter, es
entsteht eine starkere Anziehung des nicht ganz im normalen Verhaltnis
zu den anderen Gliedern stehenden Ichs, so dafi spater dieses zustande
Tafel 2 kommt (Tafel 2, rechts). Wieder ist der physische und atherische Leib
sozusagen normal in Verbindung, aber die Ich-Organisation zieht den
astralischen Leib an sich, und der will jetzt auch nicht ganz drinnen
sein. Jetzt ist die Ich-Organisation und der astralische Leib mehr an-
einandergebunden und alle beide zusammen kommen nicht ordentlich
in den physischen und den Atherleib hinein. Bei einem solchen Men-
schen kann das Folgende eintreten. Wir gewahren an ihm, daft er nicht
imstande ist, seinen physischen Leib und Atherleib ordentlich zu be-
herrschen vom astralischen Leib und Ich aus. Er kann den Astralleib
und die Ich-Organisation nicht richtig vorschieben in die aufteren
Sinne. So daft alle Augenblicke ihn die Sinne verlassen, Uberhaupt
die Sinnesempfindungen verblassen und er in eine Art Taumel-Traum-
zustand kommt. Aber es konnen dann in der mannigfaltigsten Weise
gerade die moralischen Impulse mit einer besonderen Starke auftre-
ten. Sie konnen konfus auftreten, aber sie konnen auch in einer aufier-
ordentlich kasuistisch groftartigen Weise auftreten, wenn die Organi-
sation so ist.
Und wiederum findet der Arzt da in diesem Falle, daft eigentlich
wesentliche organische Veranderungen schon da sind in der Konsistenz
der Sinnesorgane und der Nervensubstanz. Die beachtet er weniger;
aber namentlich wird er finden, daft starke Abnormitaten in den fei-
neren Driisen und in der Hormonbildung da sind, in denjenigen Drii-
sen, die wir als Nebennieren bezeichnen, und in den Driisen, die hier
am Halse als kleine Driisen in der Schilddruse versteckt sind. Nament-
lich sind in einem solchen Fall Veranderungen der Hypophysis cerebri
und Epiphysis cerebri da. Das wird schon mehr beachtet als die Ver-
anderungen, die im Nervensystem und im ganzen Sinnessystem vor-
handen sind.
Der Priester kommt an einen solchen Menschen heran; dieser Mensch
erzahlt ihm von dem, was er unter einer solchen Konstitution erlebt.
Er erlebt unter einer solchen Konstitution etwa ein besonders starkes
Sundengefuhl, ein verstarktes Sundengefuhl, als sonst Menschen ha-
ben. Der Priester kann Mannigfaltiges lernen, und katholische Prie-
ster tun das. Sie lernen gerade von solchen Menschen die extreme Aus-
bildung dieses bei den anderen schwach entwickelten Sundengefuhls.
Die Nachstenliebe kann bei einem solchen Menschen bis zu ungeheurer
Intensitat anwachsen, so daft ein solcher Mensch gerade durch seine
Nachstenliebe in mannigfaltige Note kommt, die er dem Priester dann
beichtet.
Aber es kann noch weitergehen. Es kann jetzt dazu kommen, daft
der physische Leib verhaltnismaftig vereinsamt bleibt, daft der Ather-
leib dauernd oder zeitweise nicht ganz hineingeht in den physischen
Leib, daft dann der astralische Leib, der Atherleib und die Ich-Organi-
sation nahe miteinander verbunden sind und die physische Organisa-
Tafel3 tion drauften ist (Tafel 3). Man wird, wenn man sich heutiger mate-
rialistischer Ausdriicke bedient — aber wir werden aus diesen heraus-
wachsen im Laufe der Stunde -, einen solchen Menschen in den haufig-
sten Fallen empfinden als einen hochgradig schwachsinnigen Menschen,
der nach keiner Richtung hin, auch nicht nach der Willensrichtung
vom Geistig-Seelischen aus, seine physischen Glieder beherrschen kann.
Solch ein Mensch zieht gewissermaften die physische Organisation
nach. Ist von vornherein der Mensch so organisiert, dann empfindet
man ihn auch wirklich als schwachsinnig, weil der Mensch im gegen-
wartigen Stadium der Erdentwickelung, wenn das alles, die Ich-Orga-
nisation, die astralische Organisation und der Atherleib, so isoliert ist,
und einsam der physische Leib nachgeschleppt wird, dann nicht wahr-
nehmen kann, nicht tatig sein kann, sich nicht erleuchten kann an Ich-
Organisation, astralischem Leib und Atherleib; so bleibt das dunkel, was
er erlebt, und er geht wie betaubt in seinem physischen Leib herum. Es
ist in hohem Grade Schwachsinn vorhanden, und man muft nachden-
ken, in diesem Stadium, wie man in die physische Organisation die
anderen Leiber hineinbringen kann. Da kann es sich um padagogische
Maftregeln, aber auch durchaus um aufierlich therapeutische Maftnah-
men handeln. Der Priester aber kann in den Fall kommen, daft er ganz
uberrascht sein kann von dem, was ihm gerade ein solcher Mensch
beichtet. Der Priester kann sich sehr gescheit fiihlen, aber durchgebil-
dete Priester - es gibt solche wirklich im Katholizismus; man muft den
Katholizismus nicht kleinlich beurteilen -, die passen schon auf , wenn
ein solcher sogenannter Kranker zu ihnen kommt und zu ihnen sagt:
Was du von der Kanzel verkiindest, es will doch nicht viel besagen.
Das alles macht nichts aus, das reicht eigentlich nicht bis zur Woh-
nung Gottes, das hat alles nur aufterlichen Wert. In Gott muft man
wirklich mit seinem ganzen Menschen ruhen. - Das sagen solche Leute.
In allem iibrigen Leben benehmen sie sich so, daft man sie fur hoch-
gradig schwachsinnig halten kann, in der Unterredung mit den Prie-
stern kommen sie zuweilen mit solchen Dingen. Sie pratendieren, das
innere religiose Leben intimer zu kennen als die, die berufsmafiig da-
von reden. Sie haben eine Verachtung fur den, der berufsmafiig davon
redet und sie nennen das, was sie erleben, die «Ruhe in Gott». Und
sehen Sie, wieder mufi es sich fiir den Priester darum handeln, Mittel
und Wege zu finden, anzuknlipfen an dasjenige, was eigentlich ein
solcher, man kann sagen Patient, man kann aber auch anders sagen,
was ein solcher Mensch innerlich erlebt.
Man mufi da ein feines Verstandnis dafiir haben, wie das Patholo-
gische heruberspielt in allerlei Regionen, die den Menschen zunachst
unf ahig machen, in der physisch-sinnlichen Welt die rechten Wege zu
finden, die ihn unfahig machen in einer Weise, wie es das aufiere Le-
ben von uns alien fordert, zu sein; und wir sind in einem gewissen
Grade - es mufi so sein - alle fiir das aufiere Leben Philister. Aber
solche Menschen sind nicht veranlagt dazu, auf Philisterwegen zu ge-
deihen, sie gehen immer andere Wege. Man mufi als Priester ankniip-
fen konnen mit demjenigen, was man selber zu geben hat, an das, was
der andere da erlebt; sehr haufig sind es «die da». Das ist schon dasje-
nige, was erfordert ein Verstandnis fiir den feinen Obergang vom
Kranken ins Geistige.
Aber die Sache kann viel weitergehen. Denken wir uns nun einmal
folgendes: ein Mensch macht diesen ganzen Entwickelungsgang in ver-
schiedenen Lebensaltern durch. In einem bestimmten Lebensalter ist
er in diesem Zustand (Tafel 2, Mitte),wo die Ich-Organisation sich nur Tafel 2
losgelost hat von den anderen. In einem weiteren Lebensalter riickt er
zu diesem Zustand vor (Tafel 2, rechts), in einem weiteren zu diesem Tafel 2
(Tafel 3). Er macht so etwas nur durch, wenn schon der erste Zustand, Tafel 3
der noch der normale ist, vielleicht wahrend der Kindheit schon An-
lagen zeigt, in ein labiles statt in ein stabiles Gleichgewicht der Glieder
hineinzukommen. Wenn der Arzt nun iiber einen solchen Menschen
kommt, der dazu berufen ist, diese ganzen vier Stadien durchzuma-
chen - das erste hier etwas abnorm, die anderen aber in dem Sinne, wie
ich sie schematisch aufgezeichnet habe -, wenn der Arzt uber einen
solchen Menschen kommt, wird er finden: da ist ein aufierordentlich
labiles Gleichgewicht vorhanden, da mull man etwas befestigen. Es lafk
sich in der Regel nichts befestigen. Manchmal ist der Weg in einer
aufierordentlich intensiven Weise vorgezeichnet; es lafit sich nichts be-
festigen. Vielleicht, wenn der Arzt dann spater wieder an denselben
Menschen herankommt, findet er, dafi sich der erste labile Zustand ver-
wandelt hat in den anderen, wie ich ihn beschrieben habe mit dem
Nebuloswerden der Sinnesempfindungen, den stark kolorierten Ge-
danken. Spater findet er ein aufterordentlich starkes Siindenbewufit-
sein wieder, wovon der Arzt natiirlich, weil jetzt die Sache beginnt,
stark ins Seelische hinuberzuspielen, nicht gerne Notiz nimmt. Jetzt
geht dann in der Regel das Leben einer solchen Personlichkeit erst recht
an den Priester iiber, und namentlich, wenn es zum vierten Stadium
kommt.
Nun haben solche Menschen, die diese Stadien durchmachen - was
mit ihrem Karma, mit ihren wiederholten Erdenleben zusammen-
hangt -, rein innerlich intuitiv ausgebildet eine wunderbare Termino-
logie. Sie konnen reden - namentlich wenn sie die Stadien hinterein-
ander durchmachen, so dafi das erste Stadium nahezu normal war -,
sie konnen reden in einer wunderbaren Weise iiber das, was sie erleben.
Sie sagen zum Beispiel als ganz junger Mensch, wenn das labile Stadium
mit siebzehn oder neunzehn Jahren auftritt: Der Mensch mufi sich
selbst erkennen. - Und mit Intensitat fordern sie nach alien Rich-
tungen von sich selbst die Selbsterkenntnis. Hier, wo die Ich-Organi-
sation heraustritt, kommen sie von selbst auf das aktive meditative
Leben. Sie nennen es sehr haufig «das tatige Gebet», was ein aktives
Meditieren ist, und sind sehr dankbar, wenn ihnen irgendein geschul-
ter Priester Vorschriften gibt iiber das Gebet. Sie gehen dann ganz auf
in dem Gebet, erleben aber zu gleicher Zeit in diesem Gebet dasjenige,
was sie jetzt anfangen, mit einer wunderbaren Terminologie zu bele-
gen. Sie blicken zuriick auf ihr erstes Stadium und nennen das, was sie
wahrnehmen: die erste Wohnung Gottes, weil sie dadurch, daft sie mit
ihrem Ich nicht ganz untertauchen in die iibrigen Glieder, sich gewis-
sermafien auch von innen beschauen, nicht blofi von aufien. Das ver-
grofiert sich, wenn man von innen beschaut, das wird wie ein weiter
Raum: die erste Wohnung Gottes.
Das, was dann auftritt, was ich von einem gewissen Gesichtspunkte
beschrieben habe, das wird reicher, es wird innerlich gegliedert; der
Mensch sieht viel mehr von seinem Inneren: die zweite Wohnung Got-
tes. Wenn das dritte Stadium eintritt, ist die innere Schau von einer
aufierordentlichen Schonheit, und solche Menschen sagen sich: Ich sehe
die dritte Wohnung Gottes mit ungeheuren Herrlichkeiten, mit den
darin wandelnden geistigen Wesenheiten. - Es ist Innenschau, aber es
ist eine machtige, grandiose Anschauung einer geistwebenden Welt. Die
dritte Wohnung Gottes oder das Haus Gottes. Das ist in der Sprache
verschieden. Kommen sie bei dem vierten Stadium an, dann wollen sie
nicht mehr aufnehmen irgendwelche Ratschlage in bezug auf aktive
Meditation, sondern sie bekommen gewohnlich die Ansicht, alles mufi
ihnen durch Gnade selber gegeben werden. Sie miissen warten. Sie spre-
chen vom passiven Gebet, von der passiven Meditation, die man nicht
unternehmen darf, die eintreten mufi, wenn sie einem Gott geben will.
Da mufi der Priester einen feinen Spiirsinn dafur haben, wenn das eine
Stadium in das andere iibergeht. Dann reden diese Menschen von dem
«Ruhegebet», wobei der Mensch gar nichts mehr tut, wobei er Gott in
sich walten lafit. So erlebt er es in der vierten Wohnung Gottes.
Der Priester kann unter Umstanden aus den Beschreibungen, die
nun gegeben werden, aus dem, was nun, wenn wir arztlich reden, so ein
«Patient» spricht, tatsachlich aufierordentlich viel Esoterisch-Theo-
logisches lernen. Und ist er ein guter Interpret, so wird ihm das Theo-
logische ungeheuer konkret, wenn er hinhorcht auf dasjenige, was ihm
solche «Patienten» sagen - ich sage das unter Gansefiifichen -, zu sa-
gen wissen. Vieles von dem, was namentlich in der katholischen Theo-
logie gelehrt wird, in der pastoralen Theologie, es riihrt her von dem
Verkehr von aufgeklarten, geschulten Beichtvatern mit Beichtkindern,
die sich in dieser Richtung entwickeln.
Die gewohnlichen Begriffe, die man hat iiber Gesundsein und
Kranksein, horen auf, ihre Geltung, ihre Bedeutung zu haben. Steckt
man eine Personlichkeit wie diese in ein Biiro, oder macht man sie zur
gewohnlichen Ehefrau, wo sie das Kochen beaufsichtigen mufi oder
sonst etwas im biirgerlichen Leben, so wird sie richtig wahnsinnig, und
fuhrt sich eben so auf, aufierlich, dafi sie gar nicht anders aufgefafit
werden kann als wahnsinnig. Bemerkt der Priester im rechten Moment,
wohin der Weg geht, dirigiert er sie ins Nonnenhafte hinein; lafit er sie
im entsprechenden Milieu leben, entwickeln sich die vier Stadien hin-
tereinander, so dafi in der Tat der geschulte Beichtvater durch eine
solche Patientin in einer ahnlichen Weise im modernen Stil hinein-
schauen kann in die geistigen Welten wie der griechische Priester durch
die Pythien, die ihm durch den Rauch, den Dunst der Erde alierlei
iiber die geistige Welt kundgegeben haben, sich iiber die geistige Welt
unterrichten liefien. Was hilft es viel, wenn heute einer eine Disserta-
tion schreibt iiber das Pathologische der griechischen Pythien! Das kann
man ganz gut, das wird richtig sein, auch exakt sein, aber es ist nichts
damit getan in einem hoheren Sinne. Denn im Grunde genommen ist
doch ungeheuer vieles von dem, was aus der griechischen Theologie im
eminenten Sinne hineingeflossen ist in das ganze griechische Kultur-
leben, entstanden unter den Offenbarungen der Pythien. Die Pythien
waren in der Regel Personlichkeiten, die entweder bis zu diesem dritten
Stadium oder gar bis zum vierten Stadium gekommen sind. Aber den-
ken wir uns in einer spateren Zeit, eine Personlichkeit mache gerade
unter der klugen Fiihrung von Beichtvatern diese Stadien so durch,
dafi sie sich ungehindert hingeben kann ihren inneren Anschauungen,
dann wird etwas aufierordentlich Wunderbares aus ihr, das deshalb
doch in einem gewissen Grade pathologisch bleibt. Dann hat es nicht
nur der Arzt, nicht nur der Priester, dann hat es die ganze Kirche da-
mit zu tun und beschaftigt sich damit, dafi sie diese Personlichkeit nach
dem Tode heilig spricht; und das ist die heilige Tberesia, die hat un-
gefahr diesen Weg durchgemacht.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, an diesen Dingen mufi man sich
heranschulen, wenn man dasjenige, was in der Verstandigung von Me-
dizin und Theologie zur Einsicht in die menschliche Wesenheit fuhren
mufi, wenn man in dem wirken will. Dann mufi man dazu kommen,
iiber die gewohnlichen Begriffskategorien hinauszukommen, die da
ihren Sinn verlieren, denn sonst kann man nicht mehr einen Heiligen
von einem Narren, einen Wahnsinnigen von einem Genie unterschei-
den, und gar nichts mehr unterscheiden, als wenn einer ein normaler
Durchschnittsbiirger ist, von all den anderen.
Das ist die Anschauung der menschlichen Wesenheit, die nun zu-
nachst mit Verstandnis verfolgt werden mufi, die wirklich ins griind-
lich Esoterische hineinfiihren kann, die aber ungeheuer aufklarend ist
nicht nur iiber psychologische Abnormitaten, sondern die aufklarend
wirken kann auch uber physische Abnormitaten, iiber physisches
Kranksein. Denn damit solche Stadien eintreten, meine lieben Freunde,
sind ja gewisse Voraussetzungen notig, Voraussetzungen, die in einer
gewissen Konsistenz eines solchen Ichs, das nicht ganz hineingeht, und
eines solchen Astralleibs liegen. Ist aber die Konsistenz nicht fein wie
bei der heiligen Theresia, sondern grob, dann bildet sich folgendes. Bei
der heiligen Theresia bildeten sich durch die Feinheit ihrer Ich-Organi-
sation und die Feinheit ihres Astralleibes plastisch gewisse physische
Organe, namentlich Unterleibsorgane, sehr an die Ich-Organisation
und an den astralischen Leib.
Aber es kann so eintreten, dafi die Ich-Organisation und der astra-
lische Leib recht grob sind und dennoch diese Eigentiimlichkeit haben.
Dann tritt noch immer die Moglichkeit auf, weil die Ich-Organisation
und der Astralleib grob sind, dafi eine solche Personlichkeit ziemlich
normal sein kann. Aber dann konnen die physischen Korrelate auftre-
ten, und es ist nur eine physische Erkrankung da. Man mochte sagen:
man kann die Konstitution haben der heiligen Theresia mit all dem
Poetischen ihrer Offenbarungen auf der einen Seite und das physische
Gegenbild in kranken Unterleibsorganen, die sich dann nicht zeigen
in ihrem Ausleben in der Ich-Organisation und astralischen Organi-
sation.
Von all diesen Dingen mufi gesprochen werden. Alle diese Dinge
miissen durchschaut werden, denn sie treten demjenigen, der Arzt-
aufgaben hat, und auch demjenigen, der Priesteraufgaben hat, durch-
aus entgegen, und er mufi ihnen gewachsen sein. Erst dann beginnt
Theologisch-Religioses wirksam zu sein, wenn der Theologe solchen
Erscheinungen gewachsen ist. Erst dann wird der Arzt zum Heiler der
Menschen, wenn er auch solchen Erscheinungen gewachsen ist.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 10. September 1924
Meine lieben Freunde! Man sieht in die ganze Wesenheit des Menschen
dann tief hinein, wenn man solche Betrachtungen, wie wir sie gestern
angestellt haben, noch ein wenig fortsetzt. Insbesondere sieht man das
Bedeutungsvolle des Oberganges von Gesundheit zur Krankheit gerade
an solchen Erscheinungen. Deshalb mochte ich Ihnen die Erscheinung,
die da steht zwischen gewissen pathologischen Wegen, die in der
menschlichen Entwickelung eingeschlagen werden, und zwischen einer
Art naturgemafier Einweihung als Entwickelungsstromung, die zwi-
schen pathologischen Stromungen der menschlichen Natur und zwi-
schen der Einweihungsstromung mitten drinnen liegt, und sowohl mit
dem einen wie mit dem anderen verwandt ist, solche Entwickelung der
menschlichen Wesenheit mochte ich Ihnen noch etwas auseinander-
setzen.
Typisch fur solche Entwickelungen sind solche Personlichkeiten,
wie eben gerade die gestern erwahnte heilige Theresia. Man kann noch
anderes beobachten, als ich gestern erwahnt habe, wenn man den
Entwickelungsweg solcher Personlichkeiten beobachtet. Bei ihnen fin-
det statt eine Art Hereintreten der geistigen Welt in den Wahrneh-
mungshorizont des Menschen. Natiirlich ware die Schilderung schwie-
rig, weil man die Worte, die man gebraucht, nicht eigentlich so hat in
der gewohnlichen Sprache, daft sie diese abnormen Zustande ganz ge-
nau charakterisieren. Aber es wird ja verstandlich sein dasjenige, was
ich Ihnen zu sagen habe. Das, was hereintritt in den Gesichtskreis,
wird in dem ersten Stadium von solchen Personlichkeiten genannt: der
Eintritt in die erste Wohnung Gottes. In dem ersten Stadium wirkt
das wie eine blofie «Anwesenheit». Solche Personen finden, dafi sie
keine genauen Gesichte etwa haben von demjenigen, was sie als An-
wesenheit irgendeiner geistigen Wesenheit erleben, sondern sie haben,
namentlich wenn das Erlebnis zu Ende geht, ein deutliches Empfinden
davon, dafi die betreffende Wesenheit da war, mit ihnen zusammen
war. Das Zusammensein ganz im Allgemeinen gehalten, das ist das
erste, und solange die betreffenden Personlichkeiten in diesem Stadium
ihrer Entwickelung sind, werden sie sogar unwillig, wenn ihnen ein
anderer von Visionen und Gesichten erzahlt, weil sie die Meinung ha-
ben: ihr Erlebnis ist ein viel innigeres, ein vie! intimeres und wahreres.
Sie sind in diesem Erlebnis so darinnen, daft sie die Empfindung ha-
ben: Das Obersinnliche darf nicht bis zum Gesicht kommen, sondern
es muft blofiwie ein allgemeines Erlebnis der Anwesenheitdastehen. Das
ist das erste.
Dann aber treten diese Personlichkeiten in das zweite Stadium ein.
Da erzahlen sie nun schon von wirklich bildhaften Wahrnehmungen
der anwesenden geistigen Wesenheiten. Namentlich erzahlen sie zu-
nachst von Beriihrungsempfindungen, von geistiger Handauflegung
oder selbst Stirnberiihrung und dergleichen, ohne daft zunachst eine
an die Augenwahrnehmung erinnernde Vision da ist. Aber die Zu-
stande steigern sich dann bis zu dieser an Augenwahrnehmung erin-
nernden Vision. Sie konnen sich so steigern, daft eine solche Personlich-
keit zum Beispiel Jesus wie in wirklicher Person vor sich sieht. Das ist
in der Regel das zweite Stadium. Es ist das Eigentumliche, daft solche
Personlichkeiten, wenn sie aus dem ersten in das zweite Stadium ein-
treten, keine starke Empfindung davon haben, daft, wenn ihnen ein
anderer von diesem zweiten Stadium erzahlt hat, sie fruher unwillig
geworden sind. Diese scharfe erinnerungsgemafte Verbindung der zwei
Stadien ist nicht da. Die Personlichkeiten leben ganz intensiv in den
jeweiligen einzelnen Stadien.
Bemerkenswert ist das dritte Stadium, das dann solche Personlich-
keiten erleben. Dieses dritte Stadium erfahrt tatsachlich in der Schil-
derung solcher Personen etwas nach alien Richtungen hin scharf Kolo-
riertes. Diese Personlichkeiten erzahlen davon, wie sie, wenn das Er-
lebnis kommt, ungeheuer Schmerzvolles durchmachen. So Schmerz-
volles, daft ja in der Tat, wenn diese Personlichkeiten beobachtet wer-
den konnen wahrend dieses Erlebnisses, das Schmerzerlebnis sich in
derselben Weise auslebt als Stohnen und so weiter, wie sich Schmerzen,
die im physischen Leib und atherischen Leib ihre Ursachen haben, eben
im Leben aussprechen. Aber das Eigentumliche ist, daft diese Person-
lichkeiten, sagen wir, dazu kommen, sich diesen Schmerz zu wiinschen
und ihn als etwas betrachten, das sie haben wollen, weil sie als natur-
gemaft ansehen, das Erlebnis in der richtigen Weise zu erlangen im
Durchgang durch den Schmerz.
Dann steigern sie sich dazu, daft sie den Schmerz innerlich verwan-
deln. Das ist das ganz besonders interessante Stadium: es wird der
Schmerz, indem er genau in der Tatsache so bleibt, wie er ist, zum Lust-
gefiihl, bis zum Wonnegefuhl gesteigert. Das Erlebnis geht also so, daft
der Schmerz eintritt, der objektive Bestand derselbe bleibt, aber jetzt
geht es im Geistigen weiter. Wiirde man die Person gleich wieder heraus-
versetzen aus dem Geistigen, wiirde sie den Schmerz so spiiren wie ein
Kranker das tut; sie tut das auch, wenn sie wieder zuruckkommt aus
dem Hb'chststadium des Erlebnisses. Aber in dem Hochststadium des
Erlebnisses, wo sie nicht mehr das Gefiihl hat: die geistige Wesenheit
kommt zu ihr, sondern sie hat sich erhoben in die geistige Welt, in die-
sem Stadium verwandelt sich - man wiirde sagen: subjektiv, aber die
Ausdriicke stimmen nicht ganz - der Schmerz bis ins Wonnegefuhl hin-
ein. Und dann tritt die Verobjektivierung, die symbolische Verobjek-
tivierung des Schmerzes ein. So daft eine solche Personlichkeit dann,
wenn sie wieder zuruckkommt aus dem Erlebnis und die Erinnerung
hat - und gerade bei diesem Hochsterlebnis ist zumeist eine deutliche
Erinnerung vorhanden; es ist nicht eine Erinnerungslosigkeit, sondern
zumeist eine sehr deutliche Erinnerung vorhanden -, so daft eine solche
Personlichkeit schildert: Ein Seraphim oder ein Cherubim stand an der
Seite von ihr, hatte ein Schwert, das stieft er ihr in die Eingeweide, das
verursachte einen furchtbaren Schmerz; und indem er es herauszog,
zog er die Eingeweide mit heraus, und gerade nachdem das eingetreten
ware, dieses Herausziehen der Eingeweide, ware das hochst wonne-
volle Erleben in der Gegenwart des Gottes erfolgt.
Sehen Sie, so sind in der Regel die aufeinanderfolgenden Stadien.
Wir konnen nun diese aufeinanderfolgenden Stadien recht genau ver-
folgen mit demjenigen, was anthroposophische Erkenntnis ist. Denn,
sehen Sie, das erste Stadium besteht ja darin, daft die Ich-Organisation,
nachdem das Vorstadium, das ich gestern beschrieben habe, voriiber
Tafel 2 ist, in der gestrigen Aufeinanderfolge der Zeichnungen also das zweite
Mltte Stadium begonnen hat, daft die Ich-Organisation den astralischen Leib
an sich zieht und mit ihm zusammen erlebt, ohne daft diese Verbin-
dung von Ich-Organisation und astralischem Leib normal tief eingreift
in den physischen Leib und in den Atherleib. So daft, was im gewohn-
lichen Bewufitsein nie vorkommen kann, eigentlich bei solchen Per-
sonen in einem halbwachen oder viertelswachen oder dreiviertelswachen
Zustande ein Erleben da ist, das fur sich besteht, und in der Ich-Orga-
nisation und im Astralleib verlauft, wahrend nebenhergeht in einer
gewissen Selbstandigkeit das Erleben des atherischen und des physi-
schen Leibes. Es gehen also parallel Erlebnisse: ein geistiges Erlebnis,
das in der Ich-Organisation und im astralischen Leibe ablauft, und
das nur begleitet wird vom Erleben des atherischen Leibes und des phy-
sischen Leibes. Das ist im normalen Bewufttsein nie der Fall, weil im
normalen Bewufitsein sehr intensiv alle vier Glieder der menschlichen
Wesenheit verbunden sind, so daft es keine solche parallel ablaufenden
Erlebnisse gibt. Da steht alles miteinander in Verbindung. In diesem
Erleben ist im eminentesten Sinne die Art der Empfindung, die ganze
Art des Erlebens so, daft der Mensch mit dem, was er erlebt, sich eins
weifi. Er weifi zunachst als hauptsachlichstes Erlebnis das Einssein,
denn der astralische Leib, wenn er an die Ich-Organisation herange-
zogen wird und geistige Entitaten erlebt, dann erlebt er sie als An-
wesenheit, es ist da. Ungefahr so erlebt man es, wie man den eigenen
Leib erlebt. Man differenziert nicht in der Wahrnehmung, man erlebt
ihn nicht als etwas Aufienstehendes, man erlebt sich eins, das ist das
erste. Das ist das «Erlebnis der Anwesenheit».
Nun gehen wir zum zweiten Stadium. Das wird dadurch interes- Tafel2
sant, daft die betreffende Personlichkeit zuerst allerlei Beriihrungs-
vorstellungen hat, die sehr leicht naturlich von der gewohnlichen Pa-
thologie verwechselt werden konnen mit dem, was man da auch in
der Psychiatrie kennt, aber doch nicht dasselbe sind. Dann steigern sie
sich zu wirklichen Visionen. Es ist das dasjenige Stadium, wo nun Ich-
Organisation und astralische Organisation auch noch den Atherleib
nehmen, so daft ein Parallelerlebnis so ist, daft Ich-Organisation, astra-
lische Organisation und Atherleib etwas herausgehoben aus dem phy-
sischen Leib miteinander erleben, und parallel gehend der physische
Leib seine Prozesse abspielen hat. Dadurch tritt etwas Besonderes ein.
Wenn wir mit den Augen schauen im gewohnlichen Leben, ist der Vor-
gang so, daft wir von auften, vom Licht gereizt werden, daft wir den
Reiz weiter aufnehmen nach innen. Er geht dann bis zum atherischen
Leib, der Reiz, und vom atherischen Leib aus schafft er das Bewuftt-
seinserlebnis. So ist es zum Beispiel beim Auge auch. Wenn Sie sehen,
wird der erste Reiz ausgeiibt, der auftere Reiz, der zunachst im Ich er-
regt wird, in den astralischen Leib eindringt, bis zum Atherleib dringt,
und der Atherleib ist es dann, der das ganze Bewufitseinserlebnis dem
Menschen mitteilt, indem er gewissermaften nach alien Seiten stoftt an
die physische Organisation. In diesem Stofien liegt das Bewufttseins-
erlebnis. Das ist der genaue Vorgang. Der Vorgang beim Auge, sche-
matisch dargestellt, wiirde etwa dieser sein (siehe Zeichnung) : der Reiz
wird ausgeiibt, wirkt zunachst im Ich, geht iiber in den astralischen
Leib, in den Atherleib, das, was im Atherleib wirkt, stoftt nach alien
Seiten in das Physische hinein, das Physische stofk zuruck, und der
Ruckstoft vom Physischen ist das eigentliche Augenerlebnis. Es ist ein
fortwahrendes Spiel zwischen dem Atherleib und der Aderhaut, der
Netzhaut. Dasjenige, was der Atherleib in der Aderhaut und in der
Netzhaut tut, ist dasjenige, was im gewohnlichen Bewufttsein als
Augenerlebnis eben erscheint. Ahnlich ist es bei jedem Sinneswahrneh-
men. Fur den, der die Dinge durchschaut, ist jede Schilderung, die in
den heutigen Psychologien steht oder gar in den Erkenntnistheorien,
eine furchtbare Kinderei.
Nun sehen Sie, bei solchen Personlichkeiten, wie ich sie Ihnen ge-
schildert habe, wird ja der Atherleib unmittelbar ergriffen von dem
4
Erlebnis. Das Erlebnis sitzt im Ich, im astralischen Leib, im Ather-
leib, stofit jetzt nicht an die Sinne, sondern stofit von innen an das-
jenige, was Nerven-Sinnessystem ist, stofit eigentlich zuerst an das
Driisensystem, dann an das Nervensystem und von da aus strahlt es
erst in die Sinne ein, so daft die Sinne ganz in polarisch entgegengesetz-
ter Weise ergriffen werden wie sonst im gewohnlichen Leben. Statt
daft durch die Sinne das Bewufitseinserlebnis erregt wird, wird das
Bewufitseinserlebnis koloriert, intensiviert, bildhaft gemacht, indem
es von innen gegen die Sinne hin zustrahlt. Dadurch entstehen, in-
dem gestrahlt wird, in den Empfindungsnerven Beriihrungsvorstel-
lungen. Das steigert sich bis zur Vision. Sie sehen jetzt den ganzen in-
neren Vorgang.
Wenn die Entwickelung weitergeht, dann nimmt sie eben ihre Rich-
tung weiter, dann will von einer ganz anderen Seite, als es sonst der
Fall ist, Ich-Organisation, astralischer Leib und Atherleib den physi-
schen Leib ergreifen, der nicht gewohnt ist, von innen heraus ergriffen
zu werden, sondern der gewohnt ist, von auften her ergriffen zu wer-
den. Er soil jetzt von innen ergriffen werden. Es soil derselbe Vorgang
sich vollziehen mitten im Leben, der sich eigentlich nur vollzieht, wenn
die geistig-seelische Organisation des Menschen aus der geistig-see-
lischen Welt heruntersteigt in den physischen Leib drei Wochen nach
der Empfangnis. Dieser Vorgang, der kann sich ja sonst nicht voll-
ziehen im gewohnlichen Leben, weil der Atherleib verbunden ist mit
dem physischen Leib. Jetzt ist der Atherleib herausgehoben von dem
Ich-Organismus und vom astralischen Leib ergriffen. Man ist wie bei
der Geburt, wo man von dem physischen Leib Besitz ergreift, und nun
geht es weiter und man will diesen physischen Leib von einer ganz
anderen Seite anfassen. Das tut weh. Denn eigentlich besteht auch in
Krankheitsfallen jeder Schmerz darin, daft in einer anderen Richtung
angefaftt wird der Korper als in der gewohnten Weise. Das aber ge-
schieht in dem Augenblick, wo das dritte Stadium erreicht wird. Nun
braucht es Sie nicht zu iiberraschen, daft dieses dritte Stadium sich
verobjektiviert, daft es in den physischen Leib eindringt, der ihm Wi-
derstand leistet, der ohne die regelrechte Initiation nicht so ergriffen
werden kann, der durchaus, wenn nicht eine regelrechte Initiation da
ist, eben Widerstand leistet und daher Schmerz verursacht. Er stofit
im Schmerz zuriick dasjenige, was er erlebt. Das ist das erste Stadium
des Erlebens, das da ist wiederum fur dieses dritte Stadium. Der phy-
sische Leib leistet Widerstand, der Widerstand lebt sich aus im Schmerz.
Was dringt durch den Schmerz ein? Durch den Schmerz dringt die
wirkliche geistige Welt ein. Die kommt durch den Schmerz. Die geistige
Welt kommt eben von der anderen Seite. Auf der Seite der gewohn-
lichen Sinneswahrnehmung, des gewohnlichen Denkens liegt das Er-
greifen der physischen Welt. Die geistige Welt wird in der entgegen-
gesetzten Weise ergriffen. Der Weg zu ihr fiihrt durch den Schmerz.
Aber in dem Augenblick, wo der physische Leib Widerstand leistet,
ist allerdings der intensive Schmerz da, aber in dem Augenblick, wo
der Schmerz ergriffen wird von der geistigen Welt, wo die geistige
Welt eindringt, da verwandelt sich der Schmerz bis zu dem Wonne-
gefiihl. Es ist schon so. Zunachst ist im Organismus der Schmerz da,
aber in den Schmerz dringt die geistige Welt ein, durchstromt den
Schmerz: ein Cherubim oder Seraphim erscheint - so ergibt sich die
Imagination -, stofit sein Schwert hinein, zieht es heraus - das bedeu-
tet, dafi man unabhangig wird vom physischen Leibe, so wie man ihn
gewohnlich hat -, indem er die Gedarme mitzieht. Man erlebt nicht
in den Gedarmen, sondern ist ubergegangen zum Erleben des Geisti-
gen. Der physische Schmerz verwandelt sich in Wonne. Die Leute
sprechen von der Gegenwart Gottes, oder wenn sie differenzieren, von
der Gegenwart der geistigen Welt.
Dieses letzte Stadium wird erlebt von solchen Personlichkeiten,
welche in ihrem Atherleib stark genug sind, um den ganzen Vorgang
ertragen zu konnen. Es kommt bei diesen Personlichkeiten die Sache
eben deshalb, weil sie in ihrem Karma begriindet ist. Nehmen Sie zum
Beispiel eine solche Personlichkeit wie die heilige Theresia. Sie kommt
aus einer friiheren Inkarnation, in der ihre Seele ganz besonders stark
geworden ist, sehr stark geworden ist. Sie verkorpert sich als heilige
Theresia. Sie ergreift, bevor sie den physischen Leib ergreift bei der
Inkarnation, in intensiver Weise den atherischen Leib. Der wird star-
ker, innerlich qualitativ intensiver als bei gewohnlichen Menschen.
Diesen innerlich verstarkten, innerlich qualitativ verstarkten atheri-
schen Leib tragt sie an sich. Dieser qualitativ verstarkte atherische Leib,
der tritt entsprechend aus dem physischen Leib heraus, er bindet sich
stark an den astralischen Leib und an das Ich, weil die an sich auch
wieder stark sind aus einer friiheren Inkarnation her. Und das ist ja
der Grund, warum Krankheiten, wenigstens eine gewisse Sorte von
Krankheiten entstehen, dafi der atherische Leib sich nicht halt an den
Organen, wenn da die vitalisierenden Ernahrungskrafte drinnen sind
in dem atherischen Leib. Es geschieht aber solchen Leuten in dem
Augenblick, wo sie solche Erlebnisse haben vom Aspekt der physischen
Menschenbeobachtung aus, wenn das Erleben in das dritte Stadium
eintritt, dafi sie richtig krank werden. Aber der atherische Leib ist zur
gleichen Zeit stark und bringt es noch zuwege, im Stadium nascendi des
Krankwerdens die Krankheit wieder zu iiberwinden, so dafi der Pro-
zefi, der sich da abspielt, ein Prozefl ist, wo im Status nascendi die
Krankheit auftritt, aber zu gleicher Zeit die selbstwirkende Therapie
innerlich von dem starken atherischen Leibe ausgeht. Der ganze Pro-
zefi ist ein latentes Krankwerden und Heilen. Das ist etwas, was zum
Interessantesten im Bereiche der Menschheitsentwickelung gehort.
Gerade bei einer solchen Personlichkeit wie der heiligen Theresia
sehen Sie im Endstadium ihrer Entwickelung ein fortwahrendes im
Status nascendi eintretendes Kranksein und ein fortwahrendes Aus-
heilen. Diese Wechselwirkung, dieser Pendelschlag, dieser wunderbare
Pendelschlag zwischen Krankwerden und Ausheilen, der spielt sich na-
tiirlich nicht in der physischen Welt ab, denn fur die ist er nicht ge-
schaffen, sondern er spielt sich in der geistigen Welt ab. Nicht wahr,
wenn der Atherleib geformt wird vor der Erdeninkarnation, dann be-
kommt er seine Gestalt. In diesen Moment zuriickversetzt wird eine
solche Personlichkeit wie die heilige Theresia. Aber indem sie hervor-
ruft im Status nascendi den pathologischen Zustand, schwingt sie hin-
auf in die Welt, in der sie vor der Geburt war, also in die geistige Welt
hinein. Der Pendelschlag ist das Untertauchen in den physischen Leib,
das Hinaufschlagen in die geistige Welt. Geistige Welt - physische
Welt, geistige Welt - physische Welt, aber die physische Welt im po-
larischen Gegensatz erlebend, wie man sie sonst erlebt, so wie man sie
sonst nur erlebt beim Eintreten in die Inkarnation. Dieser innerliche
Gesundungsprozeft, dieser vom Weltenall heraus sich vollziehende the-
rapeutische Prozefi, der ist so etwas Intensives, dafi er in der Tat an-
steckend wirken kann auf Kranke in der Nahe von solchen Personlich-
keiten, wenn ihre Krankheit einigermafien in der Richtung liegt, in
der sich die ganze Sache abspielt, so dafi in der Tat die wunderbarsten
Heilungen in der Nahe solcher Personlichkeiten geschehen konnen.
Ja, die Sache kann viel weitergehen, und in den alteren, besseren
Zeiten der Kirche wurden diese Dinge, die spater ausgeartet sind in
einen aberglaubischen Reliquiendienst, Zauberdienst, in einer feinsin-
nigen esoterischen Weise beniitzt. Denn es ist schon so, daft in den
besseren Zeiten der religiosen Entwickelung anschauliche, bis in das
imaginative Schildern hinein anschauliche Biographien von solchen
Personlichkeiten gegeben worden sind, an die Glaubigen herangebracht
worden sind, so daft sie sich erfullen konnten mit dem ganzen Bild-
haften solcher Personlichkeiten. Und da konnte es schon geschehen,
ich will nicht sagen, daft es immer geschehen ist, aber es konnte ge-
schehen, daft, wenn ein verstandiger Fiihrer in einer solchen Angele-
genheit da war, er einfach einer Personlichkeit des gewohnlichen Le-
bens, deren Krankheit sich nach einer gewissen Richtung hin entwik-
kelte, diese intensiv imaginativ geschriebene Biographie in die Hand
gab, vielleicht verstarkt durch sein eigenes Wort. Und dadurch konn-
ten auch Heilungsprozesse sich vollziehen, so daft schon die Hinlen-
kung von der Mentalitat solcher Personlichkeiten zum Leben eines
solchen Heiligen therapeutische Bedeutung hat.
Sehen Sie, es fiihren eben die Betrachtungen, die so tief in die
menschliche Wesenheit hineingehen, immer aus dem gesunden Zu-
stand in den kranken Zustand hiniiber, aber in den Zustand des iiber-
sinnlichen Erlebens. Deshalb ist es ja so, daft wenn Sie irgendwie je-
mandem raten, Ubungen zu machen, um irgendwie in die ubersinnliche
Welt hineinzukommen, so miissen diese Obungen in der Richtung orien-
tiert sein, dafi sie die Ich-Organisation, den astralischen Leib und den
atherischen Leib verstarken, erkraftigen, damit in der Tat solch ein
Prozefi, wie ich ihn geschildert habe als einen einfach durch das Karma
der betreffenden Personlichkeit gegebenen, damit ein solcher Prozefi
in der richtigen Weise sich vollziehen kann. Dasjenige, was eigentlich
in der Initiation sich vollzieht, man kann es schon studieren, indem
man solche hart an das Pathologische heranstreif ende Prozesse studiert.
Daher ist es fiir den Arzt nicht von geringer Bedeutung, wenn er sich
dazu herbeilafit, das Leben solcher Personlichkeiten zu studieren, denn
er findet gerade in dem Leben solcher Personlichkeiten dasjenige, was
man eigentlich nur durch ein Paradoxon ausdrucken kann. Er findet
in dem Leben solcher Personlichkeiten das gesunde Gegenbild eines da
oder dort auftretenden pathologischen Symptomkomplexes, und das
ist fiir den Arzt das Allerfruchtbarste, zu schauen das gesunde Gegen-
bild eines pathologischen Prozesses. Das ist dasjenige, was innerlich
esoterisch am allermeisten hineinfuhrt in die Handhabung des Thera-
peutischen. Kommt dann noch dazu die Erkenntnis etwa des Materiell-
Substantiellen, das als Heilmittel auftreten kann in seiner Verwandt-
schaft, in seiner Affinitat mit irgendwelchen Kraften des Atherleibes,
die bei solchen abnormen Personlichkeiten in Selbstregulation tatig
werden, lernt man also kennen, in welcher Weise der Atherleib der
heiligen Theresia Krafte entwickelte, wenn im Status nascendi die
Krankheit auftritt, und lernt man die gesundenden Krafte mit den
spiefiigen im Antimon wirkenden Kraften kennen, dann hat man von
der Natur selber abgelesen den therapeutischen Prozefi.
Man mochte sagen, in der Betrachtung solcher Erlebnisse liegt das
Merkwiirdige, das Paradoxe, daft man lernt die Krankheit anschauen
von der anderen Seite, von der Seite, von der aus die Krankheiten die
geistigen Wesenheiten handhaben, nicht der Mensch. Denn eine Hand-
habung ist diejenige, welche die Menschen der Krankheit gegeniiber ent-
wickeln; das ist die eine Handhabung. Das ist die von dem Aspekt der
Erde aus. Sie besteht darin, daft wir wieder jenes Verhaltnis herbeifiih-
ren durch die Therapie, welche die Krankheit aufhebt. Die geistigen
Wesenheiten, die es mit dem Menschen zu tun haben, handhaben die
Krankheiten anders. Sie arbeiten die Krankheit in das Netz des Karma
hinein. Das ist ihr Geschaft. Allerdings ein Geschaft, welches nicht
so nahe die Dinge aneinander fiigt, wie sie durch Pathologie hier auf
Erden verbunden sind. Hier kann man nicht einen Menschen, der mit
siebzehn Jahren krank wird, mit fiinfundvierzig Jahren heilen. Aber
mit Bezug auf die Karmagestaltung ist es allerdings so, daft das, was in
irgendeiner Inkarnation als Krankheitsprozefi verlauft - ob er geheilt
wird oder nicht ins Karma verwoben wird, aber vielleicht in drei-
tausend Jahren, denn die Zeit hat ganz andere Mafistabe innerhalb der
geistigen Welt. Aber man lernt sehr viel an denjenigen Prozessen, wo
das eintritt, was vom geistigen Gesichtspunkt aus gesehen in der gei-
stigen Welt schon eintreten kann, dann aber auch herunterstrahlen
kann in die physische Welt.
Sehen Sie, nehmen Sie einen solchen Prozefl, wie ich ihn Ihnen eben
angedeutet habe, der sich vielleicht in dem gewohnlichen Verlauf der
Evolution in dreitausend Jahren vollzieht. Ich will durch diesen Strich
andeuten, daft irgend etwas, was heute mit dem Menschen geschieht,
von den geistigen Wesen so ausgestaltet wird, dafi das andere, was als
Ausgleichendes dazugehort, in dreitausend Jahren eintritt. Das ist der
normale Prozefi. Aber sehen Sie, im gewohnlichen Leben kennt man
ja die Zeit nur sehr ungenau. Wie stellt man sich im gewohnlichen Le-
ben die Zeit vor? Wie eine von der vergangenen Unendlichkeit durch
die Gegenwart in die Zukunft hineinlaufende Linie. So ungefahr stellt
man sich die Zeit vor, allerdings eine dicke Linie, nicht eine Linie, son-
dern ein dickes Seil, denn sie enthalt alles, was man uberhaupt wahr-
nimmt in der Welt, zugleich in jedem einzelnen Augenblick der Ge-
genwart. Man stellt sie sich so vor, wenn man uberhaupt sich etwas
vorstellt. Die meisten Menschen stellen sich das uberhaupt gar nicht
vor. Geistig angesehen, ist die Sache nicht so. Und man lernt schwer
Verstandnis finden fur geistige Verlaufe, die ja in alien physischen Ver-
laufen drinnen sind, wenn man sich die Zeit nur so vorstellen kann.
4
3000 gahre
Aber die Zeit ist in der Realitat nicht so, sondern der ganze Faden, den
ich da an die Tafel gezekhnet habe, der kann verwickelt zu einem
Knauel werden. In diesem Knauel ist die ganze Zeitlinie drinnen, die
dreitausend Jahre sind in einem Knauel. Die Zeit kann sich verknaueln,
und wenn sie sich fur irgendeine Evolution verknauelt, diese Zeit, dann
kann der Knauel eben in einem Menschen leben. Bei der heiligen The-
resia lebte eine verknauelte Zeit in dem irdischen Leben. Das ist eigent-
lich das Mysterium, daft Dinge, die sonst in dem Karma weit ausein-
anderriicken, zusammengeschoben werden. (Siehe Zeichnung.) Tafel 4
Hier also sehen Sie, wenn man an eine solche Erscheinung heran-
tritt, wie die innere geistige karmische Betrachtung an die auftere pa-
thologisch-therapeutische Betrachtung sich anschliefit. Da aber sehen
Sie, wie nun die priesterliche Behandlung des Menschen, der ja seinen
Ausblick halten mufi nach den karmischen Zusammenhangen, nach
dem Geistigen, wie die sich beruhren kann mit demjenigen, was nur
vom medizinischen Standpunkt aus iiber diese Dinge allein durchschaut
werden kann. Denn es gehort ja zum Durchschauen von solchen Din-
gen nicht nur theoretisches Wissen, sondern Darinnenleben in den
Dingen. Darinnenleben von der Seite, die sich eroffnet von dem Patho-
logisch-Physiologischen aus, soli der Arzt. Darinnenleben in den Din-
gen von der Seite, die sich vom theologisch-karmischen Standpunkt
aus ergibt, soil der Priester. Und im Zusammenwirken wird sich dann
Harmonie ergeben - das mull immer wieder beachtet werden -, nicht
im dilettantischen Ineinandermischen.
Sehen Sie, nun hangt mit diesen Dingen noch etwas anderes zu-
sammen, namentlich fiir unsere Zeit. Sie wissen ja, meine lieben
Freunde, wie sauer es wird einem Menschen, eine Idee zu begreifen,
die eigentlich fiir den unbefangenen Menschen selbstverstandlich ist
und welche geleugnet wird, weil der Intellekt von den Philosophen
nicht heran kann: die Idee des freien Willens. Ich sagte iiber die Sin-
nesempfindungen: die Dinge, die in den Physiologien und in den Psy-
chologien stehen, nehmen sich dem gegemiber, der die Dinge durch-
schaut, kindisch aus. Aber was iiber die Idee des freien Willens ge-
schwatzt wird, erst recht. Denn Sie miissen bedenken, dafi der freie
Willensentschlufi in jedem Augenblick ein Effekt der ganzen mensch-
lichen Wesenheit ist; der ganzen menschlichen Wesenheit, wie sie sich ge-
sund oder krank oder halbkrank oder iibergesund darlebt, in dem f reien
Willensimpetus. Im freien Willensimpetus liegt der ganze Mensch dar-
innen, aber mit alledem, was man am ganzen Menschen durchschauen
kann, mit alien Komplikationen liegt er darinnen. Die menschliche
Natur lernt man erst kennen, wenn man sie in dieser Komplikation
erkennen lernt. Und sehen Sie, das, was bei abnormen Personlichkeiten
nach der einen oder anderen Seite hin eine abnorme Schattierung an-
nimmt, ist aufgehoben, zur Harmonie vereinigt in jedem Menschen.
Es ist ein trivialer Ausspruch, aber er ist wahr: so wie der Mensch
zuganglich ist fur den Cherubim, so ist er auch zuganglich fur den
Teufel. Und auch diese Prozesse, wo der Mensch zuganglich ist fur den
Teufel - wir werden sie noch studieren. Aber das alles ist auch im
gewohnlichen Menschen, nur dafi die entgegengesetzten Tatigkeiten
sich aufheben, weil sie sich nach den verschiedensten Richtungen gleich
stark entwickeln. Wenn in jedem ein Engel ist, so ist auch in jedem ein
Teufel. Aber wenn der Engel und Teufel gleich stark sind fur irgend
etwas, dann heben sie sich auf .
Nun betrachten Sie diese Waage (siehe Zeichnung). Es gibt einen
Punkt, es ist dieser. Sie konnen hier Gewichte auflegen, das kann alles
in Bewegung geraten. Das bleibt immer in Ruhe, das Hypomochlion,
es wird nicht beriihrt von dem, was Sie links, von dem, was Sie rechts
auflegen. Aber es mufi die Einrichtung getroffen werden, daft es nicht
beriihrt zu werden braucht. Ein ahnliches geistiges Hypomochlion
wird im Menschen bewirkt von den entgegengesetzten Kraften. Sie
konnen daher studieren des Menschen Natur. Sie werden nirgends eine
Veranlassung haben, den Menschen als freies Wesen zu statuieren, denn
in der Natur des Menschen ist alles kausal bedingt. Studieren Sie mit
materialistischer Gesinnung die Natur des Menschen: Sie kommen nicht
zur Freiheitsidee, Sie kommen zur kausalen Bedingung. Sie konnen
aber auch den Menschen geistig studieren. Sie kommen zur Determina-
tion des Willens durch die Gottheit oder die geistigen Wesenheiten, aber
Sie kommen nicht zur Freiheit des Willens. Sie konnen ein grobklot-
ziger Materialist sein und die Freiheit leugnen und die Naturkausalitat
des Willens studieren, Sie konnen ein feinsinniger Kopf sein wie Leib-
niz und auf das Geistige sehen: Sie kommen zum Determinismus. Na-
tiirlich, solange Sie die Waagschale mit dem Waagbalken hier studie-
ren, kommen Sie nur zur Bewegung; solange Sie die Waagschale mit
dem Waagbalken hier studieren, kommen Sie auch nur zur Bewegung.
So ist es, wenn Sie den Menschen studieren nach der Natur, so ist es,
wenn Sie den Menschen studieren nach dem Geist. Sie kommen nicht
zur Freiheit. Sie liegt mitten drinnen im Gleichgewichtspunkt zwischen
beiden.
Das ist die Theorie. Aber die Praxis ist so, dafi Sie zu entscheiden
haben bei einem Menschen, der vor Ihnen steht in einer schwierigen
Lebenslage, ob Sie ihn verantwortlich machen konnen fiir seine Tat.
Da wird die Frage praktisch, ob er seinen freien Willen handhaben kann
oder nicht. Woran konnen Sie das entscheiden? Dadurch, dafi Sie zu
beurteilen vermogen, ob seine geistige und physische Konstitution sich
das Gleichgewicht halten. In beide Falle kann sowohl der Arzt wie der
Priester kommen. Daher mufi zur Schulung des Arztes wie des Prie-
sters gehoren ein Durchschauen jenes Zustandes, in dem der Mensch
entweder im Gleichgewicht zwischen Geist und Natur ist, oder in dem
dieses Gleichgewicht verschoben ist.
Niemals kann iiber das Verantwortungsgefiihl einer menschlichen
Persdnlichkeit anders entschieden werden als nach einer tiefen Er-
kenntnis der menschlichen Wesenheit. Die Freiheitsfrage in Verbin-
dung mit der Verantwortungsfrage ist eben eine denkbar tiefste.
Daran wollen wir morgen ankniipfen und weiter fortsetzen. Wir
werden sehen, was von der einen Seite ins Gesunde und von der an-
deren Seite ins Pathologische hineinfuhrt.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 11. September 1924
Meine lieben Freunde! Wir werden heute in unserer Betrachtung ein
Kapitel Anthroposophie einschieben, das sonst ja vor Laien nicht in
einer solchen Ausfuhrlichkeit behandelt zu werden braucht, das wir
aber, wenn wir fortsetzen wollen namentlich die Auseinandersetzun-
gen von gesunder Verantwortlichkeit und krankhafter pathologischer
Unverantwortlichkeit, wie sie fur den Arzt sowohl wie fur den Prie-
ster wichtig zu erkennen sind, dann brauchen werden.
Da ist vor alien Dingen von besonderer Bedeutung, dafi man hinein-
schauen kann in die Frage: Was ist am Menschen eigentlich vererbt,
was stammt alles aus der Vererbungslinie, und was ist nicht vererbt,
sondern mufi auf andere Weise in die menschliche Wesenheit hinein-
gebracht werden? - Dafi man diese beiden, man konnte sagen, In-
gredienzien der menschlichen Wesenheit zu unterscheiden vermag, da-
von hangt ungeheuer viel ab bei der Beurteilung des gesunden und des
kranken Menschen. Wenn der Mensch aus geistig-iibersinnlichen Wel-
ten in die sinnliche Welt hereintritt, das heifit, wenn die Verbindung
desjenigen geschieht, was ihm gegeben wird als aus der Vererbung
stammend, wenn er das verbindet mit dem, was er sich mitbringt aus
fruheren Erdenleben und aus dem Aufenthalt zwischen Tod und neuer
Geburt, dann sehen wir ja, wie sich der Mensch, zunachst als Kind, von
Tag zu Tag, von Woche zu Woche entwickelt. Aber solange man nicht
hinblickt auf den viergliedrigen Menschen nach physischem Leib,
Atherleib, astralischem Leib und Ich-Organisation, so lange ist man
nicht imstande, diese Entwickelung zu verstehen, weil man nicht durch-
schauen kann, inwiefern die einzelnen Glieder der menschlichen We-
senheit, die ja ganz verschiedenen Ursprungs sind, aus verschiedenen
Wei ten herkommen, an dieser Entwickelung beteiligt sind.
Der Mensch hat zunachst seinen physischen Organismus. Die auf-
falligste Erscheinung an diesem physischen Organismus ist die, dafi er
innerhalb desselben zunachst in dem ersten Abschnitt seines Lebens
bis zum Zahnwechsel die ersten Zahne hat, die mit dem Zahnwechsel
ausgewechselt werden. Nun ist die Auswechselung der Zahne ja nur,
ich mochte sagen, das Extremste, was da am Menschen ausgewechselt
wird. Denn in Wahrheit tragt der Mensch materiell dasjenige, was er
als physischen Leib mit der Kindheit empfangt, mit der Geburt emp-
fangen hat, nur bis zum Zahnwechsel mit sich. Wir streifen fortwah-
rend aus unserer Form heraus die physische Materie ab. Der Vorgang
ist allerdings komplizierter, als dafi man ihn einfach, wenn man exakt
sein will, so vorstellen konnte, daft man sagt: Der Mensch stofit im
Laufe von sieben bis acht Jahren seine samtliche physische Materie ab
und erneuert sie. - Es ist etwas daran durchaus stimmend, aber man
braucht nur auf den Zahnwechsel selbst hinzuschauen, dann wird man
schon finden, dafi man sich das etwas modifiziert vorzustellen hat.
Denn ware in dieser Abstraktheit die Sache richtig, miifiten wir immer
nach sieben Jahren frische Zahne bekommen. Das ist aber nicht der
Fall. Wir bekommen sie nur einmal. Nun sind aber die Zahne gerade
zu demjenigen gehorig, was nach einmaliger Auswechselung eben nicht
eine Erneuerung erfahrt. Sie sind im extremsten Sinne dazugehorig.
Aber es ist ja der Lauf der Entwickelung des Menschen auf Erden iiber-
haupt so, daft er sozusagen immer mehr und mehr, je alter er wird, von
der alten physischen Materie etwas in sich behalt. Eine Auswechselung
in sieben- bis achtjahrigen Zeitraumen der weitaus meisten Teile der
physischen Materie findet schon statt, aber wir mussen unterscheiden
am Menschen zwischen etwas, was immerhin zuruckbleibt; mit dem
siebenten Jahre sind es nur die Zahne, die sich dann ansetzen und dann
bleiben, aber nach weiteren rhythmischen Wiederholungen solcher
Ubergangszeiten bleiben auch immer in der menschlichen Wesenheit
Teile des Materiellen stehen, die nicht ausgewechselt werden, obwohl
der grofite Teil des Menschen im Verlauf von sieben bis acht Jahren
seine Materie durchaus auswechselt. So dafi also gesagt werden mufi
radikal fiir die sieben ersten Lebensjahre ungefahr, dafi der Mensch
die gesamte Materie, die er hat, wenn er geboren wird, abstreift, nichts
von ihr zuriickbehalt, sondern nur die in ihnen wirkenden und wesen-
den Krafte zuriickbehalt, die sich die ganz neu akquirierte Materie fiir
die ersten sieben Lebensjahre so aneignen, dafi der Mensch die Erneue-
rung seines physischen Leibes bis zu den Zahnen eben hat mit dem
Zahnwechsel. Damit aber, meine lieben Freunde, wird auch verstand-
lich, dafi das eigentliche Vererbungsprinzip, so wie es die heutige Na-
turwissenschaft vorstellt, nur fiir die ersten sieben Lebensjahre gilt.
Nur in diesen ersten sieben Lebensjahren ist die Sache so, daft der
Mensch die Eigenschaften, die er in sich tragt, vererbt bekommt von
Eltern und Voreltern. Es bildet der physische Leib fiir diese ersten sie-
ben Lebensjahre gewissermaften eine Art Modell, nach dem der im
Menschen arbeitende Kunstler, der da besteht nun in diesen Jahren aus
Atherleib, Astralleib und Ich, einen neuen physischen Leib ausarbeitet.
Das sehen wir ja gerade, wie miteinander arbeiten, ich mochte sagen,
in kunstlerisch arbeitende Wechselwirkung treten dasjenige, was der
Mensch sich hereinbringt aus geistigen Welten: seine Individualitat,
seine Wesenheit und das, was er vererbt bekommt. Ist der Mensch eine
starke Natur in bezug auf seine innere Individualitat, bringt er sich
eine innerlich intensive, starke Astralitat und Ich-Wesenheit mit, die
wiederum den atherischen Leib stark machen, dann werden wir einen
Menschen aufspriefien sehen, der aus seinem Inneren heraus sich wenig
an das Modell halt, sondern nur in den allgemeinen Formen sich an das
Modell halt. Fiir denjenigen, der fiir wirkliche Gestaltungen einen Sinn
hat, fiir den wird dann schon hervortreten, dafi ja natiirlich, weil das
allgemein menschliche Modell eingehalten werden mufi, weil schon eine
Affinitat zu der Menschenform vorhanden ist, die man vererbt be-
kommt - Ziige davon bleiben iiber den Zahnwechsel hinaus -, aber fiir
eine feinere Beobachtung ist es durchaus anschaulich, wie bei innerlich
starken Individualitaten nach dem Zahnwechsel wesentliche Veran-
derungen eintreten, die davon herriihren, dafi sich die starke Indivi-
dualitat nur wenig an das Modell, das ihr durch die Vererbung iiber-
liefert wird, halt.
Wenn wir nachforschen bei einer solchen Individualitat wie die hier
ofter genannte heilige Tberesia, so wiirde man wegen der schon gestern
erwahnten starken Individualitat gerade bei solchen Naturen finden,
wie sie in den ersten sieben Lebensjahren zwar sehr gleichen ihren
Eltern, wie sie aber im neunten und zehnten Lebensjahre Formen an-
nehmen, die einen iiberraschen, weil da sich erst die eigentliche Indi-
vidualitat herausarbeitet. So daft Vererbung nur gilt fiir den ersten
Lebensabschnitt im strengen Sinne des Wortes, und was spater als Ver-
erbung erscheint, ist nicht Vererbung in Wirklichkeit, das mull er-
kannt werden, das ist Arbeit nach dem Modell, das vererbt ist. Mehr
oder weniger wird die Arbeit, die entsteht, dem Modell gleichen. Aber
es ist nicht Vererbung, es ist den vererbten Merkmalen nachgebildet.
Der blofte Naturwissenschafter, der findet, daft das weitergeht mit
dem gewohnlichen Vererbungsprinzip. Derjenige, der in die Wesenheit
des Menschen hineinschaut, weifi, daft ein qualitativ ganz Verschiede-
nes auftritt fiir die Ahnlichkeit mit den Eltern nach dem Zahnwechsel
als vor dem Zahnwechsel. Vor dem Zahnwechsel sind es wirklich die
Krafte der Vererbung. Nach dem Zahnwechsel sind es die Krafte,
die nach dem Modell arbeiten. Fiir eine exakte Anschauung darf man
ebensowenig sagen, daft der Mensch dasjenige, was er zwischen sieben
und vierzehn Jahren, also zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife,
an sich tragt, vererbt hat, wie man von jemandem, der in der Galerie
sitzt und die Sixtinische Madonna portratiert, wie man von dem sagen
darf, seine Portratmalerei hat durch Vererbung von der in der Galerie
hangenden Madonna die Eigenschaft erhalten. So ist es schon, daft es
fast geglaubt wird.
Nun sehen Sie aber, an welcher Art von Arbeit in der Hauptsache
der Atherleib sich beteiligt, welche Arbeit der Atherleib hat; denn
wenig beteiligen sich in diesen Jahren bis zum Zahnwechsel noch der
astralische Leib und die Ich-Organisation an der Arbeit. Er bildet einen
neuen physischen Menschenleib nach dem Modell. Warum tut er das?
Die Frage ist allerdings sonderbar gestellt, weil man solche Warum-
Fragen der Natur gegeniiber nicht stellen kann. Es soil auch nur eine
rhetorische Frage sein. Warum tut er das? Er tut das aus dem Grunde,
weil er, wie der Mensch iiberhaupt in seiner ganzen Wesenheit in den
ersten sieben Lebensjahren, noch nicht dazu veranlagt ist, eine andere
Art von Eindriicken von der Aufienwelt zu empfangen als eine ganz
besondere Art von Eindriicken. Und hier stofien wir auf ein sehr wich-
tiges Geheimnis der menschlichen Entwickelung, auf ein Geheimnis,
das die Frage beantwortet: Was nimmt denn das Kind eigentlich
wahr? - Es liegt weit ab von den Vorstellungen, die man gegenwartig
hat, das, was Antwort auf diese Fragen gibt. Aber Sie werden schon
darauf kommen, was gemeint ist, wenn ich die Sache in der folgenden
Weise darstelle.
Der Mensch lebt, sagen wir, zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt beziehungsweise einer neuen Konzeption in der geistigen Welt
(Tafel 5, oben). In dieser geistigen Welt ist er umgeben von ganz an- Tafel 5
deren Realitaten, als sie hier in der physischen Welt zu finden sind. Es
ist eine ganz andere Welt. Er tritt aus dieser Welt, deren Gesetzmafiig-
keit wir andeuten mochten durch diese Linie (weift), er tritt aus dieser
Welt herein in die physische Welt (gelb), setzt sein Leben in der phy-
sischen Welt mit einem physischen Korper, den er empfangt, fort; aber
in dieser physischen Welt wirken, allerdings verborgen durch das
menschliche Sinnesanschauen, weiter dieselben Krafte, die hier (rot)
sind. Wenn Sie einen Baum anschauen, meine lieben Freunde, so wir-
ken darin dieselben geistigen Krafte, denen Sie gegenuberstehen zwi-
schen Tod und neuer Geburt, nur sind sie verdeckt, verhiillt durch die
physische Materie des Baumes. Oberall in der physischen Welt, in der
wir sind zwischen Geburt und Tod, wirken die geistigen Krafte auch
im Hintergrund der sinnlich-physischen Entitaten. So daft wir die
Wirksamkeit der geistigen Welt uns hinein fortgesetzt denken in die
Welt, die wir durchleben zwischen Geburt und Tod. Nun ist es in den
ersten sieben Lebensjahren so, daft das Kind nichts anderes in Wahrheit
mit seiner vollen Wesenheit vereinigen kann als dieses Geistige, in alien
Farben, in alien Formen, in aller Warme, in aller Kalte. Das Kind
nimmt eine Fortsetzung der geistigen Wirksamkeiten vollig wahr, wenn
es hereintritt in die physische Welt, dann in immer schwacheren Gra-
den bis zum Zahnwechsel. Eine Sinnesempfindung - man beachtet das
nicht - ist etwas ganz anderes fur ein Kind als fur einen Erwachsenen.
Eine Sinnesempfindung ist fur ein Kind etwas ganz Geistiges. Daher ist
es auch, wenn das Kind - wie ich es in der Padagogik sage - einen jah-
zornigen Vater neben sich hat, dafi es nicht mit Bewufitsein in die
jahzornige Geste sieht, sondern das Moralische drinnen in der Geste,
das geht in seinen Leib liber. So dafi das Kind in der Zeit, in der es mit
den Kraften arbeitet, um sich seinen physischen Leib, der jetzt sein
eigener ist, nach dem Modell zu erarbeiten, dafi es in dieser Zeit im
Grunde genommen ganz orientiert ist hin auf die geistigen Unter-
griinde, arbeitet aus der Geistigkeit heraus. Was heiftt das aber? Was
wirkt denn da, wenn die Geistigkeit wirkt, in Wirklichkeit? Scheinbar
wirken Farben, Formen, Warme, Kalte, Rauhigkeit und Glatte in den
Sinnesempfindungen. Aber was wirkt denn in Wahrheit? In Wahrheit
wirkt nur alles dasjenige, was in irgendeiner Art mit einer Ich-Natur
etwas zu tun hat. Auf das Kind machen nur einen Eindruck verborgene
geistige Wesenheiten, die mit einer Ich-Natur etwas zu tun haben,
also vor alien Dingen geistige Wesenheiten der hoheren Hierarchien
vom Menschen aufwarts, aber auch die Gruppenseelen der Tiere, die
Gruppenseelen der Elementarwesen. Das alles wirkt in Wahrheit auf das
Kind, und aus diesen geistigen Kraften, aus dieser grofiartigen geistigen
Dynamik heraus formt es sich aus dem Modell seinen zweiten Leib,
der nach und nach heranwachst, und der in dem Ausmaft, als der Zahn-
wechsel sich vollzieht, als zweiter Leib da ist. Das ist erst der Leib,
den sich der Mensch nach der Geburt als seinen eigenen ersten Leib
aufbaut, und der herausgebaut ist als physischer Leib aus der geistigen
Welt.
Sehen Sie, in diesem Lebensalter haben wir also eine ganz besondere
Art von Gesetzmafiigkeit in alledem, was im Kinde wirkt, in all der
Ungeschicklichkeit, in all der Unorientiertheit, mit denen das Kind
seelisch tatig ist, mit denen das Kind sich bewegt, die davon herriihren,
daft ein fortwahrendes Anpassen stattfinden mufi an die physische
Welt, da noch halb unbewuftt traumhaft um das Kind herum diejenige
Welt ist, in der das Kind eigentlich noch darinnensteckt, die geistige
Welt. Man wird einmal, wenn die Medizin ihre richtige Spiritualitat
erlangt haben wird, in diesem Einander-Suchen der geistigen und phy-
sischen Welt in den ersten sieben Lebensjahren, die wahren tieferen
Ursachen der Kinderkrankheiten sehen, und wir werden manche Auf-
klarung liber dasjenige erhalten, was gerade heute eigentlich, wenn
man es nachpruft in den medizinischen Werken, nur Verbalerklarun-
gen hat. Es sind nur Verbalerklarungen, formale Erklarungen, die aber
in keine Realitat eigentlich hineinfuhren.
Der Atherleib hat damit vollauf zu tun in den ersten sieben Lebens-
jahren; er entwickelt daher ruhig jene Fahigkeiten, die er in den zwei-
ten sieben Lebensjahren enthalt, selbstandige Fahigkeiten des Ather-
leibes, die mehr nach dem Intellekt hingehenden Gedachtnisfahigkei-
ten. Wer dafiir ein Auge hat, sieht die grofite Verwandlung im Seelen-
leben, wenn der erste Lebensabschnitt von sieben Jahren in den zwei-
ten iibergeht. Der Atherleib wird entlastet von seiner Arbeit, die er
leisten mufite im vollen Sinn des Wortes in der Ausarbeitung des zwei-
ten Leibes. Er wird entlastet; und wie er entlastet wird, man sieht es
genau erst ein, wenn man eben weifi, dafi der Mensch nicht mit vier-
zehn Jahren wieder Zahne bekommt, sondern dafi die bleiben, die er
hat, dafi aber auch noch anderes bleibt in der physisch-materiellen
Natur. Das, was da bleibt, was aber in den ersten Lebensjahren auch
ersetzt werden mufi, das entlastet den Atherleib, wird frei im Ather-
leib. Es ist quantitativ ein Kleines, qualitativ aber etwas ungeheuer
Wichtiges. Das ist das, was dann als seelische Eigenschaften ungeheuer
wirksam wird. Was der Mensch erspart dadurch, dafi er sich keine drit-
ten Zahne anzuschaffen hat, dadurch, dafi er manches andere, was in
derselben Weise von der Evolution behandelt wird wie die Zahne,
nicht neu zu bilden hat, dadurch bleibt etwas iibrig vom Atherleib. Was
da iibrig bleibt - in den ersten sieben Lebensjahren hineingeflossen ist
in die physische Entwickelung -, bleibt jetzt iibrig von der physi-
schen Entwickelung, wirkt rein seelisch, wie es ist seiner Wesenheit
nach. Mit den Fahigkeiten, an die Sie in der Schule als Lehrer appellie-
ren, die Sie ausbilden, hat das Kind die grofie Wandlung der Milch-
zahne in die zweiten Zahne vollzogen und manches andere. Mit den
Kraften, die das Kind erspart, weil es keine dritten Zahne zu bilden
hat, mit denen fangt es an, die Fahigkeiten der Seele zu entwickeln.
Das geschieht in den Tiefen der menschlichen Natur, so dafi das See-
lische fur die ersten sieben Lebensjahre ganz drinnensteckt in der phy-
sischen Entwickelung, die wir ebenso als geistig-seelisch wie als phy-
sisch-leiblich aufzufassen haben. Wir sehen ein Geistiges wirksam in
dem Leibe in den ersten sieben Lebensjahren des Menschen, im vollsten
Sinne des Wortes.
Nun, wie nimmt sich das aber gegeniiber der allgemeinen Welt-
evolution aus? Sehen Sie, innerhalb des Kosmos sind diejenigen Krafte,
mit denen da die Seele in den ersten sieben Lebensjahren arbeitet, die
Sonnenkrafte. Von der Sonne scheinen nicht nur die physisch-athe-
rischen Sonnenstrahlen herab, sondern es scheinen von der Sonne in den
physisch-atherischen Sonnenstrahlen Krafte herab, die identisch sind
mit denjenigen, mit denen unser Atherleib in den ersten sieben Jahren
seinen Leib erneuert: Sonnenentitat ist es, die da wirkt. Sehen Sie sich
das Kind an, wie es sich nach dem Modell seinen physischen zweiten
Leib arbeitet! Das sind lauter Krafte, die aus dem Sonnenschein ab-
sorbiert sind. Verstehen mufi man das, wie sich der Mensch in den Kos-
mos hineinstellt. Und wenn der Mensch in der Art, wie ich das ge-
schildert habe, gewisse atherische Krafte freibekommt mit dem Zahn-
wechsel, die dann wieder zuriickwirken auf die astralische Organisa-
tion und Ich-Organisation, wird der Mensch zuganglich in der zweiten
Epoche des Lebens fur das, was er gar nicht war in der ersten Epoche,
er wird zuganglich fur die Mondenkrafte.
Die Sonnenkrafte sind atherische Krafte in den ersten sieben Le-
bensjahren, die Mondenkrafte, denen er zuganglich wird mit dem
Zahnwechsel, die sind identisch mit den Kraften seines astralischen
Leibes. So daft der Mensch eintritt mit dem Zahnwechsel von der
Sonnensphare - in der er weiter auch drinnen bleibt, denn die bleibt
wirksam - in die Mondensphare, und nun arbeitet er an sich zwischen
dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife mit den Mondenkraften.
Mit den Mondenkraften bildet er sich jetzt seinen zweiten eigenen,
seinen dritten weltlichen Leib aus, in dem nicht so viel ausgewechselt
wird wie in der ersten Lebensepoche, aber immerhin viel ausgewech-
selt wird. Wiederum aber bleiben Krafte zuriick, jetzt astralischer Na-
tur. Die verandern das Seelische so, wie sich das Seelische verandert um
die Zeit der Geschlechtsreife. Die werden frei von der Arbeit am Leibe,
so dafi der Mensch jetzt, wenn er in die Geschlechtsreife eintritt, in
eine Lebensepoche, wo er im Seelischen dasjenige frei zeigt, womit er
noch zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife innerhalb
seines physischen Leibes zu arbeiten hat.
So arbeiten wir in der ersten Lebensepoche ausschliefilich mit dem-
jenigen, was uns von der Sonne zukommt, und wenn wir das Kind in
der Schule haben zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, so sind
es die Sonnenkrafte, die fur das Seelische frei geworden sind. Das ist
ja das Grofie, das Gewaltige im Einsehen der menschlichen Entwicke-
lung, daft man es beim Kinde zwischen Zahnwechsel und Geschlechts-
reife, wenn man so seine Seele bildet, mit lauter Sonnenkraften zu tun
hat. Die kindliche Seele ist ja so verwandt mit demjenigen, was im
Sonnenschein lebt, daft einem das Herz aufgehen kann bei einer sol-
chen Erkenntnis, eine solche Erkenntnis, die doch wirklich Licht ver-
breitet iiber dasjenige, was zwischen Mensch und Kosmos vorgeht.
Die Mondenkrafte, die werden in dieser zweiten Epoche des Le-
bens noch zu dem Leiblichen verwendet, sind noch nicht frei gewor-
den fur das Seelische. Sie werden frei mit der Geschlechtsreife, dann
wirken sie an der Seele mit, und der Umschwung, der jetzt im See-
lischen mit der Geschlechtsreife auftritt, ruhrt davon her, daft sich in
das Seelische die Mondenkrafte hineinimpragnieren, so daft das, was
der Mensch nach der Geschlechtsreife im Handeln ringsherum tut, ein
Zusammenwirken ist zwischen Sonnen- und Mondenkraften.
Damit sehen wir nach den Tiefen der menschlichen Entwickelung,
und gewohnen uns ab, von der Vererbung in dem Sinne zu sprechen,
wie es die grobe Naturwissenschaft tut, sehen aber auch nach der an-
deren Seite, was in dem kindlichen Menschentun lebt. Im kindlichen
Menschentun und im kindlichen Menschendenken lebt die Sonne. Die
Sonne ist es ja, die uns vom Stein entgegenstrahlt, denn der hat keine
Lichtkrafte, der reflektiert uns nur das Sonnenlicht. Das gibt der Na-
turforscher zu, aber das ist das allergeringste, abstrakteste, meine lieben
Freunde. Das Kind strahlt uns auch die Sonnenkrafte zurikk zwischen
dem siebenten und vierzehnten Lebensjahr. So wie wir vom Stein an-
sprechen konnen das Licht als das zuriickgestrahlte Licht der Sonne,
diirfen wir das, was das Kind tut in seiner zweiten Lebensepoche, als
Sonne bezeichnen. Sonne ist nicht blofi da, wo sie konzentriert er-
scheint. Diese physikalische Ansicht, daft die Sonne bloft da ist (Ta- Tafels
fel 5, links), gleicht der von einem Menschen, der in einem Topf eine
Suppe sieht und in der Mitte ein Fettauge und meint, bloft das Fett-
auge sei die Suppe. Ja, unsere physikalischen Anschauungen sind oft
sehr kindisch, und wenn man sie enthullt, wie sie sind, dann lachen
die Leute. Man mochte nur wiinschen, daft der Wirklichkeit gegeniiber
mehr gelacht wird. Denn es ist wirklich sehr lacherbar, das, was man
heute als Wissenschaft ansieht. Wenn man das Fettauge fur die Suppe
halt, ist das dasselbe, wie wenn man die Sonne da oben fur das Fettauge
des Sonnenscheins anschaut, wahrend sie als die Suppe die ganze Welt
erfiillt.
Damit eroffnen sich dann die Blicke hinein in den Zusammenhang
wiederum zwischen den Mondenkraften und den Fortpflanzungskraf-
ten. Denn die Fortpflanzungskrafte bilden auch nach und nach jetzt
diesen zweiten eigenen Leib, der zwischen dem siebenten und vierzehn-
ten Lebensjahre ausgebildet wird und fertig ist, wenn die Geschlechts-
reife eintritt. So daft dasjenige, was sich der Mensch an Fortpflan-
zungskraften in dieser Zeit einverleibt, eben Mondenwirkung ist. Die
Fortpflanzungskrafte hangen durchaus mit den Mondenwirkungen zu-
sammen, sind Ergebnisse der Mondenwirkungen.
Nun kommt der Mensch dazu, sich den dritten eigenen Leib - den
vierten nach der Aufierlichkeit betrachteten - zu bilden, nach der
Geschlechtsreife bis zum Anfang der Zwanzigerjahre. Die Zeitab-
schnitte werden in den spateren Jahren nicht mehr so streng wie fur
die Abschnitte des Zahnwechsels und der Geschlechtsreife. Immer mehr
bleibt von der Substanz zuriick, verfestigt sich im Menschen, wird
Bleibegerust. Es wird wirklich vieles Bleibegeriist im Menschen nach
und nach. Von den Knochen wird, je alter der Mensch wird, immer
weniger Materie ausgesondert und erneuert. Auch im iibrigen Orga-
nismus brauchen gewisse Teile langer zur Aussonderung als andere,
und es ist ersichtlich, daft von den Zahnen es einfach gilt: Hat man sie
einmal ein zweites Mai bekommen, so ist man, ob man sie spater noch
hat, davon abhangig, wie lange das nun halt, wenn es fertig ist, so wie
man von einem Messer, das man hat, abhangig ist davon, wie lange es
halt. Das Messer kann seine Materie nicht erneuern. Zahne konnen
sich auch nicht im wesentlichen erneuern. Gewifi, es ist alles im Flufi,
es ist schon Erneuerung da, aber es geht eben in das Stadium des Nicht-
erneuerns hinein, und so haben wir sie als dasjenige, was im wesent-
lichen viel langsamer den Lebensprozefi vollzieht als der ubrige Mensch,
viel langsamer in bezug auf die Intensitat, daher im umgekehrten Ver-
haltnis schnell in bezug auf die Qualitat der Dauer, eben schadhaft
werden, bevor die anderen Glieder der menschlichen Natur, die sich
immer erneuern konnen, schadhaft werden konnen. Aber wenn die
Zahne denselben Gesetzen ausgesetzt waren wie manche andere Teile
der Menschennatur, dann konnte es keine Zahnarzte geben. Aber wenn
die anderen Teile der Menschennatur denselben Gesetzen ausgesetzt
waren wie die Zahne, wiirden wir alle recht jung sterben in unserer
modernen Zivilisation. Und wahrscheinlich wiirde dieser Teil der
Schweiz, von dem man sagt, daft die Zahnarzte sehr beschaftigt sind,
weil die Zahne so leicht schadhaft werden, gar nicht so sehr bevolkert
sein von Menschen, denn man wiirde ihn fur eine Statte friiher Sterb-
lichkeit halten. So hiingen die Dinge zusammen.
Nun sehen Sie, der Mensch ist also tatig in seinem Inneren in den
ersten sieben Lebensjahren mit den Kraften der Sonne, in den zweiten
sieben Lebensjahren mit den Kraften des Mondes. Die Sonnenkraft
bleibt dabei, aber die Mondenkrafte mischen sich dazu. In den dritten
sieben Lebensjahren, von der Geschlechtsreife bis hinein in die Zwan-
zigerjahre, werden die viel feineren Krafte der iibrigen Planeten des
Planetensystems in die menschliche Wesenheit hinein aufgenommen.
Da treten in der menschlichen Wesenheit auf die anderen planetari-
schen Krafte in dem Wachstumsprozeft, und weil diese schwacher, viel
schwacher wirken als Sonne und Mond auf den Menschen, deshalb
sind auch die Dinge, die der Mensch dann in sich aufnimmt, viel we-
niger nach auften hin anschaulich. Wir merken nicht mehr so stark,
wie im Anfang der Zwanzigerjahre - wahrenddem die planetarischen
Krafte zwischen dem vierzehnten und einundzwanzigsten Lebensjahr
ungefahr noch im menschlichen Leibe zu tun haben — , wie im Beginn
der Zwanzigerjahre diese Krafte anfangen nun im Seelisch-Geistigen
zu wirken. Es sind die Planetenkrafte, die anfangen zu wirken im
Seelisch-Geistigen, und derjenige, der Einsicht hat, der sieht dann den
Menschen so an, dafi er in dieser merkwurdigen Umwandlung, die der
Mensch erfahrt im Anfang der Zwanzigerjahre, merkt: bis daher haben
eben nur Sonne und Mond aus dem menschlichen Tun gesprochen,
jetzt modifizieren diese Sonnen- und Mondenwirksamkeit die plane-
tarischen Krafte. Das grobe Verfahren der Menschen, das grobe Be-
obachten hat sogar recht wenig Sinn dafiir, diese Umwandlung ins
Auge zu fassen, aber sie ist da.
Nun sehen Sie, es ist schon wahr, dafi fur den, der den Menschen
betrachtet in bezug auf Gesundheit und Krankheit, die Erkenntnis die-
ser Zusammenhange notwendig ist. Denn, was wissen wir denn eigent-
lich vom Menschen, sagen wir in seinem elften oder zwolften Lebens-
jahr, wenn wir da nicht wissen, daft die Mondenkrafte in ihm ar-
beiten?
Nun aber wird im Inneren die Frage entstehen: Wie geht es weiter?
Der Mensch raufi spater auch, wenn auch die zu erneuernden Teile
immer geringer werden, er mufi jetzt spater auch die Dinge erneuern.
Nun sehen Sie, bis zum einundzwanzigsten, zweiundzwanzigsten Jahr
wirkt ja aufeinanderfolgend Sonne, Mond, das Planetensystem in das
menschliche Wachstum hinein. Dann wirken bis zum achtundzwanzig-
sten Lebensjahr noch die Konstellationen der Fixsterne; das entzieht
sich also schon sehr der Beobachtung. Erst mit der Mysterienweisheit
schaut man das Hereinspielen des ganzen Fixsternhimmels in den Men-
schen zwischen dem Anfang seiner Zwanzigerjahre und dem Ende
seiner Zwanzigerjahre. Dann wird die Welt hart. Sie will nicht mehr
hereinarbeiten in den Menschen; die Welt wird hart. Von diesem ei-
gentumlichen Verhaltnis des Menschen zur Welt in seinem achtund-
zwanzigsten, neunundzwanzigsten Lebensjahre, daft die Welt hart
wird, weifi die heutige Wissenschaft kaum mehr etwas. Aristo teles
lehrte es noch dem Alexander, indem er ihm sagte: Dann stofit man
als Mensch an den Kristallhimmel; der ist hart. - Damit gewinnt der
Kristallhimmel, der aufierhalb der Fixsternsphare ist, fur die mensch-
liche Anschauung seine Bedeutung, seine Realitat. Damit fangt man
an einzusehen, dafi der Mensch im Weltenall keine Krafte mehr findet,
wenn er Ende der Zwanzigerjahre ist, um zu erneuern. Warum ster-
ben wir denn nicht mit achtundzwanzig Jahren? Diese Welt, die uns
umgibt, die lafk uns eigentlich mit achtundzwanzig Jahren sterben.
Es ist wahr, wer den Zusammenhang des Menschen mit der Welt sieht,
der schaut jetzt mit dem Bewufitsein in die Welt hinaus: O Welt, du
erhaltst mich eigentlich nur bis zum Ende der Zwanzigerjahre! - Aber
gerade indem man das einsieht, fangt man erst an, den Menschen
recht zu verstehen in seiner Wesenheit.
Denn was geschieht jetzt mit ihm, wenn ihn die Welt verlafit mit
Bezug auf die Formkrafte, die er sich bildet? Was geschieht jetzt? Es
geschieht folgendes in dem eigentiimlichen Augenblick, wo mit dem
achtundzwanzigsten Jahr der Mensch anfangt deutlich zu zeigen, die
alten Wachstumskrafte sind nun ganzlich verf alien. Manche Menschen
fangen schon da an einzugehen; manche erhalten sich noch weiter die
fortschwimmenden Wachstumskrafte. Aber selbst Goethe wurde schon
kleiner, wenn er sich mafi im genaueren, als er begann, den zweiten
Teil seines «Faust» wieder fortzusetzen. Damals wurde er aber ge-
messen. Aber er wurde schon fruher zusammenfallend. Sehen Sie, von
diesem Momente ab, wo uns die Welt verlafit, mussen wir aus den
Kraften, die wir bis dahin aufgenommen haben, unsere eigene Erneue-
rung besorgen. Da konnen wir allerdings, weil die zu erneuernden Teile
immer weniger und weniger werden, nicht in demselben grandiosen
Mafistabe arbeiten an unserer neuen Verleiblichung, wie das Kind arbei-
tet bis auf die Zahne hin, wenn es nach dem Modell seinen ersten eigenen
Leib sich bildet. Aber wir haben sehr viele Krafte in uns angesammelt
von Sonne und Mond und Sternen, die wir brauchen, die wir in uns
tragen, da wir vom achtundzwanzigsten Jahre an beginnen, die Er-
neuerung unseres physischen materiellen Leibes zu besorgen. Da wer-
den wir in bezug auf die Menschenwesenheit in ihrer Form der auf
der Erde auf sich gestellte Mensch. Damit aber hat der Mensch, der
auf der Erde ganz auf sich gestellte Mensch, indem er zueilt diesem Zeit-
punkt und wiederum iiber ihn hinausschreitet, damit hat der Mensch
in der Zeit einen Punkt, den er anstrebt, iiber den er hinauswachst, auf
den ich Sie schon gestern von einem ganz anderen Aspekt aus auf-
merksam machte (Tafel 5, Mitte). Der Mensch strebt, wenn ich das Tafels
so zeichnen darf, von seiner Kindheit an, wo er aufnimmt viele Wel-
tenkrafte, immer mehr und mehr einem solchen Punkte zu, der am
Ende der Zwanzigerjahre liegt, wo er aufhort, aus Weltenkraften sein
Wachstum zu besorgen. Was er weiter tut von da ab, das besorgt er
aus den Kraften seines eigenen Leibes. Hier ist in der Mitte ein Punkt,
wo der Mensch aufhort, kosmische Krafte in sich zu verarbeiten, wo
er anfangt, aus seinem eigenen Leibe heraus sich die Krafte zu erarbei-
ten. Nur scheidet sich das im wirklichen Leben nicht so stark wie hier
in der schematischen Darstellung.
Im Leben sind oftmals schon in der friihen Kindheit, ich mochte
sagen, vorausgenommene Wirkungen aus dem eigenen Leibe vorhan-
den. Dann merken wir das an pathologischen Erscheinungen des Kin-
des, am Bruchigwerden der Knochen, namentlich aber an friihen Fett-
bildungen der Kinder; aber dieser Zusammenhang steckt dahinter. In
jedem Augenblicke seines Lebens strebt ja der Mensch entweder nach
diesem Punkte hin, oder er strebt von diesem Punkte weg. Sie sehen
leicht ein, das ist eine Art Nullpunkt, eine Art Hypomochlion, eine
Art Nullpunkt, wo wir in der Zeit zwischen uns und der Welt stehen.
Wir haben immer in unserer inneren Dynamik ein Hinstreben oder
ein Wegstreben. Das, was da im Menschen stattfindet, indem er nach
diesem Nullpunkt hinstrebt oder von ihm wegstrebt, ist ja ein Streben
nach einer Null oder von einer Null. Es ist etwas, was wir tun nach
einem Nichts hin. Wir streben nach dem, worin die Welt nicht mehr
wirkt, worin der Mensch noch nicht wirkt. Zwischen beiden ist eine
Art von Null. Wir haben da etwas in uns, was nach einem Nichts hin
orientiert ist. Das macht, dafi wir f reie Wesen sind, Verantwortlichkeit
haben. Das ist so in der menschlichen Konstitution begriindet, dafi wir
verantwortliche freie Wesen sind, weil wir beim Ubergang von der
Welt zu uns durch einen Nullpunkt durchgehen, wie der Waagebalken
von rechts nach links, von links nach rechts durch einen Nullpunkt
durchgeht, der nicht den Gesetzen folgt, denen die ubrige Waage aus-
Tafel 5 gesetzt ist. Sie konnen sich denken, wenn Sie eine Waage haben (Tafel
5, rechts), daft hier die mechanischen Gesetze gelten, die Sie lernen,
hier die mechanischen Gesetze gelten und der Waage eine bestimmte
Konfiguration geben, entweder so, dafi das oben ist, das unten oder
umgekehrt. Das sind die Gesetze der Waage, des Hebels. Aber wenn
Sie diesen Punkt nehmen - Sie konnen die Waage herumtragen, ihre
ubrige Konfiguration durch die mechanischen Krafte ist iiberall die-
selbe, wo Sie die Waage herumtragen -, der Punkt ist frei; den kon-
nen Sie herumtragen, wie wenn er gar nicht mit einer Waage ver-
bunden ware, die Waage bleibt ganz unberiihrt davon. So, wenn der
Mensch sich ergreift mit seinem seelischen Erleben in dem Punkt,
dem er zustrebt vorher, aber nachher mehr davon wegstrebt, so ist
wirksam vorher die Welt, nachher er selber, der Mensch. Hier ist
nichts wirksam. Aber in der Tendenz hin oder weg kann sich ausleben
dasjenige im Menschen, was nicht von der Natur und was nicht von
der Welt bestimmt ist, wo ein Hypomochlion sitzt, da ist der Ur-
sprungspunkt seiner Freiheit. Da begreift man die Verantwortlich-
keit.
Man mufi also, will man zum Beispiel bei einem fiinfunddreifiig-
jahrigen Menschen sachlich, nicht blofi in einer Laienhaftigkeit und aus
Dilettantismus heraus, den Grad seiner Verantwortlichkeit feststellen
konnen, sich fragen: Wirkt etwa zuviel heriiber von demjenigen, was
sich abnorm ausgebildet hat bis zu dem Punkt Ende der Zwanziger-
jahre, ist dieser Punkt mehr oder weniger nach der Jugend oder mehr
nach dem Alter gerichtet? - Der Mensch ist voller Verantwortlichkeit,
wenn dieser Punkt normal ist, wenn man das ganze menschliche Leben
so beurteilen kann nach der Lebensaufierung des Menschen, dafi dieser
Punkt normal ist. Liegt dieser Punkt zu stark nach der Jugend zuriick,
das heifit, hort die Welt zu fruh auf, auf den Menschen zu wirken,
dann mufi dieser Mensch gepnift werden daraufhin, ob er nicht leicht,
wenn auch im leisen Grade, unter Zwangsideen leidet, ob er nicht leicht
seelisch determiniert sein kann, so dafi man ihm nicht die voile Ver-
antwortlichkeit zuschreiben kann fur seine Taten.
Liegt dieser Punkt zu spat, wird man sich fragen miissen, ob der
Mensch nicht durch seine innere Natur gehindert ist daran, die voile
Freiheit der Seele zu entwickeln, ob er nicht physisch zu stark deter-
miniert ist, und man ihm deshalb wieder nicht die voile Verantwort-
lichkeit zuschreiben kann.
Aber real berufen, zu beurteilen im feineren Sinn, ist der Arzt und
der Priester, die wissen miissen, dafi man des Menschen Entwickelung
so beurteilen kann, dafi man ungef ahr - wir werden weiter darauf ein-
gehen, weil zur Pastoralmedizin auch eine tiefe Physiognomik ge-
hort - aus seiner Statur sagen kann, ob er sich im Gleichgewicht dar-
lebt, ob man sagen kann, bei ihm liegt das Lebenshypomochlion am
rechten Fleck, das heifit am rechten Zeitpunkt, oder es ist frtiher oder
spater.
Das sind Dinge, die man in der alten Mysterienweisheit als sehr
wichtig bei der Beurteilung des Lebens angesehen hat, das sind Dinge,
die vergessen worden sind, die aber wieder hinein miissen in die Men-
schenkunde, wenn die Menschenkunde im umfassenden Sinne beein-
flussen soil und im richtigen Sinne medizinisch und pastoral wirken
will.
Morgen davon weiter.
FttNFTER VORTRAG
Dornach, 12. September 1924
Meine lieben Freunde! Es handelt sich jetzt um die Erkenntnisse, die
wir gewonnen haben auf der einen Seite durch die Betrachtung von
Menschen, welche, ohne direkt eine Intuition zu haben, in Wahrneh-
mung der geistigen Welt hineinwachsen und dadurch Zustande zeigen
in ihrem ganzen menschlichen Habitus, die den Arzt leicht an Patho-
logisches erinnern konnen, die aber im Grunde genommen doch etwas
ganz anderes sind als pathologische Zustande allein. Schon aus dem
Grunde, weil, wie wir gesehen haben, das Pathologische im Status nas-
cendi bleibt und eine fortwahrende, vom Geiste ausgehende Heilungs-
moglichkeit da ist, wie das bei solchen Personlichkeiten wie die heilige
Tberesia, auch Mechthild von Magdeburg, aber auch bei mannlichen
Visionaren durchaus der Fall ist.
Nun haben wir, wenn wir diese Zustande betrachten, ein Heraus-
fallen der Ich-Organisation aus der menschlichen Gesamtorganisation
im ersten Stadium. Die Ich-Organisation zieht dann den astralischen
Leib sehr an sich und sondert ihn in einem gewissen Sinne ab von der
atherischen und physischen Organisation im Wachzustande. Was
kommt dadurch zustande? Sie konnen leicht begreifen, meine lieben
Freunde, dadurch kommt zustande, daft der Mensch in eine Art Traum-
zustand verfallt. Wenn wir den menschlichen Habitus geisteswissen-
schaftlich betrachten, der dadurch entsteht, dafi das Ich den astra-
lischen Leib an sich heranzieht, ihn nicht ganz hineinlafit in den phy-
sischen und atherischen Leib, entsteht eine Art von Traumzustand.
Aber wieder dadurch, daft durch eine besondere karmische Dichtig-
keit, wie ich betont habe, Ich und astralischer Leib dann stark sind,
wird in den Traum hineingetragen eine Empfanglichkeit fiir die Wahr-
nehmung der geistigen Welt. Der Traum ist umgewandelt in einen
Zustand, der die Moglichkeit hat, wirklich in die geistige Welt hin-
einzuschauen. Das ist der Zustand, wo der Betreffende dann das An-
wesenheitsgefiihl von Wesenheiten der geistigen Welt hat.
Nun konnen wir den entgegengesetzten Zustand aufsuchen, den
polarisch entgegengesetzten Zustand. Dieser polarisch entgegengesetzte
Zustand, er tritt dann ein, wenn der astralische Leib die Ich-Organisa-
tion, die gerade schwach ist, zu stark hereinzieht. Dann tritt im Wach-
zustande nicht eine Erhellung wie bei Visionaren von der Art der hei-
ligen Theresia ein, sondern es tritt im Gegenteil im Wachzustande eine
Abdampfung, eine Verdunkelung des Bewufkseins ein. Eine Abdamp-
fung bis zum Traum tritt ein.
Sehen Sie, solche Menschen, die in einem solchen Zustande sind,
konnen wir nicht in der Weise kennenlernen, wie ich das fur die an-
deren angedeutet habe. Menschen, die bis zu solchen Kulminations-
stadien kommen wie die heilige Theresia oder Mechthild von Magde-
burg, aber auch solche, die zahlreich sind, viel zahlreicher, als man
glaubt, und das Anwesenheitsgefiihl von Geistigem haben, solche Per-
sonlichkeiten lernt man, wenn man dazu die notige Anlage oder die
entsprechenden Fahigkeiten ausgebildet hat, am besten dadurch ken-
nen, dafi man sich ihre Zustande erzahlen lafit. Sie sprechen ja - ver-
zeihen Sie, dafi ich das so sage - interessanter als die gewohnlichen Phi-
lister des Tages. Ihre Erzahlungen sind viel interessanter und sie er-
zahlen vor alien Dingen solches, das man nicht im Alltag haben kann.
Also sie sind schon interessant, diese Leute, auch wenn sie im ersten
Stadium stehen. Man lernt sie kennen dadurch, dafi man sich von ihnen
erzahlen lafit.
Die anderen, bei denen der Astralleib das Ich hereinzieht, bei denen
bleibt es auch noch interessant, wenn man sich von ihnen erzahlen lafit,
nur braucht man, um die ersteren zu verstehen, richtig die Seelen-
vertiefung mehr des Priesters. Um die zweiten zu verstehen, die oft-
mals nicht minder interessant sind, oftmals sogar noch interessanter
als die gewohnlichen Visionare, die nicht so weit kommen, um die
zweiten zu verstehen, gehort eigentlich die innere Gefiihlssphare des
die Welt mit gutem Verstand, leidlicher Intuition auffassenden Arztes.
Denn da handelt es sich darum, zu verstehen, was sie einem nicht er-
zahlen, denn was sie einem erzahlen, das hat nicht viel Wert. Es han-
delt sich darum, dasjenige, was sie sagen und tun, so aufzufassen, dafl
man es in die richtige Perspektive gegeniiber der menschlichen Orga-
nisation bringen kann. Solche Personlichkeiten zeigen, wenn man sie
um etwas fragt, schon einen gewissen Grad von Stumpfheit, auch Un-
willen, einem zu antworten. Sie fangen dann von etwas anderem zu
reden an als von dem, was in der Frage liegt. Aber wenn man abfangt
dasjenige, was sie von sich selbst aus sagen - es gibt auch unter ihnen
solche, die fortwahrend schwatzen mochten -, wenn man abfangt das-
jenige, was sie von sich selbst sagen, hat man zuweilen das Gefiihl, da ist
ein innerer Quell fur das Sprechen, der ihnen auch eine besondere Art
der Ideenassoziation gibt, wie das bei gewohnlichen Menschen nicht der
Fall ist. Solche Menschen erzahlen einem, wenn man sie gehen lafit -
man mufi sie nicht fragen, sondern man mufi aufschnappen, was sie
wie zufallig erzahlen -, solche Menschen erzahlen einem: Ja, vor zehn
Jahren, da war ich einmal bei einem Bauer. Die Bauerin hat mir Kaffee
gegeben. Die Bauerin hat mir Kaffee gegeben in einer Tasse, wo aufien
rote Rosen gemalt waren. Die Bauerin hat mir nicht gleich den Kaffee
geben konnen, denn sie hat in der Kiiche den Zucker vergessen gehabt
und mufite ihn erst holen. Dann hatte sie die Milch vergessen. Die
mufite sie erst vom Keller herauf holen, und dann hat sie so etwas wie ein
Achtelliter Milch in den Kaffee hineingegossen und dann hat sie ge-
sagt: Mein Kaffee ist ein sehr guter; und da hab ich gesagt: Ja das glaube
ich schon, Bauerin. - Und so fahrt er fort; er erzahlt Einzelheiten, die
sich auf lang Vergangenes beziehen und in die unglaublichsten Details
eingehen. Man kommt dann zu der Idee: Ach hatte ich doch nur auch
ein so gutes Gedachtnis wie der. - Man vergifit ganz, daft wenn man
ein solches Gedachtnis wie der hatte, dann ware man so wie der. Ja
nun, ich erzahle die Dinge etwas typisch und typisch auch herausge-
arbeitet. Sie mussen dann die entsprechenden leichteren Varianten, die
im Leben einem dann begegnen, insbesondere dem Arzt begegnen,
Sie mussen sich danach orientieren. Ich erzahle es als Extrem auf-
fallig, damit Sie sehen, worauf es ankommt.
Es kommt also dann, wenn der astralische Leib die Ich-Organi-
sation so hereinzieht, eine Art von Kraft zustande, die wie automa-
tisch im Gedachtnis aufgefafite Details gern wiedergibt, immer bereit
ist, sie wiederzugeben, aber absieht davon, irgendeinen logischen Zu-
sammenhang zu suchen, sondern sie hintereinander aufzahlt die Dinge,
so daft man nicht recht einsieht, weshalb der Betreffende gerade in
dem einen Moment auf das eine, in dem anderen Moment auf das an-
dere verfallt. Es kann vorkommen, dafi der Betreffende erzahlt: Die
Bauerin ist hinausgegangen und hat die Milch geholt; wahrend sie hin-
ausging, da schaute ich in die Ecke des Zimmers, da war ein Madonnen-
bild, das war dasselbe wie das, das ich vor dreifiig Jahren in einem
Orte gesehen habe; da habe ich aber nicht einen Kaffee gekriegt, son-
dern eine sehr gute Suppe. - Es kann sein, dafi er von der anderen Er-
zahlung ganz abkommt, es kann sein, dafi er wieder darauf zuriick-
kommt. Also man sieht, es ist ein nicht logisch, aber raumlich-zeitlich
mit aufierordentlicher Treue und automatenhafter Sehnsucht, sich zu
offenbaren, wirkendes Gedachtnis. Ein solches Gedachtnis hat er, ein
Gedachtnis, bei dem man, wenn man noch naher darauf eingeht, etwas
sehr Merkwiirdiges erblickt: man erblickt namlich dasjenige, worauf
in noch tieferem Sinne die Sache beruht. Man merkt, er hat eine gewisse
Freude an gewissen Wortklangen, die er sich angeeignet hat, als er
die Dinge erlebt hat. Und nun merkt man, er hat eine Freude, diese
Wortklange wieder hervorzubringen. Kurz, man merkt, es handelt sich
dabei um ein Zuriickgehen auf die Sprache, die gedachtnismafiig fest-
gehalten wird mit Ausschaltung der Gedanken - nicht mit volliger
Ausschaltung der Gedanken, aber doch mit Ausschaltung der Ge-
danken.
Auf der anderen Seite merkt man auch eine Veranderung der Wil-
lenssphare. Die mufi man ebenso beachten, denn dadurch wandert
man allmahlich ab in richtige pathologische Zustande, die dann auch
auftreten konnen und von denen wir dann zu sprechen haben. Man
merkt das Folgende. Man mufi wieder achtgeben; denn irgendwie her-
anzutreten an solche Menschen, sie zu veranlassen, dafi sie einem fol-
gen sollen, dafi sie das oder jenes tun sollen, damit man an ihnen etwas
sieht, das hilft nicht viel, denn sie werden sehr stark bockig, wollen sich
nicht irgendwie fiigen, nicht Antwort geben auf Fragen, die man an
sie stellt, wollen auch nicht irgend etwas ausfuhren. Aber wenn man
mit Hilfe irgendeiner Art von aufien herangeholter Anamnese heran-
geht, so dafi man die Dinge zusammentragt, die man aus der Um-
gebung oder sonstwie erfahren kann, dann merkt man, wie solche
Menschen zum Beispiel zu einer bestimmten Zeit des Jahres Willensan-
regungen in sich empfangen, daft sie wandern miissen, dafi sie eine
Gegend durchstreifen miissen. Oftmals ist es dieselbe Gegend im Jahr,
die sie durchstreifen wollen, und der innere Willensimpuls wirkt da so
stark, dafl man, wenn man nun negative Instanzen anwendet, um da-
hinter zu kommen, wie es mit ihnen ist, zum Beispiel das Folgende
merken kann. Man nehme einen Gourmand; es gibt auch solche unter
den Leuten, die grofie Freude am Essen haben. Man fasse ihn ab wah-
rend seiner Wanderung und setze ihm ganz aufierordentlich gute Mahl-
zeiten, an denen er seine Riesenfreude hat, vor, Man kann es aber
hochstens dahin bringen, daf$ er am ersten, zweiten Tag dableibt, wenn
das abliegt von dem, was er gewollt hat, auf seiner Wanderung zu er-
reichen. Er wird unruhig. Man kann sehen, er mochte die gute Kost
haben, da er weifi, wenn er weitergeht, wenn er den nachsten besucht
auf seiner Wanderung, der gibt ihm etwas Schauderhaftes, das weifi
er ganz gut. Sein Erinnerungsvermogen ist grofiartig ausgebildet. Er
wird unruhig, er will weg, denn er pafit sich nicht an mit seinen Wil-
lensentschliissen an unmittelbar auflerliche Veranlassungen. So wie
er sich auf der einen Seite nicht anpalk den unmittelbaren Sinnesein-
driicken, sondern aus dem Sprachschatz heraus alles mogliche repro-
duziert, so pafit er sich auf der anderen Seite nicht an der Eingliede-
rung seines Willens-Gliedmaflensystems in das aufiere Verhaltnis des
Lebens hinein. Er will nur dem eigenen Willensimpetus folgen, der ihn
in einer ganz bestimmten Weise von innen leitet. Man sieht, er hat
alles das verloren, und es ist nur in geringem Mafte vorhanden das, was
von der Ich-Organisation abhangt, um den Menschen mit der Aufien-
welt zu verbinden. Seine Sinne werden stumpf , sein Willensimpuls lafit
ihn nicht sich recht hineinstellen in die Welt. Er will ihm folgen, was
eben die Folge davon ist, dafi das Ich in den astralischen Leib hinunter-
gezogen wird.
Nun sehen Sie, solchen Menschen, ihnen konnte man, wenn unsere
medizinische Auffassung und die hingebungsvolle Liebe der Theolo-
gen zusammenwirken wiirden, solchen Menschen konnte man aufier-
ordentlich viel helfen, nur nicht gerade durch eine augenblickliche
Therapie, sondern auf folgende Weise. Bei solchen Menschen liegt
namlich eine ganz bestimmte Tatsache vor. Wir betrachten, um auf
diese Tatsache zu kommen, das Leben solcher Menschen zwischen dem
Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Da wird man in der Regel,
wenn man mit grobem Sinn diesen Menschen betrachtet, gar nichts
Abnormes bemerken. Man wird sogar vielleicht seine Freude daran
haben, wie altklug diese Menschen sind, wie gescheit, wie furchtbar
gescheit, was sie fur kluge Antworten geben. Aber man sollte gerade
aufmerksam sein auf dieses kluge Antwortgeben zwischen dem sieben-
ten und vierzehnten Lebensjahr. Denn solche Menschen, die iiberklug
in diesem Lebensalter sind, solche Menschen nehmen von dem, was sie
in ihrer Entwickelung nach der Geschlechtsreife durchmachen sollen,
etwas herein in die zweite Lebensepoche zwischen Zahnwechsel und
Geschlechtsreife. Dadurch eben kommt das zustande, was ich eben
beschrieben habe. Der astralische Leib, der erst nach der Geschlechts-
reife das Ich hereinziehen soil, damit das Ich dann im Beginne der
Zwanzigerjahre in seiner vollen Entfaltung erscheinen kann, er zieht
schon vom Zahnwechsel ab oder vom neunten, zehnten, elften Jahr
ab die Ich-Organisation herein, und wir bemerken diese abnorme Klug-
heit und freuen uns zunachst daran. Aber nun, wenn die spateren Jahre
kommen, achtzehntes, neunzehntes, zwanzigstes Jahr, da steckt dann
die Ich-Organisation zu tief drinnen in dem astralischen Leib. Da ist
der Zustand da, den ich beschrieben habe und dann treten die Erschei-
nungen auf, die ich angefiihrt habe. Und so handelt es sich darum, daft
nun so ein Mensch, der in dem charakterisierten Alter uns besorgt
macht durch seine Uberklugheit, daft der eben in einer gewissen Weise
behandelt werden mui Vor allem treten dann diejenigen Lagen ein -
wir werden, nachdem wir das Charakteristikum gegeben haben, auch
einige Andeutungen horen, was im einzelnen zu tun ist -, wo Arzt und
Priester den Padagogen zu beraten haben, damit der verstehen kann,
was er nun seinerseits fur das angedeutete Lebensalter zu tun hat. Zu-
erst aber mochte ich die Charakteristik weiter fortsetzen. Es handelt
sich jetzt darum, die Betrachtungen der letzten Tage miteinander zu
verbinden.
Nun kann aber auch das eintreten, daft der Atherleib seinerseits
zu stark anzieht die Verbindung von astralischem Leib und Ich, daft
furchtbar stark einschnappt in den physischen und Atherleib der astra-
lische Leib und das Ich im Wachzustande. Dann entstehen die Zu-
stande, die innerlich angeschaut sich so darstellen, daft das Astralische
zuviel in den Organen drinnen ist, sich nicht richtig verbinden kann
mit den Organen. Es ist der Zustand, der ebenso ein pathologisches
Spiegelbild ist eines visionaren Zustandes, etwa wie bei der heiligen
Theresia, wie der erste Zustand, den ich beschrieben habe, ein patho-
logisches Spiegelbild ist des Zustandes, wo das Anwesenheitsgefiihl
von geistigen Wesenheiten vorhanden ist. Wir haben auf der einen
Seite ein Hineintragen des Wachschlafes in das helle Bewufitsein. Wir
haben bei solchen Personlichkeiten, wie ich es geschildert habe, das
Gegenteil: das Hinubertragen des Traumlebens in das Wachleben, mit
diesen Begleiterscheinungen, von denen ich gesprochen habe. Weil es
eigentlich ein Wachen ist, treten nicht Traume auf, sondern es tritt
ein aktives Traumleben auf, das sich aufiert in jenem Sprechen, von
dem wir gesprochen haben, und in jenem intimen ubertriebenen Nach-
Innen-Kehren der Impulse des Willens. Das ist das pathologische Spie-
gelbild des Traumes; Aktivitat ist darinnen, statt Passivitat, die im
Traume lebt.
Jetzt haben wir das Zweite. Wir haben das Hereinziehen von Ich
und astralischer Organisation durch den Atherleib. Der Mensch
schnappt ganz stark mit Ich und astralischem Leib und Atherleib in
die physische Organisation ein, aber diese physische Organisation kann
in den einzelnen Organen die Dinge nicht aufnehmen. Es bleibt un-
versorgte Astralitat in alien moglichen Organen zuriick, die sich nicht
recht mit den Organen verbindet. Es tritt das pathologische Spiegel-
bild ein von dem, was wir kennengelernt haben als das zweite Stadium
bei den anderen, jenes zweite Stadium, wo gewissermafien die Sinnes-
empfindungen von innen angeregt werden, die Stromung von innen
nach den Sinnen hingeht. Jetzt geht sie nach innen, nach den Organen
beim Spiegelbild, jetzt ergreift sie die Organisation, es treten ein die-
jenigen Zustande, die immer eintreten, wenn ein physisches Organ
oder ein Atherorgan da ist und durchflutet wird vom astralischen Leib,
von der Ich-Organisation, und diese sich nicht so verbinden konnen,
dafi man etwa von einer gesattigten Verbindung des physischen Leibes
mit dem Ather- und Astralleib sprechen kann. Es ist etwas iibrig in
den Organen von den hoheren Organgliedern. Das, was sich sonst hin-
einergiefk in die sinnesahnliche, in die sinnesmafiig kolorierte Vision,
die Offenbarung sein kann der geistigen Welt, das ergiefit sich jetzt
nach innen, will auffangen das Organ. Statt dafi es sonst, mehr aufier-
lich, das Geistige gegeniiber dem Sinnlichen auffafit, ergiefit es sich
nach innen, fangt auf das Organ, aufiert sich in Krampfzustanden, in
all den Formen, die bei der eigentlichen oder maskierten Epilepsie
auftreten, aufiert sich eben darin, dafi Ich-Organisation und astralische
Organisation zu stark hinunterschnappen in die physische Organi-
sation, die dann den Atherleib mit sich zur Verbindung hinreifit. Wir
sehen jetzt durchaus die Moglichkeit, dafi der erste Zustand, den ich
beschrieben habe, sich hineinentwickelt in diesen zweiten, und oftmals
tritt gerade das im Leben ein, was verhindert werden sollte durch die
Verbreitung einer echten Pastoralmedizin. Man bemerkt den ersten
Zustand nicht, findet ihn interessant. Man bemerkt erst den zweiten
Zustand, wenn er eintritt, wo Krampfe, epileptische Erscheinungen
eintreten, wo dann aber nicht die Hypertrophic der Erinnerung in die
Details, auch nicht die Hypertrophic des inneren Willensimpetus ein-
tritt, sondern dadurch, dafi die astralische Organisation und die Ich-
Organisation nach innen gestofien werden, durch das Nichtzusammen-
stimmen der astralischen Organisation mit gewissen Organformen,
jetzt Erinnerungs-Ausloschung eintritt. Statt dafi die Erinnerung wie
im vorhergehenden Zustand an die Details anhaftet und die Details
nur nicht beherrscht waren von Logik, sondern eine fortlaufende, in
willkiirlichen Assoziationen sich abspielende Erinnerungsstromung da
ist, eine logiklose Erinnerungsstromung, sehen wir jetzt unterbrochene
Tafel6 Erinnerung; es bleiben Erinnerungsstellen aus. Es kann so weit gehen,
dafi uns ein solcher Patient zeigt etwas wie zwei Arten von Bewufit-
sein. Die Erinnerung heftet sich zum Beispiel an die oberen Organe -
denn an der Erinnerung, an dem Gedachtnis ist der ganze Mensch be-
teiligt -, haftet an die oberen Organe, bleibt aus fur die unteren Or-
gane und umgekehrt. In dem anderen Teil der rhythmischen Abfolge -
denn rhythmisch konnen solche Dinge abfolgen - ist es umgekehrt, die
oberen Organe werden untatig bei der Erinnerung, die unteren Or-
gane werden tatig, und so laufen zwei Bewufitseinsstromungen bei ei-
nem solchen Menschen nebeneinander her. In dem einen Bewufttseins-
zustand erinnert er sich immer an alles dasjenige, was in diesem Be-
wufitseinszustand abgelaufen ist, im anderen erinnert er sich an das
andere; aber er weifl nie in dem einen Bewufitseinszustand, was Inhalt
des anderen Bewufltseinszustandes war. In diese Region geht es dann
hinunter.
Sehen Sie, da haben wir das Spiegelbild, das pathologische Spie-
gelbild desjenigen, was, nun gebrauchen wir den Ausdruck, beim Hei-
ligen, damit wir einen Terminus haben - die heutige Medizin hat
keinen Terminus fur diesen Zustand -, was beim Heiligen im zweiten
Zustand eintrat. Der bekommt eine Welt um sich, die visionar ist, aber
einen geistigen Inhalt hat, er lebt sich in die geistige Welt hinaus, be-
kommt innerliche Eindriicke von der geistigen Welt. Der andere, der
Pathologische, ist, weil in seinem Karma eine schwache Individuality
liegt, so, dalS er vom Korperlichen angezogen wird, er bekommt an-
stelle der geisttragenden Visionen Krampfzustande, durchbrochene Be-
wufttseinsvorstellungen, Inkoharenz des fortlaufenden Lebens und so
weiter.
Nun kann aber noch ein dritter Zustand eintreten. Das ist der, wo
infolgeder karmischen Verhaltnisse der physische Leib nun auch schwa-
cher geworden ist, wie die ganze andere Organisation schwach gewor-
den ist, so daft die fruheren karmischen Krafte in den physischen Leib
nicht geniigend hineinwirken. Sehen Sie, bei einem solchen Menschen
wird nun nicht Ich-Organisation, astralische Organisation und Ather-
leib durch den physischen Leib herangezogen, sondern es tritt etwas
ganz anderes ein. Bei einem solchen Menschen tritt das ein, was ich in
der folgenden Weise zu beschreiben habe.
Nehmen Sie an, man wird nach der anderen Seite, nach der Seite
der Sinne hin, also nach der Seite der Ich-Organisation hin versensi-
tiviert; da ist man furchtbar empfindlich gegen all das, was durch die
Sinne einfliefit, gegen lebhafte Farben, lebhafte Tone. Aber gerade
das Entgegengesetzte tritt bei solchen Menschen ein, deren physischer
Leib infolge karmischer Verhaltnisse schwach ist. Die werden von in-
nen heraus nun nicht hyperempfindlich, sondern fiir ihren physischen
Leib unempfindlich, dafiir aber nehmen sie mit Riesenstarke auf alles
dasjenige von der anderen Seite, von der Willensseite her, was in der
physischen Welt aufierhalb ist. Sie verfallen der Schwere, der Warme
und Kalte. Das alles wirkt so, wie gar nicht auf organische Wesen,
sondern wie auf unorganische Wesen, das unterdriickt dann die Aufie-
rungen von astralischem Leib und Ich-Organisation. Sie sind von der
Welt hingenommen, sie stellen sich durch den schwachen physischen
Leib nicht mit entsprechender Intensitat der Auftenwelt gegeniiber,
sie sind wie ein Glied der Aufienwelt, aber innerhalb des Physischen.
Es ist das deutliche Gegenbild dessen, was wir als das dritte Stadium
beim Heiligen beschrieben haben. Der Heilige geht durch den Schmerz,
der sich in ihm in Lust verwandelt, iiber dazu, daft er die geistige Welt
in ihrer reinen Geistigkeit erlebt. Er nennt das «die Ruhe in Gott» oder
«die Ruhe im Geist». Derjenige, der sich so entwickelt, wie ich das be-
schrieben habe, der ruht in den verborgenen okkulten Kraften der
physischen Welt, die ihm aber nicht zum Bewufitsein kommen, er
kommt nicht zu der Ruhe in Gott, nicht zur Ruhe im Geist, er kommt
zur Ruhe in den okkulten Kraften der Welt, denen er sich gerade als
Mensch in Selbstandigkeit gegeniiberstellen soli. Er entwickelt das
Spiegelbild des dritten Zustandes des Heiligen, das pathologische Spie-
gelbild, und das ist der Zustand des Blodsinns, in dem das Menschliche
ausgeloscht ist, in dem der Mensch ruht in der aufieren Natur, das
heifit in den verborgenen Kraften, aber nicht mehr sich menschlich
aufiern kann, sondern nur in dem, was im Menschen naturgemafl voll-
zogen wird, was im Menschen die Fortsetzung darstellt der aufieren
Naturprozesse, der vegetabilischen Prozesse: Sich-Ernahren, die Nah-
rungsmittel verarbeiten, und das Sich-Bewegen in der Richtung, wie
die Nahrungsmittel in ihrer inneren Verarbeitung Impulse geben, das
vollstandig wachende Schlafen, hingegeben an die Funktion der Kbr-
pergestalt, die aber nicht uberwunden werden vom schwachen phy-
sischen Leib, sondern ahnlich bleiben den Vorgangen der Aufienwelt,
die, weil sie im Menschen wirken, menschenahnliche Impulse geben
dem Menschen, der herausgestellt ist aus der Welt, weil er zu stark in
die physische Welt hineingestellt ist.
Wir haben es zu tun mit all dem, was das pathologische Spiegelbild
der Ruhe in Gott ist. Wir haben es mit dem «Ruhen in der Natur» zu
tun. Wir haben es mit den verschiedenen paranoischen Zustanden zu
tun, mit demjenigen, was man im gewohnlichen Leben die Zustande
des Blodsinns nennt, wahrend die vorhergehenden Zustande mehr die-
jenigen des Schwachsinns sind.
So sehen wir in die Stufenreihe beim Heiligen von den Anwesen-
heitsgefuhlen gegeniiber Wesenheiten der geistigen Welt bis hinein zu
dem sich selber Hineinversetzen in die geistige Welt im dritten Sta-
dium. So sehen wir das pathologische Gegenbild von der psychopatho-
logischen Minderwertigkeit, die wir im ersten Stadium verfolgen kon-
nen. Ganz besonders dann konnen wir darauf aufmerksam werden auf
die psychopathologische Minderwertigkeit, wenn sie sich so ausdriickt,
wie ich das vorhin beschrieben habe: in abnormer Wanderlust, ver-
bunden mit dem logikfremden Gedachtnis. Wir sehen das dann iiber-
gehen in die Zustande des Wahnsinns, die aber durchaus den Men-
schen zu gewissen Verrichtungen des aufleren Lebens geeignet machen
konnen in dem Friihstadium. Wir sehen das dann iibergehen oftmals in
den dritten Zustand, der auch schon von Anfang an vorhanden sein
kann.
Wir sehen, wie der zweite Zustand im wesentlichen darauf beruhen
kann, daft wir gar nicht imstande sind, gewissen Zustanden zwischen
Geburt und Zahnwechsel entgegenzutreten. Wenn Kinder in dieser
ersten Lebensepoche nicht gerade eine iibergrofie Klugheit zeigen aber
eine starke Lernbegierde, die sich erst zeigen sollten nach dem Zahn-
wechsel, kurz, wenn diejenigen Eigenschaften, die, wie ich in den
padagogischen Vortragen geschildert habe, eintreten im normalen Le-
ben zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, schon deutlich da
sind in der ersten Epoche, sollten wir besonders besorgt werden, soll-
ten wir sinnen auf Mittel, die dasjenige, was jetzt pathologisch ist, be-
heben konnen, psychische, spirituelle, physische Mittel. Wir werden
davon noch sprechen. Aber das ist das, was im Zusammenhang mit
diesen Erscheinungen studiert werden raufi, namlich, daft nicht herein-
leuchten sollte in die erste Lebensepoche zwischen Geburt und Zahn-
wechsel dasjenige, was in der zweiten Lebensepoche, wie ich es Ihnen
gestern geschildert habe, herauskommen soil.
Das dritte Stadium kann allerdings in zweifacher Weise sich ein-
stellen. In den weitaus meisten Fallen bringt es sich der Mensch, wie
Sie aus meinen Darstellungen ersehen haben, als sein Karma mit. Er
tritt schon durch dasjenige, was er durchgemacht hat beim Aufsuchen
der Zusammensetzung des Atherleibes, bevor er in den physischen
Leib hereintritt, schon in einen abnormen Zustand ein. Er gestaltet
sich einen Atherleib, der uberall nicht hinein will, der nicht hinein
will in Herz und Magen in der richtigen Weise, sondern sie uberfluten
will, der zu stark astralischen Leib und Ich-Organisation in die Organe
hineintragt, und wir sehen auftreten schon bei der Geburt oder sich
wenigstens bald nach der Geburt herausbilden die physiognomischen
Deformationen, die uns besorgt machen konnen. Man nennt das ange-
borenen Blodsinn. Den gibt es aber nicht. Es gibt nur einen karmischen
Blodsinn, der mit der ganzen Schicksalslage des Menschen zusammen-
hangt. Auch das werden wir genauer besprechen, damit man doch auch
einsieht, wie eine Inkarnation, die in einer solchen geistigen Umnach-
tung zugebracht werden kann, unter Umstanden sogar giinstig in das
Karma des Menschen sich hineinstellen kann, wenn es auch ein Elend
darstellt in der einen Inkarnation. Da beginnt die Notwendigkeit, die
Dinge nicht blofi unter dem Gesichtspunkte des endlichen Lebens,
sondern sub specie aeterni oder unter dem Gesichtspunkt des ewigen
Lebens des Menschen anzusehen. Da tritt ein dasjenige, was eine ge-
miitvolle und zu gleicher Zeit weise gewordene Caritas durchdringen
soli.
Auf der anderen Seite aber kann das zweite Stadium, das ich Ihnen
geschildert habe, durchaus in das dritte ubergehen, und das zeigt sich
dann, wenn schon in der ersten Lebensepoche des Menschen zwischen
Geburt und Zahnwechsel nicht blofi die zweite Epoche hereinleuchtet,
sondern schon die dritte, diejenige, in der der Mensch seine Ich-Or-
ganisation hereinnehmen soil. Wenn uns ein Kind entgegentritt mit
Eigenschaften im vierten, funften Lebensjahr, die oftmals das Ent-
ziicken der Umgebung hervorrufen, weil man sagt: der redet oder
tut wie ein Zwanzigjahriger - schlimm genug, wenn es so ist. Denn
dann tritt eben dasjenige ein, dafi die Ich-Organisation zu friih sich
entwickelt, den physischen Leib iiberwaltigt und schwach macht. Dann
tritt nicht der karmisch vermittelte, sondern im Leben akquirierte
Blodsinn ein, der sich karmisch erst spater ausgleichen kann; der Blod-
sinn aber, er tritt im spateren Leben ein. Wenn wir mit verstandigem
Sinn, mit einer guten Pastoralmedizin hinblicken auf das Leben, war-
den wir ihn dadurch beherrschen lernen konnen, indem wir einfach die
Erziehung in der richtigen Weise gestalten im Fruhstadium des Be-
treffenden.
Aber derjenige, der durch seinen inneren Beruf hingewiesen ist dar-
auf, solche Dinge zu beobachten, er sollte sie nicht nur beobachten,
insofern sie individuelle Einzelerscheinungen sind - da soli er na-
turlich mit besonderer Liebe eingehen konnen -, er soil auch ein Ver-
standnis entwickeln, wenn sie generelle Erscheinungen werden. Er soli
ein Verstandnis entwickeln, wie manchmal diese Dinge herangezogen
werden.
Wir haben, meine lieben Freunde, gesehen, dafi manches in die Pad-
agogik der fruheren Jahrzehnte eingezogen ist, was wir vom Stand-
punkte einer gesunden Padagogik, wie sie die Waldorfschul-Padagogik
sein will, gerade bekampfen, Dinge, die den Menschen aufierordent-
lich lieb geworden sind. Auf das muft manchmal mit grausamer Harte
in unserer Waldorfschul-Padagogik hingewiesen werden, zum Beispiel
wie diese, ich habe darauf hingewiesen, nicht dem Leben, sondern dem
Intellekt entnommenen Frobel-Arbeiten, die in den Kindergarten vor
dem Zahnwechsel getrieben werden, die nicht Nachahmung des Le-
bens, sondern ausgedachte Dinge sind, wie diese getrieben werden. Da
ist es dann, dafi in das kindliche Lebensalter zwischen Geburt und
Zahnwechsel hineingenommen wird dasjenige, was erst da sein sollte
im zweiten Lebensalter zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife.
Es wird geradezu herangezogen dasjenige, was sich in den ersten Sta-
dien des Pathologischen, wie ich es heute geschildert habe, dargestellt
hat. Dann wird herangezogen ein Krankheitszustand schwacher Art,
den man oftmals noch nicht als pathologisch anspricht, der auch besser
nicht als pathologisch bezeichnet wird, damit man nicht alles patholo-
gisch findet, der aber als Kulturerscheinung durchdrungen werden und
verstanden werden mufi. Nicht einfach kritisiert werden soil, aber ver-
standen werden soil, damit man in der rechten Weise sich zu ihm ver-
halt.
Was liegt vor? Da liegt vor falsche Erziehung in den ersten Kin-
desjahren. Das zweite Lebensstadium wird hineingenommen in das
erste, das Untersttitzen alles desjenigen, was automatisches Sprechen
und was von innen heraus ohne Anpassung an die Umwelt angeregten
Willen erzeugt. Nehmen Sie an, es ist ein bifichen von dem da, was
ich fur das erste pathologische Stadium geschildert habe, ein Anflug,
der dadurch erzeugt wird, daft die Erziehung in der Richtung, wie ich
es Ihnen geschildert habe, falsch war. Was kommt dann? Wander-
vogelgeliiste, eine nicht ganz als pathologisch zu bezeichnende, aber
ein gewisses Charakteristikum tragende Sucht, nur sich selber zu fol-
gen in einem gewissen Lebensalter, nicht mit der Welt zu rechnen: her-
aus aus der Aufienwelt, wandern, Wandervogellust! Es hangt schon
mit Zeiterscheinungen zusammen, die in einer, wenn ich so sagen darf,
pathologischen Erziehung, oder wenigstens in einer Erziehung mit
pathologischem Anflug urstanden. Das beobachten Sie jetzt. Beobach-
ten Sie viele Angehorige der Jugend - ich will das nicht kritisieren,
die Dinge sind voll berechtigt -, sie sind deshalb da, weil sie sich ver-
binden mit dem, was mit dem Kali Yuga geschehen ist, weil eine Affi-
nitat besteht zwischen dem in dieser Art leicht Pathologischen und
dem, was das Kali Yuga erzeugt. Die Dinge gehoren alle zusammen,
aber man mufi sie von diesen zwei Aspekten betrachten. Betrachten
Sie das, so werden Sie leicht Anfluge dessen sehen, was ich beschrie-
ben habe. In der Wanderlust driickt sich das deutlich aus, aber in ei-
nem extremen Stadium. Horen Sie einmal zu den Gesprachen, man
ist verzweifelt dariiber, wie wenig sie zuganglich sind fur das, was
man ihnen sagt, und wie sie ewig Details wiederholen, die sie bezeich-
nen als ihr «Erlebnis», sie kommen immer wieder und wieder auf das-
selbe zuriick. Mifiverstehen Sie mich nicht, ich will nicht im geringsten
das als etwas hinstellen, was nun im philistrosen Sinne beurteilt werden
kann, aber ich will andeuten, wie solche Erscheinungen nur recht
durchschaut werden konnen, wenn man jenes Verhaltnis, das ich Ihnen
in diesen Tagen geschildert habe, recht ins Auge fafit, das da besteht
darinnen, daft immer da ist eine Stufe hinein ins geistige Leben und des-
sen polares Gegenbild in den eigenen Leib hinein. Eine weitere Stufe
in die geistige Welt hinein beim Heiligen, eine weitere Stufe in den
Leib hinein bis zu den Krampfen und der Epilepsie bei demjenigen, der
pathologisch wird und so weiter. So ist die Verwandtschaft. Und wenn
Sie bedenken, wie schon in der aufieren Elektrizitat und im aufteren
Magnetismus der eine Pol immer von dem anderen abhangig ist, so
werden Sie den labilen Zustand begreifen, der im Leben sein kann zwi-
schen dem einen und dem anderen, der aber nicht mit so groben Tat-
zen erfafit werden darf, wie es heute so vielfach von der materialisti-
schen Weltanschauung geschieht, der aber mit der Feinheit erfafk wer-
den mufi, dafi polare Gegensatze da sind und wieder die Anziehung
des einen Poles und des anderen Poles, dann kommt man darauf, was
vorliegen kann in dem einen Fall und was im anderen Fall. Man lernt
erst dadurch in die menschliche Wesenheit hineinschauen. Da wollen
wir morgen fortsetzen.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 13. September 1924
Meine lieben Freunde! Wir haben betrachtet den Menschen im wesent-
lichen, obwohl wir das andere haben hereinleuchten lassen, insofern
er in seinem Erdenleben nach der einen oder anderen Seite hin sich aus
dem, was man das Normale nennen kann, herausentwickelt nach dem
Pathologischen hin, oder auch nach derjenigen Seite hin, die ihn in ein
Verhaltnis bringt zur realen geistigen Welt.
Wir wollen heute versuchen, iiber das einzelne menschliche Leben
hinauszugehen, iiber das Leben des Menschen, insofern es ein einzel-
nes Erdenleben darstellt, um zunachst an einem mehr oder weniger
uberschaubaren Beispiel zu sehen, wie auch in solchen Zustanden,
die, ich mochte sagen, in dem polarischen Gegensatz drinnenstehen
zwischen dem Hineinreichen in die geistige Welt und dem Hinunter-
reichen in das Korperliche, in das Naturhafte, um zu sehen, wie zu
solchen Vorgangen steht dasjenige, was sich durch die wiederholten
Erdenleben zieht. Denn es ist schon so: der Arzt braucht, wenn er
seinen Beruf ausiiben will, nicht nur in aufterlicher Weise oder in ver-
standesmaftiger Weise, sondern mit dem vollen Herzen, mit dem gan-
zen Menschen, er braucht das Darinnenstehen in der geistigen Welt,
das Anschauen der Welt vom Aspekt des Geistigen aus. Aber da nun
einmal tatsachlich das Menschenwesen durch aufeinanderfolgende Er-
denleben reicht, die Ursachen von einem Erdenleben auf geistige Art
in das andere Erdenleben hiniibergehen, wirksam werden im Men-
schen, so darf das Karma fiir uns keine Phrase bleiben, sondern wir
mussen auch allmahlich einsehen, wie wir uns heilend zum Karma zu
stellen haben. Dazu mussen wir vor alien Dingen seine Wirksamkeit
mit Bezug auf das Pathologische und mit Bezug auf das Visionare
durchschauen.
Der Priester braucht, wenn er in der richtigen Weise auf die Er-
scheinungen des Lebens eingehen will und fiir die Seelen, die ihm an-
vertraut sind, sorgen will, ein richtiger Seelsorger sein will, er braucht
auch das Hineinschauen in die Bedeutung des Geistigen fiir dasjenige,
was einem im physischen Erdenleben entgegentritt. Nur dann wird er
die Menschen auf Erden in richtiger Weise vom Gesichtspunkte des
Geistigen behandeln konnen.
Da fallt uns ja sogleich etwas auf, meine lieben Freunde, worauf
man heute vom iiberlegenen, auf klarerischen Standpunkte aus, vielleicht
mit einer gewissen Verachtlichkeit schauen kann, aber wiirden wir es
tun, unsere Nachkommen in fernen Jahrhunderten wiirden es uns heim-
zahlen. Denn sie wiirden es mit uns ebenso machen wie der Mensch,
der heute in der sogenannten wissenschaftlichen Bildung darinnen lebt,
es macht mit den Vorf ahren. Sie werden gleich einsehen, was ich meine.
In bezug auf die Anschauung uber die Krankheiten hat sich im
Laufe der Menschheitsentwickelung ein vollstandiger Umschwung
vollzogen, und gerade Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts
konnte einem dieser Umschwung besonders ins Auge fallen. Gehen Sie
zuriick ein paar Jahrtausende in der Entwickelung der Menschheit, in
altere Zeiten des Alten Testaments, so finden Sie uberall die Oberzeu-
gung: die Krankheit kommt von der Siinde, die Krankheit hat ihre
geistige Ursache zu allerletzt in der Siinde. Das wurde sehr ernst ge-
nommen. Es mufke eine geistige Verirrung oder Verfehlung irgendwo
vorliegen als eigentliche Ursache, wenn eine physische Erkrankung
auftrat. Und diese Anschauung ging weiter. Diese Anschauung ging
dahin, daft man sagte: Da in einem Menschen, bei dem irgendeine gei-
stige Verfehlung oder Verirrung zugrunde liegt, die in ihm die Erschei-
nung der Krankheit hervorruft, ist irgend etwas geistig Elementa-
risches enthalten, was nicht in ihn hineingehort, er ist irgendwie beses-
sen. - Jede Krankheit bedeutete ja eine Besessenheit mit Geistigem als
Folge einer geistigen Verirrung oder Verfehlung in alteren Zeiten, und
demgemafi war auch die Therapie eingerichtet. Sie war darauf ein-
gerichtet, nach Mitteln zu sinnen, wie man dasjenige, was durch die
geistige Verfehlung an fremder elementarer Geistigkeit in den Men-
schen hineinkam, wie man das wieder herausbringt. Radikal war diese
Anschauung, dafi man eine Krankheit nicht versteht, wenn man nicht
ihre krankhafte Ursache weifi.
Nun, nehmen Sie dasjenige, was in ganz folgerichtiger Entwicke-
lung heraufgekommen ist und mehr oder weniger in der letzten Zeit,
bevor dilettantisch die Psychoanalyse, die analytische Psychologie in
so furchtbarer Weise eingegriffen hat, indem sie das genau Entgegen-
gesetzte von dem, was da als Ansicht geherrscht hat, sagte: Jede Siinde
hat in der Krankheit ihre Ursache. - Man war uberzeugt davon; wenn
man irgendwo einen Verbrecher, einen Sunder hatte, wobei man den
Begriff der Siinde ziemlich aufterlich nach dem Staatskodex definierte,
wenn man irgendwo einen Verbrecher oder Sunder hatte, sah man, dafi
man nur in irgendeiner Weise seines Gehirns habhaft werden konnte
nach dem Tode, seines Schadels irgendwie habhaft werden konnte,
seine physische Organisation untersuchen konnte. Man wiirde schon
die Defekte, die Merkmale finden. Man hat sie auch in vieler Bezie-
hung gefunden, und man ist ja in dieser Beziehung nicht gerade wenig
weit gekommen. Tuchtige naturwissenschaftlich gebildete Leute sind
zu der Ansicht gekommen, wenn der Mensch vollkommen organisch
ausgebildet ist, siindigt er nicht. Er siindigt dadurch, dafi ein korper-
licher Defekt irgendwo da ist: die Siinde kommt von der Krankheit.
So geht die Entwickelung. Sie geht nicht in gerader Linie weiter, sie
geht durch polarische Gegensatze; und gerade die Menschen, die nun
zur letzteren Ansicht gekommen sind - es gesteht sich heute nicht jeder,
aber es liegt vielfach zugrunde selbst bei denjenigen, die aufierlich
nicht ganz auf dem Boden stehen -, diese Menschen sehen mit aller
Verachtung zuriick nach denjenigen Zeiten, in denen man gesagt hat:
Die Krankheit kommt von der Siinde. - Denn sie wissen, nach ihrer
Meinung ist das richtig: die Siinde kommt von der Krankheit. Ebenso
wissen sie, dafi man irgendeinen stoff lichen Prozefi im Kranken hat,
den man bekampfen mufi, aufheben mulS, herausbringen mufi, wie
man friiher eine geistige Elementarwelt herausbringen wollte. Fur den,
der die Sache im grofien anschaut, unterscheidet sich das nicht im we-
sentlichen, wie schliefilich, innerlich angeschaut, zwischen mancher
Heilquelle, die die materialistische Medizin fur richtig anschaut, und
Lourdes auch nicht ein sehr betrachtlicher Unterschied ist. Das eine
ist geheiligt durch den kirchlichen, das andere durch den materialisti-
schen Glauben. Diese Dinge mussen eben einfach unbefangen ange-
schaut werden.
Nun aber, wenn man in so, ich mochte sagen, kurzsinnigen Vor-
stellungen sich bewegt, kann man doch nicht auf die realen Zusammen-
hange kommen. Deshalb mochte ich Ihnen heute - und man sollte
eigentlich immer von konkreten Dingen sprechen, wenn man von sol-
chen Dingen spricht - einen konkreten Fall erzahlen, der Ihnen hohere
Zusammenhange im Gesundheitsleben des Menschen klarlegen kann.
Sehen Sie, es gibt einen Menschen im Verlauf des 19. Jahrhunderts.
Wir werden ihn so, wie er im 19. Jahrhundert da war, spater kennen-
lernen. Ich mochte Sie zuerst zu einer seiner friiheren Inkarnationen -
ich mochte nicht sagen zu der unmittelbar vorhergehenden - fiihren,
die fur seine Inkarnation im 19. Jahrhundert maflgebend war, wovon
die Inkarnation im 19. Jahrhundert die wesentlichsten Folgen hatte.
Da war er, dieser Mensch, in einer Gegend des siidlichen Orients, in
Asien inkarniert, lebte in einer menschlichen Umgebung, wo die Men-
schen aufierordentlich tierliebend waren. Sie wissen, dafi die orien-
talischen Lehren in der Tierliebe etwas ungeheuer Ehrliches haben,
sie ausdehnen dasjenige, was sie die Liebe zu den Menschen und zu
den Dingen nennen, namentlich auf die Tiere. Es ist eben nament-
lich in alteren Zeiten gewissen Menschen in solchen Gegenden absolut
naturgemafi gewesen, die Tiere ungeheuer zu lieben und gewisse Tiere
sehr gut zu behandeln. Dieser Mensch, den ich meine, der in einer frii-
heren Inkarnation lebte in einer Umgebung, wo man sich so zur Tier-
welt verhielt, er war kein Tierfreund. Er war, wohl bewirkt durch
friihere Inkarnationen - die wollen wir nicht untersuchen -, jetzt
mitten unter einer tierliebenden Bevolkerung ein Mensch, der aufier-
ordentlich schlecht gewisse Tiere behandelte. Er qualte sie schon als
Knabe, behandelte sie schlecht, qualte sie dann spater, indem er die
Haustiere mit allerlei Qualereien belegte, kurz, er wurde im umfang-
lichen Sinn ein Tierqualer. Das rief die starkste Entrusting hervor in
der Umgebung, in der er lebte. Und er erlebte eigentlich viel an Kon-
flikten zwischen seiner Sehnsucht, Tiere zu qualen, von der er nicht
lassen konnte, die in ihm wie etwas war, was ein innerer Drang
war - wir wiirden heute wiederum materialistisch gefarbt sagen: eine
Perversitat des Willens -; dabei nahm er, und das war seine Eigen-
tiimlichkeit damals, die spirituellen Lehren, welche die Bevolkerung
in seiner Umgebung hatte, mit einer grofiartigen Empfanglichkeit
auf, konnte sich ganz in sie hineinfinden, hatte einen feinen Sinn
fiir alles das, was die Religion in jenen Gegenden lehrte. Aber er
geriet gerade mit den religiosesten Leuten seiner Umgebung in furcht-
barste Konflikte, weil er eben die Tiere qualte. Namentlich die Tiere
qualte er, die er in seinem eigenen Haus hatte, zuerst bei seinen Ange-
horigen, spater indem er selbst eine Art Feldbebauer war. Die Tiere,
die ihm die nachsten Wesen waren, die die Orientalen ganz besonders
gut behandeln, wie zur Familie gehorig behandeln, diese Tiere qualte
er ungeheuer.
Nun, wie gesagt, wir werden uns nicht aufhalten bei einer zwischen-
liegenden Inkarnation, die in Betracht kommen konnte, sie hat nicht
viel zu bedeuten fiir das folgende Leben dieses Menschen. Er lebte wie-
der in unserem Zeitalter, im 19. Jahrhundert, in der ersten Halfte des
19. Jahrhunderts. In dieser Inkarnation, die also im weiteren Sinn un-
serer Zeit angehort, wurde er geboren als ein aufterordentlich angst-
licher Mensch, der in seiner Angstlichkeit darauf angewiesen war,
Tiere an sich zu ketten, namentlich Hunde an sich zu ketten. Man
konnte schon sagen, es war ein krankhafter Zug in dieser wiederum
nicht ganz normalen Neigung zu Tieren, die er nun entwickelte. Das
alles bekam einen Zug von Krankhaftigkeit dadurch, daft er eigent-
lich nicht eine besondere Liebe entwickelte zu den Hunden, wohl aber
ein Gefiihl, daft er sie haben musse. Man sieht gerade an der Art, wie
er sich mit Hunden einlieft, erstens etwas Phantastisches, wie wir gleich
sehen werden, zweitens aber etwas, worin ein innerlicher karmischer
Zwang von vorneherein sichtbar ist. Dabei wird der Mensch in dieser
Inkarnation ein aufierordentlich begabter Mensch, der sich heriiber-
tragt aus jener alten Inkarnation alles dasjenige, was er erlebt hat un-
ter der orientalischen Bevolkerung an spirituellen Lehren, auch an
spiritueller Religiositat. Das wird bei ihm nicht nur Gefiihl und Emp-
findung, das wird bei ihm Lebenspraxis. Er kommt im Verlaufe seines
Lebens nicht nur zu Phantasievorstellungen iiber das Geistige, sondern
er kommt zu der Moglichkeit, in richtigen visionsartigen Imaginatio-
nen, die sich ihm mit elementarischer Selbstverstandlichkeit ergeben,
dichterisch zu bilden dasjenige, was physisch im Menschenleben da ist,
und wo fortwahrend hineinspielen geistige, elementarische Wesenhei-
ten. Das ist das eine. So daft wir sehen, er ist Dichter, ausgezeichneter
Dichter. Er ist nicht nur ausgezeichneter Dichter, sondern man kann
schon sagen, er ist gerade im Dramatischen derjenige Dichter, den
wir auf dem Kontinent am ehesten vergleichen mochten mit Shake-
speare. Es ist Ferdinand Raimund, Raimund mit seinen extravaganten
Ziigen, mit seinem Riesentalent, der dramatische Dichtungen schreibt,
welche zeigen, er hat das aus friiheren Inkarnationen heriibergebracht,
Geistiges gestalten zu konnen, hineinstellen zu konnen ins Menschen-
leben. Man sehe sich nur an: «Der Alpenkonig und der Menschen-
feind* und soweiter,und mandarf ihn mit Shakespeare sogar darin ver-
gleichen, daft er zugleich ein bedeutender Schauspieler ist, was auch da-
von kommt, daft er den innerlichen Impetus hat, aus dem Geistigen
heraus Triviales und Nichttriviales auf der Biihne zu gestalten. Er
ist ein unvergleichlicher Schauspieler, voller Humor auf der Biihne, -
im Leben ganz und gar unter der Einwirkung des anderen, was ihm her-
iiberkommt aus der Tierqualerei, die er getrieben hat. So einheitlich
ist hier das Pathologische und das Geniale untereinandergemischt, das
Geniale, das ihn auf der einen Seite treibt, wirklich mit Shakespeare-
scher Kraft und Gewalt und geistig-seelischer Dramatik zu schaffen
und das auch auf der Biihne zu verkorpern, das Pathologische, das ihn
auf der anderen Seite treibt, das Phantastische selbst in das aufterliche
Leben hineinzutragen. Nun miissen wir uns einen besonderen Zug an-
schauen bei dieser Individuality des Ferdinand Raimund.
Sehen Sie, in der Tierqualerei, die ihm damals in einer Inkarnation
ein Bediirfnis war, fiihlte er eine Art Wollust, das tat er gem, er qualte
die Tiere aus innerer Lust. Daher kam er nicht wahrend des Erden-
lebens zum Bewufttsein, daft das etwas Schlechtes sei. Aber nachdem er
durch die Todespforte geschritten war, da kam er dazu. Nun, dasje-
nige, was man durchlebt, indem man durch die Todespforte schreitet
und dann weitergeht vom Tod zu einer neuen Geburt, das driickt sich
aus zunachst in einem weiteren Sinne in der Kopf organisation. Da liegt
dann das Moment, dasjenige, was man als Begabung mitbringt. Das
hat er sich reichlich mitgebracht. Da lebt sich aber auch etwas aus,
was im rhythmischen System, und namentlich im oberen rhythmischen
System, im Atmungssystem, zutage tritt. Denn der Mensch ist ja so
Tafel 7
gebaut, wenn Sie sich den Menschen vorstellen schematisch (siehe
Zeichnung): Stoffwechsel-Gliedmafiensystem, rhythmisches System,
Nerven-Sinnessystem. Dann wirkt heriiber in das Nerven-Sinnessy-
stem dasjenige, was aus friiheren Erdenleben kommt, in sein rhythmi-
sches System dasjenige, was zwischen Tod und neuer Geburt ist, und
dasjenige, was auf der Erde ist, wirkt einzig und allein im Stoffwech-
sel-Gliedmafiensystem.
Nun, alles dasjenige, was diese Individualitat, die da jetzt Ferdi-
nand Raimund ist, erleben konnte an bitterer Reue, an aufklarender,
tief niederschmetternder Einsicht nach dem Tode in jener friiheren In-
karnation iiber seine Sehnsucht zur Tierqualerei, all das wirkte sich
ja aus immer in den Zustanden zwischen Tod und einer neuen Ge-
burt, und beeinflufite das rhythmische System. Es kam im rhythmischen
System dadurch zum Ausdruck, dafi es bis ins Physische hineinwirkte.
Denn in der Physis des Kopfes haben wir die Nachwirkung des vorigen
Erdenlebens, in der Physis des rhythmischen Systems haben wir die
Nachwirkung des Lebens zwischen Tod und einer neuen Geburt.
In der Embryologie haben Sie diese Wahrheit zum Greifen nahe,
auch aufierlich physisch-sinnlich. Bei dieser Individualitat des Ferdi-
nand Raimund sehen wir namentlich in seinem Atemsystem, in dem
oberen rhythmischen System, wie all die Reue, die bitteren Einsichten
hineinwirken, die iiber ihn kommen, indem er aus dem maflgebenden
vorigen Erdenleben heraus durch die Pforte des Todes schritt. Und
er wird dadurch veranlafit, dasjenige auszubilden, was zu einer Art
von Atemunregelmafiigkeit, zu geringer Aufnahme von Sauerstoff, zu
starkem Durchdrungensein von Kohlensaure zu fiihren hat, Atmungs-
unregelmafiigkeiten, die, physisch betrachtet, an sich alle Angstzu-
stande herbeirufen, die aber die Trager sein konnen von Elementar-
wesen der Angst. Alles dasjenige, was in Atmungsunregelmaftigkeiten
lebt, was nicht die richtigen Mengen von Sauerstoff und Kohlensaure
in dem Atmungsprozeft sein lafit, zieht Elementarwesen der Angst her-
bei. Das konnen Sie gut verfolgen im «Alpenk6nig und Menschen-
feind». Das war in Ferdinand Raimund ganz besonders gut ausge-
bildet, er war sozusagen «disponiert», wenn wir den gelehrten Aus-
druck gebrauchen wollen, sein Atmungssystem zum Trager zu machen
von Elementarwesen der Angst.
Solche Elementarwesen der Angst sind aber nicht aliein Elementar-
wesen der Angst, sondern, wenn man zu gleicher Zeit eben sich auch
das mitbringt, was Ferdinand Raimund im Kopfe hatte aus friiheren
Erdenleben an psychisch-spirituellen Anschauungen, die seine Dramen
so interessant machen, dann sieht man, wie durch das Hineinwirken
dieser Angstdamonen, die auf diese Weise kommen, das Karma in
einer ganz bestimmten Richtung lauft. Man sieht formlich, wie diese
Angstdamonen zu einer Auswirkung, zu einer krankhaften Aus-
wirkung im Sinne des Karma drangen. Sie giefien sich hinein, mochte
ich sagen, in die phantasievollen Imaginationen bis ins Visionare sich
hineinlebende Imaginationen - denn Raimunds Dramen liegt Visio-
nares zugrunde -, sie giefien sich hinein in das Visionare und verur-
sachen dadurch, dafi der Mensch auch im Leben etwas Phantastisches
entwickelt. Und auf diese Weise stdlk eine Stromung im Karma durch,
eine ungeheuer geniale Begabung, die sich auslebt. In einer besonderen
Art geistigen Schaffens lebt die eine Stromung sich aus, die andere
Stromung lebt parallel in einer Art Lebensphantasterei, die aber nicht
sich aufierlich auslebt, sondern nach innen sieht, weil sie im rhyth-
mischen System liegt, das ja das halb Innerliche ist, das aber in seinen
unteren Organen sich wieder so auslebt, dafi es sich auf das aufiere Le-
ben erstreckt, aber audi wieder nach dem Inneren zuriickschlagt, wo-
durch seine geniale Individuality begleitet wurde von einem wirklich
pathologischen Zug. Und dieser Zug, dieser pathologische Zug, der in
Angstdamonen sich auslebte, der wurde das Vehikel fur das Ausleben
des Karma.
Man kann direkt ablesen das Karma Ferdinand Raimunds. Rai-
mund ist genotigt, einen Hund zu halten. Er ist Phantast. Er tut, was
andere Menschen nicht tun. Man kann das verstehen, kann auch durch-
aus seine Sympathien dafur haben. Denn man kann schon sagen, meine
lieben Freunde, ich habe mehr Sympathie als fur das Essen manches
zum Kommerzienrat ernannten Burgerlichen an der Hoftafel, wenn
ich wahrnehme, dafi Raimund aus einer phantastischen Laune heraus
sich zu seinem Hund setzt und von der Mahlzeit seines Hundes sich
etwas wegnimmt, um es zu verzehren. Das tut Raimund. Schauen Sie
sich an, wie das Karma der Tierqualerei aus der friiheren Inkarnation
hereinspielt. Sehen Sie sich an, wie einfach diese Tatsache, die umge-
staltet ist aus der Reue nach dem Tode und der Tierqualerei von frii-
her, wie eine phantastische Siihne sich vollzieht, aber diese phantastische
Suhne vollzieht sich in einer noch viel herberen Art. Gleich nachher
kommen die Angstdamonen und wirken mit in der Vollziehung des
Karmas. Ferdinand Raimund wird iiberf alien von der Idee: der Hund
ist wiitend, ich habe mit ihm gegessen, ich bin angesteckt von der
Hundswut! - Nun sehen Sie, wie Raimund ganz niedergeschmettert
ist. Wahrend er unter Umstanden das Genialste auf der Biihne tut - in
dem Moment, wo er hinausgezogen ist aus dem Leben, von den Zwangs-
ideen iiberfallen wird, ist ein Gefiihl da, er sei von der Hundswut an-
gesteckt.
Dann unternimmt er zum Beispiel eine Reise mit einem Freunde.
Sie reisen von Wien nach Salzburg, da iiberfallt ihn diese Idee, er sei
von der Hundswut angesteckt, er miisse gleich wieder zuriick nach
Wien, um seine Heilung zu suchen. Es ist eine qualvolle Reise fiir ihn
und fiir den Freund, wenn man die Reise verfolgt. Man sieht iiberall
das Pathologische dem Genialen auf dem Fufie folgen. Nun, er wird
sehr gut behandelt, Ferdinand Raimund, weil ihn die Leute aufier-
ordentlich gern haben. Allmahlich kommt er ab von dieser Idee. Es ist
wirklich etwas da wie eine Heilung durch das Leben, durch die Freude,
durch all das Gute, was er von verschiedenen Seiten bekommt, was er
nicht gern annimmt, weil er Hypochonder ist und bleibt, weil die
Angstdamonen, wenn sie ihn nicht mit dem einen qualen, mit dem
anderen qualen. So ist er immer hin und her pendelnd zwischen dem
humoristischen Raimund und dem Hypochonder. Aber wenigstens
kriegte er diese Idee los, dafl er wiitend ware. Sie hat jahrelang gedauert,
diese Idee. Aber er bleibt an die Tiere gefesselt. Wieder hat er einen
Hund nach zehn Jahren, und siehe da, als er mit dem Hunde spielt,
beifit er ihn wirklich. Wieder tritt die Idee auf - kurioserweise ist es
auch konstatiert worden, dafi der Hund an Hundswut litt, es war aber
ganz unbedeutend -, Raimund stand da, er war gebissen von dem
Hund, der hat Hundswut! Raimund fahrt nach Pottenstein, schiefit
sich eine Kugel in den Kopf, die in die hintere Hohlung hinaufgeht
und weit zuriick sitzt. Sie kann nicht operiert werden; Raimund stirbt
an dem Schufi nach etwa drei Tagen. Sie sehen, die erste sozusagen
«Wahnidee» hat er losbekommen, aber das Karma hat fortgewirkt.
Es ist ein Fall, wo in seltener Art das Karma sich reinlich auswirkt;
denn denken Sie nur einmal folgendes: Es ist subjektiv nicht ganz ein
Selbstmord, denn Raimund hat nicht ganz die voile Verantwortlich-
keit, es ist nicht subjektiv ein voller Selbstmord. Es ist objektiv auch
kein voller Selbstmord, denn wenn gerade an der Stelle dazumal hatte
operiert werden konnen, so ware Raimund gerettet worden. Aber man
konnte dazumal nicht an der Stelle operieren, man mufite die Kugel
drinnen lassen und das fiihrte nach drei Tagen zum Tode. Es ist kein
reiner Selbstmord, weder subjektiv noch objektiv. Man kann also nicht
sagen, dafi da sich irgend etwas anschliefit wegen Selbstmords im Kar-
ma. Das Karma setzt sich nicht fort, es lebte sich aus mit dem, was er in
diesem Leben erlebt hat bis zum Schlufipunkt, bis zu der Art, wie sich
die selbstmorderische Absicht verwirklichte. Aber man sieht formlich
heraufschlagen, deutlich erkennbar, das Karma aus dem friiheren Le-
ben, sieht es so heriiberschlagen, dafi man sich nun sagen kann, wir
haben folgendes gesehen.
Wir haben gesehen, wie es Menschen gibt - die sind durch eine beson-
dere karmische Veranlagung da, die wir nur fur das Erdenleben be-
trachtet haben die veranlagt sind, dafi sie ihr Ich, ihren astralischen
Leib, ihren Atherleib entweder sogleich oder stufenweise, etappenweise
so haben, daft sie in die geistige Welt visionar hineinbrechen: die hei-
lige Theresia, Mechthild von Magdeburg und viele andere. Wir haben
solche Personlichkeiten, welche nach der einen Richtung hin, nach der
Richtung nach dem Geistigen, eine Abnormitat zeigen. Wir haben bei
denjenigen, die nach der einen Seite hin eine solche Abnormitat zeigen,
nicht notig, auf die Einzelheiten des Karmas einzugehen. Natiirlich
ist es karmisch veranlagt. Aber wir brauchen nicht auf die Einzelheiten
des Karmas einzugehen. Denn man durchschaut den Fall in einem ein-
zelnen Erdenleben.
Ebenso auf der anderen Seite, die wir gestern betrachtet haben.
Wir sehen, wie die Menschen sich abnorm hineinentwickeln in ihren
physisch-atherischen Organismus und so mehr untertauchen in den
physischen Leib und dann pathologisch werden, wie ich Ihnen gestern
gezeigt habe, in drei Etappen. Das Pathologische ist in dem Karma
veranlagt. Aber man braucht nur bis zu dem Allgemeinen zu gehen,
daft bei solchen Personlichkeiten, wie die heilige Theresia, die Indivi-
dualist in friiheren Erdenleben ganz besonders stark geworden ist,
bei den Psychopathen oder pathologischen Personlichkeiten, die wir
hier im Auge haben, besonders schwach sich ausgebildet hat, daher
hereingezogen wird durch die niederen Glieder das Hohere. Man
braucht wieder nur zu der allgemeinen Eigenschaft der Individuality
zu gehen, nicht das Karma im einzelnen ins Auge zu fassen.
Aber nun haben wir in Ferdinand Raimund eine eigentiimliche Per-
sonlichkeit. Sie entwickelte sich nicht nach dem Visionaren allein,
sondern gleichzeitig ist die andere Entwickelung da. Es sind beides
polarische Gegensatze, die fortwahrend im Leben zusammenstofien.
Beide sind in seiner Persdnlichkeit; das Pathologische und Geniale spie-
len gerade in ihm auf der einen Seite wunderbar, auf der anderen Seite
schreckhaft ineinander. Wir haben da notig, dann auf das Konkrete
des Karmas einzugehen. Da mufi man schon einsehen, wie das Karma
wirkt, beide Pole zu erzeugen und sie auch wiederum auseinanderzu-
halten, zuweilen ineinander wirken zu lassen. Sie werden in Ferdinand
Raimunds Dramen zahlreiche Stellen finden, denen gegeniiber Sie sich
sagen konnen: Da drinnen wirkt ja zu gleicher Zeit seine geistige Schau,
aber auch wirkt da hinein dasjenige, was von den Angstdamonen
kommt. In der dramatischen Gestaltung sehen Sie es zuweilen.
Sie sehen, wir kommen auf eine ganz selbstverstandliche Art, wenn
wir in dieser Weise verfolgen menschliche Charaktere, in karmische
Betrachtungen hinein und miissen daraus ersehen, wie einseitig es ei-
gentlich ist, wenn man auf der einen Seite die abstrakte Lehre nimmt,
die innerhalb gewisser Zivilisationsstromungen des Altertums vorhan-
den war: Die Krankheit kommt von der Siinde -, es wirkt nur die
abnorme Geistigkeit im Menschen. In dieser Abstraktheit lassen sich
Dinge naturlich behaupten, bleiben Theorien auch dann, wenn man
die Menschen darnach behandelt. Auch das andere ist eine abstrakte
Einseitigkeit, wenn man sagt: Die Siinde kommt von der Krankheit -,
und es sind physische Substanzen, physische Prozesse im Menschen-
leben zu bekampfen. Man mufi auf das Konkrete eingehen, einmal auf
das Konkrete der menschlichen Organisation, wie die hoheren Leiber
zueinander stehen, ob sie voneinander angezogen werden, oder ob sie
sich entfernen von den niederen, und man mufi auf entsprechende
Weise sehen konnen in einem solchen Ineinanderwirken von Geniali-
tat und Pathologischem, wie es bei Raimund der Fall ist, das Wirken
von Karma. Denn wenn man sich fur solche Dinge ein Verstandnis
aneignet, dann wird man schon im Leben finden die Moglichkeit, hin-
zuzufiigen zu demjenigen, was man im physischen Heilungsprozefi lei-
stet, das Wort, das man braucht als Erganzung des physischen Hei-
lungsprozesses. Man wird durchaus dazu kommen, nicht in Befangen-
heit blofi im physischen Heilungsprozefl das Um und Auf zu sehen, son-
dern zu wissen, wie in manchen Fallen notwendig ist, das Moralische
der Heilung hinzuzufiigen. Es braucht ja nicht darin zu bestehen, daft
man philistroser Troster wird und an den Kranken herangeht mit aller-
lei philistrosen Trostereien. Die wirken in der Regel wenig, denn dafiir
haben die Kranken nicht viel iibrig, fur die Teetantentrostereien und
gutmiitigen Pfeifenonkeltrostereien, dafiir haben die Kranken eigent-
lich nicht sonderlich viel iibrig. Aber sie haben fiir das aufierordent-
lich viel iibrig, was im natiirlichen Verhalten liegt, in dem, was im
«Wie» des Aussprechens liegt, nicht in dem «Was». Da hinein findet
man sich aber ganz instinktiv, wenn man eben geneigt ist, seine Welt-
anschauung und Lebensauffassung und Lebensbetrachtung in solches
Licht zu stellen, das mit den geistigen Zusammenhangen so sich ver-
tragt, wie es sich vertragen kann, wenn man solche Beispiele, wie das
angefiihrte, wirklich vollig ernst nehmen kann.
Man kann ja nicht, meine lieben Freunde, das geistige Wirken nur
in Tiraden sehen, nur im Reden aus religiosen Tiraden heraus, sondern
das geistige Leben mufi an Tatsachen entwickelt werden. Denn wenn
das geistige Leben in Tatsachen erfaflt wird, dann kann die Erfassung
des geistigen Lebens in der notwendigen Menschenbehandlung erst an-
gewendet werden. Dann kann es angewendet werden auf den gesunden
und kranken Menschen. Namentlich bekommt man einen Instinkt fur
die Orientierung irgendeines Krankheitszustandes, der so oder so auf-
tritt. Wir werden sehen, das geht auch in physische Erkrankungen hin-
ein, aber wir miissen uns erst den Weg bahnen, diese Dinge dann auch
in den physischen Erkrankungen zu sehen. Da sehen Sie, da kommen
Sie schon darauf, wenn Sie solche Dinge, die ja durch mancherlei Bei-
spiele vermehrt werden konnten, studieren. Von diesem Gesichtspunkt
aus ist es interessant, vieler Menschen Leben, die gerade geniale Naturen
waren, nicht vom Standpunkt eines Erzphilisters, wie Lombroso es
war, zu studieren. Das Ekelhafte an Lombrosos Theorie ist nicht seine
grofie Genialitat, die ist ja da, aber das Ekelhafte ist, daft er ein Erz-
philister ist, dafi man auf jeder Seite ein philistroses Urteil liest. Es ist
schon so, dafi da die Wissenschaft wirklich einmal auf den Erzphilister
gekommen ist. Wenn Sie die Dinge wirklich nicht vom Standpunkt des
Erzphilisters nehmen, sondern sie nehmen vom Standpunkt des Durch-
schauens der Welt, das heifit des sinnlich-geistigen Lebens, dann wird
man, wenn man in seinem inneren Beruf den Trost braucht, den Trost
der Religion oder das Sakrament heranbringen an den Kranken, die-
ses Sakrament mit der richtigen spirituellen Aura darbieten. Aber
ohne das dahinterliegende Verstandnis nicht. Ob man dem Kranken,
dazu, dafi er genesen ist, dazu, daft er an der Genesung nicht seelisch
Schaden nimmt, das Abendmahl in der richtigen Weise reicht, hangt
davon ab, daft man fur solche Dinge Verstandnis hat.
Sehen Sie, es hat schon einen Sinn - wir werden davon noch spre-
chen dafi in Erganzung des physischen Heilungsprozesses fur ge-
wisse Menschen das Abendmahl notig ist, wenn sie genesen sind, damit
das, was im Karma in Unordnung gebracht ist, in Ordnung gebracht
werde. Aber wenn man das nicht weifi, kann man das nicht in die
Aura des Sakraments hineintragen. Aber auf der anderen Seite wird
auch der Arzt, der diese Dinge durchschaut, der in der Krankheit das
wirkende Karma sieht, der pflichtgemafi eingreift in den Heilungs-
prozeft, sich in richtiger Weise hineinstellen konnen, wenn er welt-
anschauungsgemafi mit dem ganzen Menschen diese Dinge durch-
schaut. Aber dann wird etwas Objektives mit dem Arzt, mit dem
Heiler vorgehen, wenn der Arzt mit seiner ganzen Seele sich wirkend
weifi im Menschen mit den karmischen Prozessen. Dann wird seine
Heilmission die andere Seite des Gottesdienstes, einen religiosen Zug
bekommen, und er wird sich auffassen lernen als der Genosse des Prie-
sters, als derjenige, der neben der Priesterschaft steht und die andere
Seite des Gottesdienstes verrichtet; und Heilen wird Gottesdienst.
Durch eine richtige anthroposophische Auffassung sind diejenigen
Dinge, die die materialistische Weltanschauung aufgebracht hat im
Naturdienst, das heifit Herumtanzen um das goldene Kalb, im hebra-
ischen Sinne gesprochen, sind diese Dinge wieder zu verwandeln in
Gottesdienst. Alles im Leben und Kunst und Religion verwandeln in
Gottesdienst, das ist dasjenige, was schliefilich Aufgabe sein kann der
umfassendsten Pastoralmedizin, die getrieben werden kann innerhalb
der anthroposophischen Bewegung. Aber der Anfang muft gemacht
werden, indem zunachst diese Pastoralmedizin wenigstens andeu-
tungsweise hier ausgefuhrt wird fur diejenigen, von denen das Wirken
fur die beiden Seiten des wahren Gottesdienstes aus den geistigen Un-
tergriinden heraus hervorgehen mufi.
Daher wird Pastoralmedizin zunachst fur Priester und fur Arzte
vorgetragen innerhalb der anthroposophischen Bewegung, und diese
werden dann die Moglichkeit finden, mit dem Wissen von Natur und
Geist sie weiter zu verfolgen, aber auch gerade diejenigen Gebiete des
Lebens, die innerhalb ihrer Mission liegen, damit zu penetrieren.
Davon wollen wir morgen weiterreden.
SIEBENTER VORTRAG
Dornach, 14. September 1924
Meine lieben Freunde! Wenn man nur mit den Mitteln, die man be-
kommt durch die heutige Wissenschaft - gegen die ja naturlich in
bezug auf ihre eigenen Leistungen, in bezug auf die Leistungen die-
ser Wissenschaft nichts eingewendet werden soli, denn soweit sie mit
ihren Methoden dringen kann, dringt sie ja in ausgezeichneter Weise
in das ein, was ihr auf ihrem Wege eben werden kann -, wenn man nur
mit diesen Mitteln zu tun hat, dann kann man eigentlich zu dem Ver-
standnis des Menschen nicht kommen. Man kann deshalb nicht dazu
kommen, weil ja im menschlichen Leben, so wie es nun einmal dasteht,
Leiblich-Physisches, Seelisch-Geistiges ineinander verwoben ist. In
das Leiblich-Physische hinein erstrecken sich die Erdenprozesse, rings-
herum die Erdenprozesse der Gegenwart. Wir verfolgen dann mit der
heutigen, gerade fur das Aufiermenschliche verhaltnismafiig gut arbei-
tenden Wissenschaft die physikalisch-chemischen Prozesse der aufie-
ren, aufiermenschlichen Natur, und wir geben uns da leicht der Vor-
stellung hin: So wie diese chemischen Prozesse verlaufen im physika-
lischen Kabinett, oder bei der Beobachtung desjenigen Stiickes Welt,
das unmittelbare Erdenumgebung ist, oder im chemischen Laborato-
rium, so ungefahr stellt man sich vor, setzen sich diese Prozesse dann
auch im Inneren des Menschen fort. Man beschreibt aufien die Ver-
brennung als die Verbindung irgendeiner Substanz mit dem Sauer-
stoff , setzt dann, wenn man von menschlicher innerer Tatigkeit spricht,
die Gedanken in den Menschen hinein fort, die man so gewonnen hat,
spricht auch im menschlichen Inneren von Verbrennung, wahrend man
wissen sollte, dafi dafiir gar keine Moglichkeit besteht. Denn gerade
so, wie sich ein Lebendiges zu einem Toten verhalt, so verhalt sich der
Vorgang, der im Inneren des Menschen als einer Verbrennung ahnlich
beschrieben werden kann, zu einer aufieren Verbrennung. Auftere Ver-
brennung ist unorganisch, aufiere Verbrennung ist lebenslos. Im In-
neren haben wir es mit einer lebendigen Verbrennung zu tun, mit einer
lebendig gewordenen Verbrennung. Das hat auch fur die ubrige Wis-
senschaft grofie Folgen, bedeutsame Folgen. Denn sehen Sie, die auftere
Verbrennung unterliegt ja mit Bezug auf die Substanz, die sie ergreift,
ganz bestimmten, sagen wir Warmeverhaltnissen. Wir konnen uns nur
vorstellen nach unserer Wissenschaft, dafi sich eine gewisse Entziin-
dungstemperatur ergibt, Verbrennungswarme da ist fur diese aufieren
Verhaltnisse. Das ist durchaus nicht etwas, was sich ins Innere des
menschlichen Organismus in derselben Weise fortsetzt. Unter bestimm-
ten Temperaturgraden kann sich aufierlich irgendeine Substanz mit
dem Sauerstoff verbinden, eine Verbrennung ist da. Nicht bei der-
selben Temperatur braucht sich das im Inneren zu verbinden, da herr-
schen andere Gesetze. Ich sage, das hat fiir die aufiere Wissenschaft
eine bestimmte Bedeutung, denn man stellt Hypothesen auf in der
aufieren Wissenschaft, die recht plausibel erscheinen. Man schliefit
aus den Verhaltnissen, die jetzt auf der Erde sind, auf friihere Zu-
stande. Der beruhmte jenensische Physiologe Preyer hat so etwas ge-
tan. Ihm war die gewohnliche Kant-Laplacesche Theorie zu dumm,
und er ist zuriickgegangen zu gewissen lebendigen Feuerprozessen, von
denen die Evolution ausgegangen sein soli. Ja, das hat er sich vorge-
stellt, dafi die bei denjenigen Temperaturen verlaufen miissen, wo ent-
sprechende Feuerprozesse heute verlaufen miissen. Das mufi nicht sein.
Man kann zunachst gehen von heutigen unorganischen Feuerprozessen
zu ahnlichen Prozessen, wie sie heute im menschlichen Organismus
sind, wo bei einer wesentlich niedereren Temperatur dieselben Vorgange
zustande kommen. Dann wiirde man auch fiir eine hypothetische Vor-
stellung eines irdischen Urzustandes etwas ganz anderes herausbe-
kommen.
Sie sehen also, die Vorstellungen, die gang und gabe werden, haben
fiir das gesamte Auffassen des Weltbildes eine ganz bestimmte Bedeu-
tung. Kurz, man kann mit den Mitteln, die die heutige Wissenschaft
liefert, nicht auskommen, um schon die aufiere Welt in ihrem Verlauf
und die unmittelbare Gegenwart daraus zu verstehen. Das gibt ja na-
tiirlich sogleich Schwierigkeiten, wenn eine gewisse Tendenz auftritt.
Ich kann von diesen Schwierigkeiten wirklich sprechen, weil ich sie
personlich in einer aufierordentlich starken Weise erlebt habe.
Sehen Sie, Sie diirfen mir glauben, durch meine ganze Entwickelung
hindurch ging ein Zug, der nur so bezeichnet werden kann - Sie sehen
es aus der Beschreibung meines «Lebensganges» -: alleraufierster Re-
spekt vor der Naturwissenschaft der Gegenwart! Dieser Respekt war
immer da. Nirgends, in keinem Punkte konnte ich mich entschlieften,
eine ablehnende Kritik im trivialen Sinne, wie es leicht vorkommt,
aufzuwenden gegen dasjenige, was als Naturwissenschaft, sei es auf
dem Gebiete des aufieren Chemisch-Mechanisch-Physikalischen, sei es
auf dem Gebiete des Medizinischen aufzubringen. Aber dabei stand
mir doch die Evolution auch als geistiges Bild vor Augen, war da.
Nun hatte man das Bestreben, dasjenige, was sich geistig eroffnet, sa-
gen wir fur so etwas wie die atlantische Zeit oder die lemurische Zeit
oder noch weiter zuriick oder vorwarts, mit demjenigen in Einklang
zu bringen, was die Naturwissenschaft gibt. Das geht fur dasjenige,
was die Naturwissenschaft fur die unmittelbare Gegenwart sagt, in
leidlicher Weise. In dem Augenblick, wo die Naturwissenschaft an-
fangt, wild zu werden und Hypothesen aufzustellen, die iiber die Ge-
genwart in eine Zeit weit zuriickliegender Vergangenheit gehen, be-
kommt man die allerschwersten Konflikte, wenn man das geistig Ge-
schaute mit dem in Einklang bringen soli, was die Naturwissenschaft
sagt. Daher kommt man in Konflikte, gerade wenn man im Einklang
mit der Naturwissenschaft leben will, dieser Naturwissenschaft, gegen
die die Geisteswissenschaft nie etwas haben will; denn man wird doch
nicht so unverniinftig sein, gegen Tatsachen etwas einzuwenden. Aber
um so mehr kommt man in Konflikt mit den Anschauungen. Sobald
der Naturforscher redet: gut - sobald er anfangt zu schreiben, so wird
er eigentlich schon wild, und dann kann man nicht mehr mit. Das ist
dasjenige, was da als ein schwerer Konflikt vorliegt, der auch einge-
sehen werden mufS von demjenigen, der irgendwie in Beriihrung
kommt mit dem, was die heutige Wissenschaft geben kann.
Denn sehen Sie, diese Wissenschaft kommt eben einfach nicht an
den Menschen heran, weil der Mensch eben auch nach dem Seelischen
und nach dem Geistigen hin in die Welt hereingestellt ist, und in seinen
Prozessen lebt sich nicht nur aus dasjenige, was man aufierlich erforscht,
bis zu den Erscheinungen der Aerodynamik oder der Aeromechanik
herauf oder der Kalorik, sondern in seinen Erscheinungen lebt sich zum
Beispiel auch dasjenige aus, was aus f riiheren Erdenleben in sein Karma
hereinkommt. Wir sahen gestern, dafi man es formlich mit Handen
greifen konnte bei einem Menschen wie Ferdinand Raimund. Dazu
fehlt jede Moglichkeit des Oberganges, wenn man nur die Mittel der
heutigen Naturwissenschaft in Betracht zieht. Aber nun sehen Sie, man
mufi eben aufsteigen dazu, dasjenige, was aufierlich am Menschen sich
als Vorgange darstellt, gewissermaflen von dem Geistigen abfangen
zu lassen, ins Geistige einzugliedern. Dann kommt man doch gut zu-
recht, gerade wenn man ganz fest stent in der Physiologie des Atmungs-
vorganges, in der Physiologie des Zirkulationsvorganges, in bezug auf
dasjenige, was man schon wissen kann auch durch die Mittel der heu-
tigen Naturwissenschaft, wenn man versucht, gerade vom Atmungs-
und Zirkulationsvorgange aus zu begreifen, wie das physische Leben
mit dem Geistigen zusammenhangt.
Denn sehen Sie, wenn wir zunachst den Prozefi der Einatmung des
Menschen ins Auge fassen: dieser Prozefi der Einatmung im Menschen,
er besteht darin, dafi aufieres Luftf ormiges aufgenommen wird von dem
Menschen. Dieses aufiere Luftformige ist aber nicht eben ein blofi Pas-
sives, das von der f ertigen Menschennatur aufgenommen wird und dar-
innen weiter so verarbeitet wird, dafi sich der Sauerstoff auf nahme-
prozefi in einen Kohlensaurebildenden Prozefi verwandelt und so ein-
fach die Einatmung in die Ausatmung ubergeht, sondern dieser Ein-
atmungsprozefi stellt sich in Wirklichkeit als ein fortwahrender Er-
zeuger der menschlichen Wesenheit dar. Er arbeitet fortwahrend an
dem Aufbau der menschlichen Wesenheit von aufien herein mit. Von
der Welt herein wird im Einatmungsprozefi der Mensch fortwahrend
aufgebaut, und der Mensch nimmt wirklich nicht blofi den amorphen
Sauerstoff auf, sondern in dem Sauerstoff , den er irrtumlich als amorph
ansieht, in dem nimmt er auf Gestaltungskrafte, die seinem eigenen
Wesen entsprechen. Wenn wir Atemnot haben, so sitzt wirklich in
den Atmungswegen eine fremde elementarische Wesenheit drinnen.
Aber das ist in dem abnorm gestalteten Atmungsprozefi. In dem nor-
mal gestalteten AtmungsprozefS, meine lieben Freunde, sitzt fortwah-
rend ein entstehender Mensch. Fortdauernd geht aus dem Makrokos-
mos eine werdende Menschengeburt, eine Luftmenschengeburt in den
Menschen hinein. Der ganze Prozefi, der sich da abspielt, der steht
unter der Aktivitat des astralischen Leibes, so dafi man sich die Sache
Tafel 8 so vorstellen mulS (Tafel 8): Wir atmen ein; die Einatmungstatigkeit
ist aktiviert durch den astralischen Leib. Der ganze Prozeft, der sich
da abspielt, der fortdauernd eine Menschenwerdung ist, dieser Pro-
zeft spielt sich im Element der Luft ab, in alledem, was im Menschen
luftformig mitarbeitet, spielt sich dieser Prozefi ab, so daft wir da ein
fortwahrendes Menschwerden haben im Einatmungsprozefi in dem
Element des Luftformigen.
Aber sehen Sie, nun atmen wir wieder aus. Wir atmen aus und atmen
ja im wesentlichen Kohlensaure aus. Es wird im Anschlufi an andere
organische Vorgange der Kohlenstoff gewissermafien fur die Aus-
atmung gesammelt. Man stellt sich das vor nun wiederum als eine Art
passiven Reaktionsprozesses oder so etwas Ahnlichem. Man hat iiber-
haupt keine klare Vorstellung uber diese Dinge. Man untersucht eben
einfach dasjenige, was man mit physischen Mitteln nach dieser Rich-
tung untersuchen kann, aber man macht sich keine klaren Vorstellun-
gen. Nun sehen Sie, diese Ausatmung aber ist wieder aktiviert, in ihr
ist nicht blofi ein passiver Prozefi enthalten in bezug auf den Men-
schen, sondern es ist Aktivitat darinnen, eine Aktivitat, die ja die
Aktivitat des Atherleibes ist. Das ganze geht in dem Elemente des
Flussigen vor sich, in demjenigen Elemente, das man friiher eben Was-
ser genannt hat, wo alles Fliissige Wasser war. Wir konnen den Aus-
druck weiter gebrauchen. Das geht im Elemente des Wassers vor sich.
Nun entsteht da eine wichtige Frage, die Ihnen natiirlich alien auf
der Zunge liegen mufi. Die Frage: Ja, wie ist es nun im Schlaf? Denn
im Schlaf ist zunachst der Atherleib drinnen, fur die Ausatmung gibt
uns das also keine Skrupel. Aber wie konnen wir im Schlaf einatmen,
da doch der astralische Leib draufien ist? - Ja, sehen Sie, da ist es eben
so, dafi in der Tat im Schlafe nur der mikrokosmische Teil des astrali-
schen Leibes herausgeht und um so tatiger wird das astralische des
Makrokosmos wahrend des Schlafes. Da tritt die ganze Astralitat des
Makrokosmos ein wahrend des Schlafes, da wird die Atmungstatigkeit,
die ja gerade dadurch etwas Verschiedenes ist von der wachenden
Atmungstatigkeit, geregelt durch die Tatigkeit des Makrokosmos. Sie
sehen also hier einen bedeutenden Unterschied auftreten zwischen der
Einatmung im Wachen und der im Schlaf . Die Einatmung im Schlafen
wird geregelt von aufien her im Menschen. Die Einatmung im Wachen
regelt er selber von innen heraus mit seinem astralischen Leib, wah-
rend die Astralitat des Kosmos fiir ihn eintritt im Schlaf. Da haben
Sie schon einen bedeutsamen Anhaltspunkt, um in die Einsicht des
Pathologischen zu kommen. Der Kosmos hat die Merkwiirdigkeit, dafi
er mit Bezug auf irdische Verhaltnisse, so wie wir iiber die Erde eine
Strecke weit hinauskommen, gesund ist. In der Nahe der Erde sind
allerlei sich durch Klimatisches und sonstiges ausdriickende Prozesse,
die die Astralitat des Kosmos abnorm machen konnen. Ebenso kann
durch andere Prozesse, die wir noch kennenlernen werden, die innere
Astralitat des Menschen abnorm sein. Hier haben wir die Quelle des
Pathologischen auf einem bestimmten Gebiete, aber wir sehen die
Quelle des Pathologischen bis hinein ins Geistig-Seelische gehen, und
das ist das Wesentliche.
Nun gehen wir weiter. Sehen Sie, der Atmungsprozefi ist ein ver-
haltnismafiig, relativ also, grober. Wir atmen Luftformiges ein, atmen
Luftformiges aus. Der ganze Atmungsprozefi hat etwas Grobes, wenn
wir ihn vergleichen mit all den Vorgangen, die ja sowohl in uns fluten,
wie im aufieren Makrokosmos fluten, wenn wir ihn vergleichen mit
den Vorgangen in der Fluktuation der Warme, im Warmeelemente in-
nen und aufier dem Menschen. Im Inneren des Menschen sind ja War-
medifferenzierungen, aufien sind Warmedifferenzierungen. Wir kon-
nen uns wegdenken Luft, Wasser, Erde, wir konnen vor uns hinstellen
nur diese Warmedifferenzen. Fiir den Physiker hat das keinen Sinn,
weil er die Warmedifferenzen nur fiir Zustande der Materie ansieht.
Die Geisteswissenschaft weifi, dafi man es bei der Warme mit einem
Element zu tun hat. Wir diirfen also von einem Element sprechen, es
als selbstandig und aktiv ansprechen, das, was im Warmeelement
enthalten ist. Nun liegt dem ganzen menschlichen Leben gegeniiber
dem Atmungsprozefi ein feinerer Prozefi der Aufnahmen durch den
Warmeprozefi zugrunde. Und wir konnen sprechen: Kommen wir
hinauf bis in die Lungengegend des Menschen - fassen Sie aber das, was
ich grob aufierlich sage, recht innerlich auf kommen wir hinauf bis
zur Lungenorganisation, so haben wir es mit dem groben Atmungs-
prozefi in der Luft zu tun. Kommen wir aber hinauf in die Regionen,
die vorzugsweise vom Haupt geregelt werden, aber im ganzen Men-
schen in Abschwachung vorhanden sind, haben wir einen verfeinerten
Atmungsprozefi, der sich aber nicht im Luftelement, sondern im War-
meelement abspielt. So dafi wir sagen konnen: Wir kommen hinauf zu
einem verfeinerten Prozefi, der besteht in einer aufterordentlich feinen
Aufnahme von Warme aus dem Makrokosmos, Einatmung von War-
me und Ausatmung von Warme. - Aber die Sache ist jetzt so, wenn wir
die grobe Ein- und Ausatmung verfolgen, dann steht der Mensch mit
der Aufienwelt in Wechselwirkung: Einatmung- Ausatmung, Einat-
mung- Ausatmung, herein-heraus, herein-heraus, so ist der Prozefi. Hier
ist es nicht so; hier ist zwar herein, aber jetzt nicht in demselben Sinne
heraus wie bei der gewohnlichen Atmung, sondern die Ausatmung geht
in den Menschen selber hinein, wird zum innerlichen Prozefi. Das-
jenige, was nun vom Nerven-Sinnessystem ausgeatmet wird, verbin-
det sich dem Prozefi der Einatmung, der durch die Lunge vermittelten
Einatmung. So dafi wir haben nach dem Sinnes-Nervensystem hin
einen Prozefi, den wir als einen verfeinerten Atmungsprozefi bezeich-
nen konnen, und der in seiner Einatmung richtig eine Aufnahme von
aufien ist; aber abgegeben wird dasjenige, was da hereinkommt, nicht
wieder nach auften, sondern es wird iibertragen an den groberen At-
mungsprozeft, geht an die Einatmung liber, geht auf dem Einatmungs-
weg weiter in den Organismus hinein.
Aber Sie haben jetzt das, daft Sie sagen konnen: Die Warme des
Makrokosmos geht auf diesem Wege durch die Atmung in den mensch-
lichen Organismus hinein, aber nicht blofi die Warme, sondern die
Warme tragt mit: Licht, makrokosmischen Chemismus, makrokos-
mische Vitalitat, makrokosmisches Leben. - Lichtather, chemischer
Ather des Makrokosmos, Lebensather des Makrokosmos wird auf dem
Wege der Warmeeinatmung hineingetragen, geht liber in den mensch-
lichen Organismus. Das Warmeelement tragt das Licht verankert, tragt
das chemische Element, tragt das vitale Element in den Menschen hin-
ein, gibt es an den Einatmungsprozefi ab. Das ganze, was da oberhalb
des Atmungsprozesses liegt, was sich da darstellt als ein verfeinerter
Atmungsprozefi, aber auch als ein metamorphosierter Atmungspro-
zefi, das studiert man ja nicht im eigentlichen Sinne heute, das fallt
ganz aus der Physiologie heraus, nur fallt dadurch etwas in die Phy-
siologic hinein, was dann in ihr wie ein Fremdkorper wirkt. Das ist
ein Punkt, wo man absolut nicht zurechtkommt, wenn man auf der
einen Seite vom Geistigen, auf der anderen Seite von der Natur aus-
geht. Da fallt wie ein Fremdkorper hinein die Sinnesphysiologie, was
sich differenziert in Sehen, Horen, Warmeempfindung abspielt. Es
sind wie Glieder, aufiere Ranken dieses Prozesses, der anfanglich Auf-
nahme von Warme ist, beladen mit Licht, Chemismus, Vitalitat. Das
differenziert sich mit dem Sinnesprozefl hinaus. Aber nun kennt der
Mensch im Sinnesvorgang nur das Peripherische, nicht das Zentrale,
daher ist ihm die Sinnesphysiologie etwas wie ein volliger Fremdkor-
per. Da platschert in den einzelnen Sinnen der Physiologe herum, dann
dilettiert der Psychologe. Da wird Hypothese iiber Hypothese ge-
schmiedet. Natiirlich mufi das sein, weil man die einzelnen ganz spe-
zifischen Prozesse des Sehens, des Horens vor sich hat, aber ihren Zu-
sammenflufi, ihren Zusammenlauf nach dem Inneren gar nicht iiber-
schaut. Man sieht nicht, wie das alles zusammenfliefit in der Warme-
aufnahme, die in sich tragt Licht, Chemismus, Vitalitat aus dem Ma-
krokosmos herein, da kommt man dann an die Atmung heran, und
erst dann wird es eine wirkliche Sinnesphysiologie geben, wenn der
Sinnesphysiologe wird sagen konnen: Ach, da gehe ich von den Vor-
gangen, von den physiologisch-physischen Vorgangen des Auges aus,
gehe in den Nerven hinein, der das nach innen fortsetzt, komme all-
mahlich in die Atmungswege hinein, aus den Sinneswegen, den Ver-
standeswegen in die Atmung hinein. - Da wird man begreifen, dafi da
einmal im Erdenleben das Joga hat entstehen konnen, wenn man das
Sinnesleben, das an der Peripherie ablauft, ein wenig aufier acht lafit.
In die Jogapraxis geht man da, wo der ganze Prozefi iibergeht in den
Prozefi der Einatmung, und projiziert das, was dahinterliegt, in der
Sinneswahrnehmung, und kommt in die Jogapraxis hinein. Sie sehen,
dafi praktisch instinktiv in ehemaligen Weltanschauungen so etwas
gewufit worden ist. Aber die neuere Naturwissenschaft mufi iiberall
vor Ratseln stehen, weil sie nicht die Tatsachen schauen kann und nicht
die Zusammenhange schauen kann. Sie will wiist spekulieren. Sie be-
obachtet Auge und Ohr; dann fangt sie an, wiist zu spekulieren, was
da im Inneren eigentlich vorgeht. Und wenn sie merkt, dafi sie in eine
Sackgasse kommt, daft das, was sie im Auge und Ohr ausspekuliert,
wenn sie es nach innen verfolgt, in eine Sackgasse fiihrt, weil man den
verfeinerten Atmungsprozefi, den ich auseinandergesetzt habe, nicht
als Tatsache ergreifen will, dann sagt sie: Nun ja, das, was im Inneren
ablauft, das ist eben parallel dem, was im Aufieren ablauft. Paralle-
lismus! - Die Prozesse laufen gleichzeitig ab, das ist natiirlich der aller-
bequemste Ausweg.
Sehen Sie, das ist auch dasjenige, was sowohl dem Priester wie dem
Arzt eine feste Stelle geben wird innerhalb des ganzen Betriebes des mo-
dernen Erkenntnislebens, denn er wird es nicht mehr abzulehnen brau-
chen dieses Erkenntnisleben. Ungeheure Schatze tragt die Sinnesphy-
siologie von alien Seiten herbei, nur ist es mit diesen Schatzen so, als
ob man die wunderbarsten Baumaterialien zu einem schonen Hause
von alien Seiten herbeifuhren wiirde. Diese Materialien sind ausge-
zeichnet. Nun fiihrt man sie herbei, schichtet sie auf zu einem grofien
Wall, aber man kann kein Haus bauen. Es ist unmoglich, das Haus
zu bauen. Man tragt alles, was in den Sinnen vorgeht, herbei, schichtet
es auf einen grofien Wall und kommt nicht zu einer Verarbeitung,
denn diese Verarbeitung miifite darin liegen, dafi man nun das zu-
sammenarbeitet im Inneren des Menschen mit dem, was man aufierlich
erforscht hat, jetzt diesen ins Atherische und Astralische verlaufen-
den Prozefi der feineren Atmung verfolgen wiirde; da wiirde man an-
fangen, das Haus zu bauen. Natiirlich wiirde man ein Tropf sein, wenn
man nun das Haus bauen konnte und sagt: man miisse anfangen da-
mit, diesen Wall von besten Baumaterialien, der herbeigeschafft wor-
den ist, wegzuschaffen. Das wird man doch nicht tun. Wenn er da ist,
wird man anfangen, das Haus zu bauen.
Ebenso ware es unsinnig, wenn man das tate, was heute von vielen
Leuten getan wird, die in dilettantischer Weise den Dingen gegen-
uberstehen, wenn die Naturwissenschaft in Grund und Boden kritisiert
wird, abgelehnt wird. Sie braucht nicht abgelehnt zu werden, man
soli die Baumaterialien Stuck fur Stiick benutzen, sie sind sehr brauch-
bar, man kriegt etwas sehr Schones heraus, wenn man das bentitzt, was
heute in der Sinnesphysiologie gegeben ist, die als solche ein Wall ist.
Und so konnen Sie sagen: Wir schauen hinauf von dem, was da in der
Atmung als fortwahrend gegenwartige Menschenbildung herantritt zu
dem verfeinerten Atmungsprozeft, der sich im Warmeelement abspielt,
aber in den die ganze atherische Welt des Makrokosmos hineinspielt.
Da schauen wir hinauf, wenn wir zum oberen Menschen kommen.
Wir konnen aber auch hinunterschauen zum unteren Menschen,
vom Atmungsprozefl aus. Da kommen wir dann, wie wir nach oben
gegeniiber dem Einatmungsprozefi zu einer Verfeinerung kommen, so
kommen wir gegeniiber dem Ausatmungsprozefi nach unten zu einer
starkeren Vergroberung, und wir treten allmahlich von dem Prozefi,
der sich innerlich abspielt in der Kohlensaurebildung, iiber, nach un-
ten zu dem Prozefi, der sich abspielt in der Verdauung. So wie wir
nach oben den Einatmungsprozefi verbinden miissen mit diesem feinen
Nerven-Sinnesprozefi, der ins Geistige iibergeht, miissen wir nach un-
ten den Ausatmungsprozefi verbinden mit dem Prozefi der Verdauung,
wo die menschliche Tatigkeit allmahlich ins Physische iibergeht, so
dafi wir nach unten kommen in dasjenige, wo durch den physischen
Leib vollzogen wird Stoffwechseltatigkeit, modifizierte Ausatmung.
Gewissermafien was an Tatigkeit, an Aktivitat die Ausatmung im In-
neren zuriicklafit, das macht den Stoffwechsel, so wie das, was die
Atmung aufnimmt von der Nerven-Sinnes-Geistestatigkeit in innere
Tatigkeit iibergeht, so ist das, was von der Ausatmung an Aktivitat im
Inneren des Menschen zuriickbleibt, die Summe der Krafte, die den
Stoffwechsel formen, der nun in dem Element vor sich geht, das friiher
Erde genannt wurde in alledem, was in dem menschlichen Organis-
mus an die Festigkeit sich anlehnt (Tafel 8). Tafel 8
Nun, sehen Sie, betrachten wir den ganzen Prozefi noch etwas in-
timer, dann haben wir eigentlich einen vierfach geteilten ProzefS im
Menschen. Wir haben den Prozefi, den wir da oben charakterisieren
konnten, von dem wir sagen konnen, seine Ausatmung geht eigentlich
in den Menschen hinein. Wenn wir nun den aufierlich zu erkennenden
Prozefi der Einatmung nehmen, miissen wir in der Einatmung sehen
zu gleicher Zeit eine Verbindung des Eingeatmeten mit dem, was von
1 na
oben herunterkommt. Hier miissen wir das polarisch Entgegengesetzte
sagen. Da lafit die Ausatmung die Krafte fur den Stoffwechsel zuriick.
Es wird nicht etwas aufgenommen von der Ausatmung, sondern es
wird etwas abgegeben. Wir haben also innere Ausatmung und aufter-
dem eine innere Einatmung, und dann die Verbindung dieser inneren
Einatmung mit demjenigen, was der physische Leib tut, als den eigent-
lichen Stoffwechsel-Verdauungsprozefl.
Nun, sehen Sie, wenn Sie diese vierfache Differenzierung ins Auge
fassen, geht Ihnen ein Licht auf iiber den Menschen; denn aufierdem
Tafels zeigt sich das Folgende (Tafel 8): Hier, auf diesem Wege, geht das
Warmeelement, das tragt Licht, Chemismus, Vitalitat, geht da her-
ein, verbindet sich mit der Atmung, aber es gibt an die Atmung nicht
das Licht ab, es behalt es; es gibt an die Atmung nur den Chemismus
ab und die Vitalitat. Das Licht bleibt also hier schon zuriick und fiillt
als inneres Licht den Menschen aus, wird zur Gedankentatigkeit.
Beim weiteren Fortgang dieser Einatmung und Ausatmung wird
der makrokosmische Chemismus abgegeben und wird im Menschen
innerer Chemismus, der die aufiere Laboratoriumschemie, die in den
Prozessen ist, die wir im aufieren Laboratorium haben, abldst. Im
Menschen ist makrokosmischer Chemismus, der abgelagert wird in
ihm, indem dieser innere Atmungsprozefi fortgesetzt wird, so dafi wir
sagen konnen: Hier wird Chemismus abgelagert. - Und bis herein in
diese Wechselwirkung zwischen Ausatmung und Stoffwechsel geht der
Lebensather und wird vom Menschen aufgenommen. So daft Sie, wenn
Sie den Prozeft von oben nach unten verfolgen, haben: Licht herein-
kommen auf den Wegen des Warmeathers, stopp! Da, wo die Atmung
eintritt, ist fur das Licht stopp, es breitet sich das Licht aus, es wird
nicht weiter aufgenommen von der Organisation des Menschen, kann
sich als Licht ausbreiten. Wir tragen einen Lichtorganismus als reinen
Lichtorganismus in uns, der denkt. Wir verfolgen den Prozeft bis da-
hin, wo Einatmung an Ausatmung grenzt, bis dahin tragt der durch
den Nerven-Sinnesprozefi hineingetragene Chemismus. Jetzt Chemis-
mus stopp! Innerer Chemismus, ein chemischer Organismus in uns,
der fuhlt.
Jetzt gehen wir weiter hinunter, da wo die Ausatmung den Verdau-
1 r\i
ungsprozeft zuriicklaflt, den Stoffwechselprozeft. Der geht nicht hinein
bis zu dem aufieren Stoffwechselprozeft in der Nahrungsaufnahme,
sondern nur bis zu den inneren Vorgangen des Stoffwechsels. Stopp
mit dem Lebensather. Der Lebensather bildet wieder eine menschliche
Organisation, die will. So kommt Denken, Fiihlen und Wollen zu-
stande.
Den ganzen Prozefi konnen wir nun in seinem physischen Abbild
verfolgen. Nehmen wir alles dasjenige, was da oben ist: innerlich
zeigt es sich im Denken. Aber das ist sehr verfeinert. Hinter ihm steht
alles das, was ich Ihnen jetzt beschrieben habe. Das alles geht auf
dem Nervenwege vor sich. Die Nervenwege sind die aufierlichen phy-
sischen Leiter fur alles das.
Jetzt gehen Sie zu dem nachsten Prozefi. Da haben Sie im nachsten
Prozefi: Aufnahme dieses obersten Prozesses im Menschen durch den
Atmungsprozeft, und das spielt sich ab in einer physisch-sinnlichen
Projektion im arteriellen Zirkulationsprozefi. Die arteriellen Zirkula-
tionswege sind die zweiten Wege.
Wir kommen zum dritten Prozeft, der sich abspielt zwischen Aus-
atmung und Verdauung-Stoffwechsel. Der hat wieder seine Wege, das
sind die venosen Zirkulationswege. Wir kommen zum dritten, zu den
venosen Zirkulationswegen.
Und wir gehen weiter. Wir kommen noch weiter in den Menschen
hinein und miissen suchen, wo da die Wege sind, wie sich der Prozefi,
dem nun genommen ist von der Seite des Hereinkommens selbst die
Vitalitat, der sich seine eigene Vitalitat von aufien versorgen mufi,
von unten, von auften versorgen mufi. Wir haben da seine physische
Projektion im Lymphprozefi und in den Lymphwegen (Tafel 8). Tafel 8
Sehen Sie, meine lieben Freunde, jetzt haben Sie die Relation zwi-
schen Aufierem und Innerem. Da liegt vieles hinter dem, was Sinnes-
Einatmungsprozefi ist, im Hineinkommen, da liegt es dahinten. Aber
in dem, was dahinten liegt, wirkt manches, was dem Menschen heute
unbekannt bleibt. Da wirkt mit das Karma, das aus dem friiheren
Erdenleben kommt. Das strahlt da herein, verschwindet fiir das Wahr-
nehmen. Da strahlt das Karma herein. Derjenige, der mit geistigem
Auge untersucht die Nervenwege, wie sie sich auf den Sinneswegen
hineinbilden, der findet auf diesen Wegen das Karma. Das stromt da
ein. Ebenso aber findet man auf der anderen Seite in der Lymphbil-
dung nicht blofi einen physischen Prozeft, sondern indem auf den
Lymphwegen die Lymphe in den Organismus hineingeht, sieht man -
Johannes M tiller, der beriihmte Physiologe, hat schon gesagt: Was ist
Lymphe? Blut ohne rote Blutkorperchen -; Blut ist Lymphe mit roten
Blutkorperchen. Es ist allgemein gesprochen, aber es hat eine gewisse
Richtigkeit; man sieht, wie Lymphe ins Blut geht und den gegenwarti-
gen Menschen dadurch versorgt. Wir sehen aber in der Lymphe alles
das, was noch nicht Blut geworden ist, sehen auch noch das Weben
und Leben des werdenden Karmas. Da drinnen im Lymphprozeft bildet
sich wieder das Karma. Die Lymphwege sind zu gleicher Zeit die
Tafel 8 Anfange der Karmawege fur die Zukunft (Tafel 8, rechts).
So kommen Sie vom Geistigen in den Menschen herein, da, wo Sie
das verspiiren, daft sich auf Warmewegen Licht, Chemismus, Vitalitat
des Makrokosmos hereinziehen, da verspiiren Sie immer mehr, je mehr
Sie vom Licht herauskommen zu den vitalen Wegen und dann das all-
gemeine Weltenleben hineinflieften sehen, da verspiiren Sie das Her-
einflieften des Karmas, das sich nun im menschlichen Erdenleben zwi-
schen Geburt und Tod auslebt. Aber es lebt sich aus, indem es durch die
Nerven, auch noch durch den abgeschwachten arteriellen Prozeft geht,
zuriickgestaut wird vom venosen Prozeft. Da schieben sich auch,
wenn es an den venosen Prozeft herankommt, da schieben sich auch die
Nebelwellen des Karmas herein. Und indem der Mensch das venose
Blut bildet, bekommt er in sich zu gleicher Zeit diese Aufstopfungen
des Karmas und handelt im Sinne des Karmas.
Umanderung des Blutes kann bloft Zorn andeuten. Das, was sich
da auf stop ft, weil das Vergangene nicht hinuntergelassen wird in den
venosen Prozeft, das fiihrt zum Handeln, das geht in die Ausgestal-
tung des Karmas iiber.
Das, was von der Lymphe nicht heraufgelassen wird, was nicht ins
Blut iibergeht, das sammelt sich tief im Unterbewufttsein an, das bildet
tief im Unterbewufttsein einen Kern, das tragt der Mensch, wenn er
den materiellen Prozeft abstofit, hinaus durch die Todespforte. Es ist
das werdende Karma.
Oberhalb der Atmung schaut man das Karma, das aus der Ver-
gangenheit kommt, unterhalb der Ausatmung, mit der Zirkulation
unterhalb der Ausatmung, da, wo die Lymphe noch nicht zu Blut ge-
worden ist, da schaut man das werdende Karma. Das steckt da drin-
nen, und so kann man sagen: Karma (Tafel 8, links, gelb), es lauft ein in Tafel 8
den arteriellen Prozeft, bleibt im Menschen zuriick; es bildet sich der
venose Prozefi, Karma entsteht wiederum. Wir haben hier oben die
Grenze, wo Karma anfangt sich zu stauen in dem Nerven-Sinnesarte-
riellen Prozefi.
Wir haben hier unten entsprechend dem Prozeft, der von dem
Lymphmafiigen in das Venose iibergeht: wir haben hier das herein-
kommende Karma, hier haben wir das herauskommende Karma, wenn
wir die noch nicht zu Blut gewordene Lymphe mit dem geistigen Auge
betrachten. So haben wir den Zusammenschlufi des Physischen und
des Geistigen. Oben grenzt der Mensch an das Geistige qualitativ an.
Wir sehen ihn angrenzen an sein Karma. Zwischendrinnen staut sich
das gegenwartige Leben. Unten sehen wir, wenn wir die noch nicht zu
Blut gewordene Lymphe betrachten, das entstehende Karma. Zwischen
vergangenem Karma und werdendem Karma mittendrinnen steht das
menschliche Erdenleben, das eine Stauung zwischen beiden darstellt,
von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet. Aber wir konnen die Sache
hineinverfolgen bis zum physischen Prozefi.
Davon wollen wir dann morgen weitersprechen. Sie sehen, wir
kommen immer mehr und mehr hinein, das Geistige auch im Physischen
zu sehen, das aber wird erst die praktische Anwendung vollkommen
machen.
ACHTER VORTRAG
Dornach, 15. September 1924
Meine lieben Freunde! Nun haben wir gestern verfolgt die Konstitu-
tion des Menschen, soweit sie zu erschauen ist am Menschen selbst oder
in unmittelbarer Nahe des Menschen. Wir miissen nun iiber den Men-
schen hinausgehen, denn iiberall steht der Mensch in Beziehung zu den
Kraften des Weltenalls; und diese Beziehungen zu den Kraften des
Weltenalls, sie sind nur durchschaubar, wenn man wirklich den guten
Willen hat, auf die grofte Mannigfaltigkeit, in der das Weltenall ge-
staltet ist, einzugehen.
Bedenken Sie nur, meine lieben Freunde, wie mannigfaltig die im
Weltenall verankerten Krafte dem Menschen eigentlich entgegenkom-
men. Wir sehen, sagen wir, eine Pflanze aus dem Boden der Erde her-
Tafei9 auswachsen. Wir verfolgen das Herauswachsen der Pflanze aus dem
Erdboden in der Richtung: Stengel nach oben und Wurzelbildung
nach unten. Wir haben damit zwei Tendenzen innerhalb der Pflanze
gegeben. Das Streben nach oben, das Streben nach unten. Und wenn
wir heute schon in der physischen Erforschung der Natur wirklich
so weit waren, daft wir die manchmal fur weniger Wesentliches an-
gewendeten Untersuchungsmethoden auf so etwas anwenden wiirden,
wie das Stengelwachstum der Pflanze nach oben, das Wurzelwachs-
tum der Pflanze nach unten, wiirden wir die Zusammenhange fin-
den im Weltenall, die wiederum, indem sie in Verhaltnis treten zum
Menschen, eigentlich erst diese Totalitat: Mensch und Welt, Makro-
kosmos und Mikrokosmos begreiflich machen. Denn wir wiirden se-
hen, daft alles, was mit dem Stengelwachstum nach oben zusammen-
hangt, daft das in einer gewissen Beziehung steht zur Entfaltung der
Sonnenkrafte wahrend des Jahres, wahrend des Tages und sogar iiber
das Jahr hinaus. Daft alles, was mit der Entfaltung der Wurzelkrafte
zusammenhangt, in Beziehung steht zu der Mondenentwickelung, zu
den Mondenkraften, so daft wir, wenn wir eine Pflanze in der rich-
tigen Weise ansehen, schon in die Bildung der Pflanze hineinbekom-
men miissen die Beziehung zwischen Sonne und Mond. Wir miissen
sozusagen herausschauen aus dem Weltenall und seinen Kraften das
einfachste, primitivste Bild der Pflanze. Derjenige, der schauen kann,
wird die Wurzel nie anders sehen, als indem sie im Hinunterstreben
nach der Erde in den Erdboden hinein zu gleicher Zeit sich rundet.
Die sich in den Erdboden hinein rundende Wurzel, das ist das Bild,
in dem man die Wurzel sehen mufi: das in den Erdboden hinein sich
rundende Bild (Tafel 9, links).
Anders mufi man den Stengel sehen, das Sich-nach-oben-Entfalten.
Beim Stengel mufi man, wenn man Gefuhl und Empfindung mit der
Anschauung verbindet, unbedingt das Gefuhl haben: der Stengel strebt
strahlend, der Stengel will seine Linienrichtung entfalten. Die Wurzel
will die Rundung der Kreisrichtung entfalten, der Stengel will seine
Linienrichtung entfalten. Das ist das urspriingliche Bild des Pflanzen-
wesens. Und in der nach oben strebenden Linienrichtung mussen wir
sehen die Anwesenheit der Sonnenkrafte auf der Erde. In dem nach
dem Runden Strebenden der Wurzel mussen wir sehen die Anwesen-
heit der Mondenkrafte auf der Erde.
Nun sehen wir weiter. Wir sagen uns: Sonne ist iiberall da, wo die
Pflanze strahlig in die Hohe strebt. Nun weitet sie sich wieder nach
oben, sie setzt Weite ab, Peripherie. Da finden wir in dem, was da aus
der nach oben strahlenden Strebung herauskommt, da finden wir
wirksam, zunachst unmittelbar oben in der Brute, dasjenige, wo mit
den Sonnenkraften zusammenwirken die Krafte der Venus, und in-
dem sich die Bliiten weiter nach unten entfalten, zu den Blattern wer-
den, von aufien hereinbildend, finden wir die Merkurkrafte. So dafi
also, wenn wir den Bau der Pflanze in seinem Ansatz an die strahlige
Sonnenrichtung verstehen wollen, wir verstehen mussen, dafi zu Hilfe
kommen den Kraften der Sonne die Krafte der Venus, die Krafte des
Merkur. Das ist auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite mussen wir uns klar sein dariiber, daft diese
Krafte nicht in der Lage waren, allein das Pflanzliche zu bilden. Es
wiirde gewissermafien das Wesen der Pflanze nur nach dem Zusam-
menstreben hingehen. Um sich zu entfalten, wie wir es zum Beispiel
im aufiersten Extrem in der Baumentfaltung sehen, wirken entgegen
diesen Kraften von Venus und Merkur iiberall die Krafte von Mars,
Saturn, Jupiter. So dafi mit den beiden Grundpolaritaten Sonnen- und
Mondenwirkungen zusammenstreben die iibrigen planetarischen Wir-
Tafel 9 kungen des Weltenalls (Tafel 9, links).
Ich will mit dem zunachst nur sagen: Seht Ihr Euch, meine lieben
Freunde, zunachst eine Pflanze an. Da habt Ihr das ganze Planeten-
system der Pflanze. Es liegt da auf der Erde, es ist da, und es erscheint
nicht mehr so unsinnig, wenn ein halb oder drei Viertel Wissender,
wie es der Paracelsus war, etwa den Ausspruch tut: Wer eine Pflanze
ilk, der ifit das ganze Planetensystem mit, denn die Krafte liegen da. -
Paracelsus spricht das mit seiner groben Ausdrucksweise so aus und
empfindet eben, dafi man mit der Pflanze den ganzen Himmel ifit.
Nun, so mannigfaltig gestaltet ist die Welt, daft man uberall eigentlich
in der unmittelbaren Umgebung die Krafte des Makrokosmos im
Wachstum, in der Anordnung, in allem drinnen hat.
Gehen wir von da zuriick zum Menschen. Wir haben gestern ge-
zeigt, wie man vom Atmen hinaufkommt nach demjenigen Gebiet im
menschlichen Erleben, in dem, wenn wir so sagen konnen, feiner ein-
geatmet wird, und wir haben entdeckt innerhalb dieser feineren Ein-
atmung die Fortwirkung der karmischen Stromung der Vergangen-
heit. Nun konnen wir weitergehen. Wenn wir, natiirlich ganz schema-
Tafel9 tisch und symbolisch gezeichnet (Tafel 9, rechts), hereinwirken haben
das, was ich eine verfeinerte Atmungsstromung zunachst nennen wiirde
im Menschen, so konnen wir uns nun folgendes sagen: Wenn der
Mensch dasjenige entfalten wiirde, was in seinem astralischen Leibe
liegt und was in seinem Ich liegt, so kame er niemals an die Sonne her-
an, so wie nun einmal die gegenwartige Konstitution des Menschen ist.
Der Mensch kame niemals an die Sonne heran. Er kommt, wenn er in
seinem Ich und astralischen Leibe ist, zwischen Einschlafen und Auf-
wachen, nicht an die Sonne heran. Es bleibt dunkel fiir ihn. So wiirde
der Mensch, wenn er im astralischen Leibe und im Ich ohne Verbin-
dung mit dem Atherleib und mit dem physischen Leib ware, nicht an
die Sonne herankommen. Ja, wie kommt er denn an die Sonne heran?
Nun betrachten wir zuerst, wie die Sache ist. Der astralische
Leib und das Ich kommen an den Atherleib heran, aber wenn man
schauend diesen Zustand verwirklicht - was man ja verhaltnismafiig
leicht kann dadurch, dafi man das Denken sehr verstarkt -, wenn man
das Denken durch eine griindliche, sehr energische Meditation ver-
starkt, kann man leicht in den Zustand hineinkommen, es ist der Zu-
stand der beginnenden Initiation. Leicht kann man in den Zustand
hineinkommen, in dem der Mensch untertaucht in seinen Atherleib,
aber noch nicht den physischen Leib erfangt. Er lebt im Atherleib.
Sehen Sie,in diesem Zustand, wenn man im Atherleib lebt und den phy-
sischen Leib noch nicht heranfassen kann, in diesem Zustand aber kann
man sehr, sehr gut denken. Man sieht nur nichts, man hort nichts, aber
man kann sehr gut denken. Das Denken ist durchaus nicht ausgeloscht,
es ist nur das Sehen, das Horen, auch die anderen Sinnesempf indungen,
die sind unterdnickt. Aber das Denken bleibt einem, erstens so, wie
man es hatte: man kann denken, aber man kann eben mehr den-
ken als vorher. Man kann solche Dinge denken, wie diese hier sind
und man kann iiber den Makrokosmos denken. Das Denken bleibt und
es erweitert sich, und man weifi genau: du steckst jetzt im Weltenather
drinnen. Also, indem man in seinem Atherleib ist, steckt man im Wel-
tenather drinnen. Aber man hat, indem man in diesen Weltenather
einzieht, durchaus die Erfahrung, das Erlebnis, daft man jetzt in jener
geistigen Welt drinnen ist, aus der die Sinnenwelt auch herauskommt.
Aber weder geistige Welt noch Sinnenwelt hat man individualisiert.
Aus der individualisierten Sinnenwelt ist man heraus. Die Sonne scheint
nicht mehr, die Sterne scheinen nicht mehr, der Mond scheint nicht.
In den Reichen der Natur auf der Erde ist nicht mehr eine deutliche
Unterscheidung. Das kann man nur, wenn man im physischen Leib
drinnen ist, im normalen Leben ist oder in einer hoheren Initiation.
Aber man hat dafur, daft sich die Konturen der Sinneswelt verdun-
kelt haben, die allgemeine Geistigkeit, das Weben und Leben des
Geistigen.
Kommt man jetzt weiter, fangt man nun auch seinen physischen
Leib bewufit ab, so daft man anfangt, in den Organen zu leben, fangt
man diesen physischen Leib bewufit ab, dann beginnen die verglom-
menen, verschwundenen Wesen mit Ausnahme des Irdischen wieder
aufzutauchen, aber als Geist-Entitaten. Wo man friiher beim gewohn-
lichen Bewufitsein die Sonne gesehen hat, die sich verdunkelt, verne-
belt hat, aber innerhalb des allgemeinen Geistwebens drinnen war, da
tritt jetzt die Summe der Wesenheiten der zweiten Hierarchie auf . Man
individualisiert jetzt in der geistigen Welt. Mond, Sterne treten wie-
der auf, aber sie treten in ihren geistigen Aspekten auf und sind jetzt
geistige Kolonien oder dergleichen, so kann man es nennen, und jetzt
weifi man, wie man aufien, zuerst im gewdhnlichen Bewufitsein zum
Beispiel - bei anderen Dingen ist es auch so -, die Sonne im physischen
Bilde gesehen hat, wie man jetzt, nachdem man den physischen Leib
bewufit ergriffen hat, eben auch in seiner Geistigkeit ergriffen hat, die
Sonne als geistiges Wesen sieht und so die ganze Welt. Aber jetzt weifi
man auch, dafi mit jedem Sonnenstrahl der Tag leuchtend in uns ein-
tritt, mit jedem Sonnenstrahl tritt ja auch Geist ein. Durch jede Sin-
nesempfindung tritt Geist ein, so dafi wir diese nach oben verfeinerte
Atmung als eine fortdauernd geistimpragnierte anzusehen haben, und
wir nehmen wahr, dafi in jeder Sinnesempfindung, die da einstromt,
Sonne lebt. Gerade der Geist der Sonne ist es, oder die Geister der
Sonne. Sonne lebt in jeder Sinnesempfindung, so dafi in den Men-
schen einstromt, in die verfeinerte Atmung, das unmittelbare Sonnen-
leben, die unmittelbaren Sonnenkrafte.
Sehen Sie, so haben wir das Verhaltnis des Menschen zur Sonne.
Wenn ein Lichtstrahl in Ihr Auge stromt, stromt der Geist der Sonne
mit dem Lichtstrahl ein. Der Geist der Sonne ist die Substanz der ver-
feinerten Atmung. Die mannigfaltigen Ingredienzien der geistigen
Sonne atmen wir ein mit den Sinnesempfindungen. Aber jetzt haben
Sie eine bedeutsame Anschauung von dem Menschen nach dem einen
Pole hin. Indem er sich seinem Atherleib nach entfaltet (Tafel 5, gelb),
entwickelt er innerhalb des Atherleibes das Denken des Weltalls, die
Gedanken des Weltalls. Und diese Gedanken des Weltalls, in denen sich
der in seinem Atherleib bewufit Lebende befindet, sie sind warmelos,
kaltelos, tonlos zunachst. Sie sind wie ein allgemeines Fiihlen, wobei
das Fiihlen seiner selbst zusammenfallt mit dem Fiihlen des Makro-
kosmos. Tritt man jetzt ein in den Geist der Sinne dadurch, dafi man
den physischen Leib erfafit, so tingiert sich der Gedanke von den
mannigfaltigsten Seiten her, von seiten der Augen tingiert sich das
Einatmen der Essenz der Sonne, der Gedanke, zur Farbe, durch das
Ohr tingiert sich der Gedanke zum Ton, durch das Warmeorgan tin-
giert sich der Gedanke zum Warmen und Kalten, und Sie haben jetzt
die kosmische Auffassung der Beziehung des Gedanklichen zum Sinn-
lichen. Das Gedankliche mufi dabei als das Ursprunglichere dargestellt
werden, und das Sinnliche tritt auf durch Sonnenimpragnierung, durch
Sonnentingierung.
Das ist auf der einen Seite des Menschen. Der Mensch nimmt nur
nicht wahr, wie die Sonne mit ihrem Wesen in ihn einstromt bei jeder
Sinnesempfindung. Und auf dem Wege dieser Sonne stromt mit das
vergangene Karma ein. Und es ist gar keine kindische Empfindung, die
Sonne zu gleicher Zeit zu denken wie einen Behalter des vergangenen
Karmas. So dafi wir, wenn wir verstandig nach des Menschen Haupt
schauen, uns sagen mussen: Da stromt im Okkulten der geistige Son-
nenstrahl, der sich umbildet im Einstromen zum Physischen, das eben
als physisch erscheint in der farbigen, in der tonenden, in der warmen-
den Welt. Da zieht zu gleicher Zeit auf dem Wege der Sonnenstrahlen,
die sich von den Sinnen aus in den Nerv hineinschleichen, das Karma
in den Menschen hinein.
Nun sehen wir nach der anderen Seite. Sehen wir da hin, wo wir
gestern erkennen mufi ten: das Karma zieht hinaus, da wo im Orga-
nismus die Lymphe ist, da wo im Organismus alles dasjenige tatig und
wesend ist, was noch nicht in das Blut eingezogen ist. Da finden wir das
hinausgehende Karma. Was sind das fur Bahnen, auf denen das Karma
hinauszieht? Urn das einzusehen, mufi man sich bekanntmachen in wis-
senschaftlich okkulter Beziehung mit den Mondenkraften.
Wenn man so allmahlich hinuberkommt durch das Atherische, in
das man sich zuerst eingelebt hat, in das Ergreifen des physischen Lei-
bes in der peripheren Richtung gegen die Sinne hin, erscheint einem
alles Leben, das von der Sonne aus einstromt, gewifi auf der einen Seite
dadurch, dafi es tragt auf seinen Wegen das vergangene Karma, es er-
scheint einem dadurch mit manchem Vorwurf, mit manchem, was den
Menschen beunruhigt. Aber weit bedeutsamer als alles dasjenige, was
den Menschen so beunruhigt in seinem Karma, wenn er wirklich zu
dieser Anschauung kommt, ist alles dasjenige, was ihm das Wissen
gibt: Durch deine Vergangenheit bist du dennoch das geworden, was
du jetzt bist. Das, was man in seinem Inneren tragt, tragt man viel
reichlicher in sich, wenn man den Einzug der Sonne auf dem Wagen
der Sinnes-Nervenwege wahrnimmt. Aber so, wie man sich vom Karma
abstrahiert und sich hingibt dem Einstromen der geistigen Sonnen-
krafte, tritt eine unendliche Begliicktheit im Empfangen des Sonn-
lichen auf und man hat das Gefiihl, das Sonnliche ist so, dafi man es
in sich fortdauernd wiinschen mufi, dafi man es begehren mufi. Das
Sonnliche ist dasjenige aufierdem, was in Liebe in uns einzieht, wenn
wir es wiinschen, und dasjenige, was wir in abgeschwachter Weise im
physischen Leben als Leben und Weben in Liebe erkennen. Das ge-
schieht im Austausch der menschlichen Innenwelt mit den Sonnen-
wirkungen, die sich in Liebe in den Menschen hineinergiefien und alles
dasjenige, was wachsend und spriefiend und gedeihend wirken will im
Menschen, zieht mit diesen in Liebe lebenden Sonnenstrahlen in den
Menschen ein. Denn da ist die Liebe nicht blofi eine seelisch-geistige
Kraft, da ist sie die Kraft, die alles Physische zum Wachstum, zum
Spriefien und Sprossen aufruft, was dem Menschen wohltuend, be-
gliickend in jeder Einzelheit ist, wenn er es wirklich schatzen kann, das
er aber aus seinem unmittelbaren Schauen bekommt.
Wenn man dagegen nach der anderen Richtung, nach der Richtung
derjenigen Krafte, die die Lymphe entwickeln, zur Blutbildung vor-
bereiten die Lymphe, wenn man nach dieser Richtung hin den phy-
sischen Leib ergreift, wird man die Mondenwirkungen gewahr. Aber
diese Mondenwirkungen haben eine ganz andere Eigentumlichkeit. Wir
konnen also sagen, auf der einen Seite wirken die geistigen Sonnen-
wirkungen, so wie wir es angedeutet haben, auf der anderen Seite sind
die Mondenwirkungen da. Wir leben uns hinein, indem wir innerlich
den Prozefi der Blut-Lymphbildung ergreifen, leben wir uns herein
gerade in die Mondenwirkungen. Aber diese Mondenwirkungen sind
so, dafi wir fortwahrend das Gefiihl haben, sie wollen uns etwas weg-
nehmen. Sie wollen etwas aus uns herausbringen. Bei der Sonne haben
wir das Gefiihl, sie will uns fortwahrend etwas geben, beim Mond ha-
ben wir das Gefiihl, er will fortwahrend etwas aus uns herausbringen.
Und kaum, dafi wir es uns versehen, wenn wir nicht aufmerksam sind
gegeniiber dieser Wahrnehmung der Mondenwirkungen, wenn wir uns
in die Blut-Lymphbildung versenken und da den physischen Leib er-
greifen, wenn wir uns nicht recht in der Hand haben, nicht recht auf-
merksam sind im Schauen, plotzlich reifit der Faden ab und vor uns
steht irgendein geistiges Wesen, das uns ahnlich ist, aber verzerrt,
karikiert ist meistens, das wir selber aus uns herausgeboren haben. Wir
haben nur ubersehen diesen Obergang, dieses Hinausgehen, wenn wir
nicht aufmerksam sind. Es ist uns nichts weiter Wunderliches, wenn
wir sehen, wie es sich von uns loslost und uns gegeniibertritt. Es ist
kaum mehr als ein gesteigertes Spiegelbildsehen. Wenn wir uns im
Spiegel sehen, ist es in der physischen Welt. Wenn wir uns durch die
Mondenkrafte im Ather gespiegelt sehen, ist es eine hohere, gesteigerte
Spiegelung.
Gehen wir den ganzen Vorgang durch. Es ist nichts weiter Beson-
deres. Es zeigt uns nur, wie wir eben mit dem Weltenall in Verbindung
stehen, daft der Mond fortwahrend Krafte aus uns aussondert, selb-
standig macht, die in uns leben, die da in die geistige Welt hineingehen,
in den Makrokosmos einstromen, fortwahrend Bilder aus uns in den
Makrokosmos hinaustragen. Aber sehen Sie, meine lieben Freunde,
denken Sie sich, es wird eine Veranstaltung geschaffen, durch die ein
solches Bild, das die Mondenkrafte fortwahrend in dem Menschen er-
zeugen und heraustragen wollen, in die Weiten der Welt heraustragen
wollen, denken Sie sich, es wird ein solches Bild im menschlichen Kor-
per gehalten, darinnen behalten. Es ist ja nicht ein bloftes Spiegelbild,
das abstrakt ist, es ist ein Bild, das schon von Kraften durchzogen ist.
Ja, wie kann ein solches Bild im Menschen gehalten werden? Wir haben
hier die ziehenden Mondenkrafte, die fortwahrend aus dem Menschen
herausbringen wollen sein Bild. Wie kann denn dieses Bild im Men-
schen drinnen gehalten werden, statt daft es aus ihm heraustritt? Wie
kann es in ihm gestaltet werden? Wenn von der anderen Seite die Son-
nenkrafte so tief gebracht werden, daft das Bild drinnenbleibt im Men-
schen. Dann bleibt das Bild drinnen, arbeitet in ihm, dann entsteht
ein embryonales Leben. Die Befruchtung besteht in nichts anderem,
als daft die Sonnenkrafte durch die Befruchtung so weit hinunterge-
zogen werden, da wo die Mondenkrafte in die Lymphe eingreifen und
dadurch das Bild, das sonst hinausgeht, ergreift die physische Materie
im menschlichen Leibe. Es geht das, was sonst Bild ist, bis in die phy-
sische Bildung hinein. Dadurch geschieht das, was Verbindung der
Mondenkraf te mit den Sonnenkraf ten in dem Lymphgebiet des mensch-
Tafel 9 lichen Organismus ist (Tafel 9).
Sehen wir nach der anderen Seite hin. Wir konnen ja auch die
Mondenkrafte bis hinauf bringen, dann entsteht das Gegenteil, dann
wird nicht im Menschen der Mensch wieder gebildet, dann wird im
Menschen der Sonnenmakrokosmos drinnen gebildet. Da schaut der
Mensch dasjenige, was makrokosmisch ist, in einem anderen Sinne.
Wenn der Embryo sich bildet, entsteht physische Welt im Menschen,
die aus ihm heraus mufi. Wenn auf der anderen Seite die Monden-
krafte in ihrer Begierdennatur wirken - sie wollen ja die Sonnenkrafte
schon ziehen oder abfangen -, dann entsteht im Menschen der Geist
im Weltall. Der Geist des Weltalls entsteht, das geistige Embryonale.
Ja, was haben Sie denn da? Da haben Sie die Moglichkeit der Bildung
desjenigen, was aus der geistigen Welt hineinkommen mufi, was vor
dem Erdenleben in der geistigen Welt war, das hier geist-embryonal
sich hineinlebt. Dann geschieht im Menschen die Verbindung zwischen
beiden.
Diese Dinge zu verfolgen bis da, wo man sie unmittelbar sich an-
einanderschliefien sieht, das ist dasjenige, was eigentlich erst die Be-
ziehung des Menschen zum Weltenall erklaren kann. Nun sind iiber-
all Hilfen. Die Sonnenwirkungen, die sich hier mit den Mondenwir-
kungen vereinen, haben zu ihrer Hilfe Mars, Jupiter, Saturn. Was ha-
ben denn die fur Aufgaben, Mars, Jupiter, Saturn? Ja, meine lieben
Freunde, erinnern Sie sich an das, was ich gestern sagte. Bei diesem
Hineingehen des Sonnenhaften: erst mufi stopp gemacht werden fiir
das Licht; zweite Etappe: stopp mufi gemacht werden fiir den makro-
kosmischen Chemismus; dritte Etappe: stopp mufi gemacht werden
fiir das Leben. Die Saturnkrafte machen stopp fiir das Licht, die Ju-
piterkrafte in ihrer Weisheit machen stopp fiir den Weltenchemismus,
die Marskrafte machen stopp fiir das Leben. So haben Sie im Einzel-
nen, Konkreten, das Hereinziehen der Sonnenkrafte, modifiziert durch
die Krafte der sogenannten anderen aufieren Planeten. Umgekehrt,
nach der anderen Richtung, hat man modifiziert die Mondenkrafte,
die eigentlich, wenn sie fur sich wirken in ihrer vollen Starke, zum
Embryonalen fiihren, also zur physischen Bildung fiihren; wenn sie
abgeschwacht werden nach dem Geistigen hin, wenn sie nicht zur phy-
sischen Materie kommen, bleibt es bei den blofi seelischen Liebekraf ten
der Venus, und wenn sie noch mehr abgeschwacht werden, so dafi sie
sich im alltaglichen Leben immer vereinigen konnen mit dem, was
von der anderen Seite kommt, werden sie zu den Merkurkraften des
Gotterboten, der die unteren Krafte in die oberen hinauffuhrt im ge-
wohnlichen Erdenleben.
Sehen Sie sich das rechte, das linke Bild an (Tafel 9). Wenn wir Tafd9
drauften hinschauen auf dasjenige, was sich zunachst in der Pflanzen-
welt ausbreitet; es breiten sich Sonne, Mond und Sterne aus. Schauen
wir nach dem Inneren, da drinnen sind Sonne, Mond und Sterne, die
entsprechen sich innerlich ganz genau. 1st drinnen etwas nicht in Ord-
nung, so ist etwas nicht in Ordnung im innerlichen Zusammenwirken
von Sonne, Mond und Sterne. Wollen wir es in Ordnung bringen, so
miissen wir suchen therapeutisch unter dem, was wir da draufien fin-
den fur eine nicht richtige Mondenwirkung eine entsprechende Saturn-
wirkung und dergleichen. Das ist ja alles da draufien. Sie sehen also, es
kann der Anfang zum Vertrauen fiir die Medizin beginnen, wenn ge-
sehen wird, dafi der Mensch innerlich die Welt erfafit. Das ist das-
jenige, was wir wiederum in die Medizin hineinbringen mochten, denn
es war einmal darinnen dieses Wahre. Es wird sich nur dadurch das
aktive innere Vertrauen zum Medizinischen herstellen lassen in der
Welt, wenn diese Dinge wieder durchdrungen werden.
Aber sehen wir nach der anderen Seite hin. Sehen wir zunachst da-
hin, nach alldem, was im Menschen Mondenwirkung ist, was fort-
dauernd bestrebt ist, das Menschliche aus dem Menschen herauszu-
ziehen und es zum Weltall hinzutragen. Es steht ja das Bild vor uns:
der Mensch, er strebt aus dem Menschen heraus, er will zum Weltall
hingetragen werden. Das mufi nicht in abstrakter Form, aber im Bild
vor die Menschheit hingestellt werden, dieses ungeheuer erschiitternde
Geheimnis, dafi die Mondenwirkung fortwahrend den Menschen aus
sich herausbringen will, um ihm seine Verwandtschaft mit dem Makro-
kosmos vor Augen zu fiihren. Er entsteht auf der Erde in innerlicher
117
embryonalerBildung,erwird aber, wenn verfeinert wird dieseunmittel-
bare Mondenwirkung nach der Merkur- und Venuswirkung hin, er
wird dann nicht mehr physisch, sondern geistig geboren. Und wir
konnen, wenn wir zu dem physisch Geborenwerden hinzufiigen das-
jenige, was wir hinzufiigen konnen, wenn wir anrufen fiir dasjenige,
was in reiner Mondenwirkung entstanden ist, die Merkur- und Ve-
nuswirkung, wir konnen hinzufiigen zu dem physisch Geborenwerden
des Menschen im Menschen, das geistig Geborenwerden des Menschen
aufier dem Menschen im Weltenall: wir taufen den Menschen.
Wir konnen hinzufiigen zu demjenigen, was im Menschen immer
vorhanden ist, die physischen Sonnenwirkungen, das Bewufitsein, daft
geistige Sonnenwirkungen in ihn einziehen, daft auf dem Wege der
physisch-atherischen Licht-Sonnenstrahlen, chemischen Strahlen, Le-
bensstrahlen das Geistige flutet, daft geistige Wesenheit auf denselben
Bahnen in den Menschen hineinkommt, wie hineinkommt die phy-
sisch-atherische Sonnenwirkung durch die Sinne. Wir lassen den Men-
schen perzipieren, wie er im gewohnlichen physischen Leben perzipiert
physisch-atherische Sonnenwirkung, wir lassen ihn perzipieren die gei-
stig-seelische Sonnenwirkung, das heiftt, wir erteilen ihm das Abend-
mahl, die Kommunion.
Wenn wir vom Abendmahl ausgehen, dann werden wir finden, daft
auf der einen Seite steht dasjenige, was zusammenhangt mit den Hilfen,
die die Sonne hat, der Verdunkelung mit dem Licht, mit dem fort-
dauernden Einziehen des Todes mit dem Leben. Wir gehen nach drau-
fien, nach den aufteren Planeten hin, die mit der Sonne verbunden
sind und fiigen hinzu zu dem Abendmahl in rechter Stunde die Todes-
olung.
Oder auch, wir gehen hinein in den Menschen, halten, bevor er in
dem Makrokosmos anlangt, in seinem Inneren, wollen ihn nicht blofi
als Mensch hineinstellen in den Makrokosmos, sondern wollen den
Makrokosmos in ihn selber hineinpflanzen im Bilde, so daft der Ma-
krokosmos Entwickelungskeim in ihm selber wird. Wir geben ihm die
Firmung, die Konfirmation.
Wenn diese Dinge in voller Bewufitheit eingetaucht sind, lebt der
die Sakramente Empfangende in voller Bewufitheit iiber dieselben,
dann wird der Mensch durch die Sakramente fortdauernd geheilt von
der allgemeinen Krankheit, in die er versinkt, oder fortdauernd im
Status nascendi zu versinken droht, indem man hinuntertaucht in die
physische materielle Welt. Da ist das Priesterliche.
Oder aber es kann das andere eintreten, der Mensch ist fortwahrend
durch seine Natur im Status nascendi, im Entstehen desjenigen, was
f rei werden will im Geistigen, was heraus will aus dem Physischen, aber
drinnen bleiben muE wahrend des Lebens, daher im Inneren nicht die
Ungeistigkeit, sondern die Obergeistigkeit hervorruft, die Krankheit.
Wir geben das Arzneimittel als den anderen Pol des Sakramentes, wenn
die Krankheit eintritt. Der Arzt ist da.
Wir durchschauen auf der einen Seite die geistige Arztschaft des
Priesters, auf der anderen Seite die Priesterschaft des Arztes, des phy-
sischen Arztes, und wenn wir so die Koordination erkennen, dann be-
greifen wir, wie der Zusammenhang ist des Pastoralen auf der einen
Seite, der Medizin auf der anderen Seite. Dann umgreift Pastoralme-
dizin nicht nur eine theoretische Lehre, sondern ein menschliches Zu-
sammenarbeiten .
NEUNTER VORTRAG
Dornach, 16. September 1924
Meine lieben Freunde! Sie haben gesehen, wie notig es ist, das Krank-
sein heranzutragen an das geistige Leben und Erleben des Menschen,
und das Verstandnis, das dem Kranksein entgegengebracht werden
soli, gerade von den beiden Seiten aus, die zunachst fur die Pastoral-
medizin in Betracht kommen, kann eigentlich nur aus einer solchen Be-
trachtung kommen. Deshalb wollen wir heute das eigentliche Krank-
sein im Zusammenhang mit dem geistigen Leben noch einmal von dem
Gesichtspunkt aus betrachten, von dem aus auf das Wesen des Krank-
seins gerade das meiste Licht geworfen werden kann.
Wir wechseln als Menschen in den beiden Zustanden Wachen und
Schlafen ab. Was iiber diese Dinge im allgemeinen als Inhalt der Welt-
anschauung zu sagen ist, das kennen Sie ja alle.
Heute wollen wir einmal scharf ins Auge fassen, was wahrend des
Schlafes eigentlich sich vollzieht im Menschen. Wir haben da den phy-
sischen, den atherischen Leib fiir sich bestehen. Wir haben den astra-
lischen Leib und das Ich wiederum fiir sich bestehen. Wenden wir den
Blick auf den physischen und atherischen Leib zunachst, so wissen wir
ja, dafi darinnen, vermoge dessen, was sie sind, dieser physische und
atherische Leib, gewisse Vorgange geschehen, Vorgange, die vom Ein-
schlafen bis zum Aufwachen unabhangig sind von den Wirkungen des
astralischen Leibes und des Ich. Wir haben es in einer Organisation wie
der menschlichen mit Vorgangen zu tun, die eigentlich zunachst, so wie
sie sich da abspielen miissen, der menschlichen Organisation gar nicht
angepafit sind. Wir haben es zu tun im physischen Leib mit physischen
Vorgangen. Physische Vorgange spielen sich draufien im Mineralreich
ab. Dem sind sie angepafit. Der ganzen menschlichen Gestaltung als
physischem Leib sind sie nicht angepafit. Und dennoch, der physische
Leib des Menschen ist sozusagen vom Einschlafen bis zum Aufwachen
den physischen Vorgangen hingegeben, so wie das Mineralreich den
physischen Vorgangen hingegeben ist. Wir miissen auf diesen Wider-
spruch achten, der gerade im Menschen wahrend des Schlafes ist. Er
soil eine Welt physisch wirkender Krafte und Substanzen sein, kann
das eigentlich nicht sein. Das eben ist die Ursache, dafi eigentlich wah-
rend des Schlafes im physischen Leib des Menschen Vorgange sich ab-
spielen, die, wenn sie nicht wieder ausgeglichen werden, krankma-
chende Vorgange sind.
Wenn man so allgemeine Satze ausspricht wie: dafi der Schlaf ge-
sund macht, so sind diese Satze natiirlich in einem gewissen Sinne
durchaus richtig, aber sie sind nur richtig unter gewissen Vorausset-
zungen und durfen uns nicht hindern daran, unbefangen das zu be-
trachten, was ist. Die physischen Vorgange im physischen Leib des
Menschen konnen nur dann fur den Menschen heilsam bestehen, wenn
in diesem physischen Leib untergetaucht ist das Ich und die astralische
Organisation, was ja mit dem Aufwachen wieder geschieht und was so
sein mufi, dafi es standig unterbrochen wird von dem Schlaf zustand,
weil durch diesen Schlafzustand eingeleitet wird der Abbau im phy-
sischen Menschen, der im Menschen standig vorhanden ist und der da
sein mufi, damit iiberhaupt das Seelenleben, das geistige Leben sich
im Menschen entfalten kann. Denn mit den Aufbauprozessen verbin-
det sich kein geistiges Leben, nur mit den Abbauprozessen. Es mufi also
mit dem Schlaf so viel an Abbauprozessen besorgt werden, dafi der
Wachzustand in dieser Quantitat von Abbauprozessen sich entfalten
kann vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Wird mehr entfaltet an
Abbauprozessen durch die Ungesundheit des Schlafes, dann bleibt ein
Rest von Abbauprozessen im menschlichen Organismus vorhanden.
Dann haben wir in diesem Abbauprozefi die innerliche krankmachende
Ursache.
Dehnen wir die Betrachtung noch aus bis zum Atherleib, so ergibt
sich fiir den Atherleib, dafi er wahrend des Schlafzustandes nur solche
Prozesse ausfiihren kann, die sonst im Pflanzenreich vor sich gehen.
Wenn der astralische Leib und das Ich in diesen Atherleib untergetaucht
sind, werden immer wiederum diese Prozesse auf ein hoheres Niveau
geriickt. Aber wenn sie vom Einschlafen bis zum Aufwachen gehen,
gehen sie vor sich wie im Pflanzenreich, sind also wieder nicht ange-
pafit dem menschlichen Organismus, sondern fordern einen Ausgleich
durch den astralischen Leib und das Ich. Bleibt ein Rest, der nicht ver-
braucht wird, dann sind wiederum krankmachende Ursachen da. So
daft wir sagen konnen: Der Schlaf kann uns belehren dariiber, wie im
menschlichen Organismus die krankmachenden Ursachen eigentlich
entstehen; denn diese krankmachenden Ursachen sind im Grunde ge-
nommen die normalen Vorgange des Schlafes, die zu gleicher Zeit die
Grundlage fur das geistig-seelische Leben des Menschen sind. - Und
das ist das Geheimnis der Welt, daft iiberall, wo man in die Realitat
hineinkommt, die Dinge nach zwei Seiten gehen. Auf der einen Seite
liegt im Schlafzustand des physischen und atherischen Leibes die
Grundlage fur des Menschen geistige Entwickelung, auf der anderen
Seite liegt durch ganz dieselben Vorgange die Grundlage f iir das Krank-
werden. Damit ist wiederum das Krankwerden in die geistige Ent-
wickelung unmittelbar hineingeleitet, und wir konnen sagen: Wenn
wir studieren dasjenige, was im physischen und Atherleib des Men-
schen wirkt, so ist es eigentlich beim Schlaf im Grunde genommen
die Basis der Pathologic
Nun betrachten wir von diesem Gesichtspunkt aus einen Menschen,
der nicht geniigend untertaucht wahrend des Wachens in seinen physi-
schen und atherischen Leib, was wir bei Schwachsinnigen, bei Psycho-
pathen gefunden haben. Dann taucht das Seelisch-Geistige eines solchen
Menschen in Krankheitsprozesse ein, lebt mit Krankheitsprozessen,
und auf diese Erkenntnis ist ein besonderer Wert zu legen, dafi eigent-
lich Psychopathen und sogenannte Geisteskranke ihr innerliches Da-
sein in Gemeinschaft mit Krankheit bewirkenden Ursachen verleben.
Sehen Sie, auf solche Dinge mufi man genau hinsehen.
Aber gehen wir dazu uber, die Aufienwelt zu betrachten. Nehmen
Tafel 10 wir den physischen Leib des Menschen ganz schematisch (TafellO, links)
und betrachten wir die dazugehorige mineralische Aufienwelt, wie-
derum ganz schematisch, dann haben wir wahrend des Schlafes da
drinnen Vorgange im menschlichen physischen Leib, denen das Ich
entzogen ist. Sie gehen vor sich ohne eigentlich innerlich wirkenden
Motor. Dieses Ich ist aber in alledem drinnen, was hier die minera-
lischen Vorgange sind. Denn da ist dasjenige, was wir das Welt-Ich
nennen konnen, drinnen. Wir haben also auf der einen Seite in den
Vorgangen des physisch-menschlichen Leibes ein Ichloses, eine Summe
von ichlosen Vorgangen, die das Ich entbehren. Wir haben draufien
in der Umgebung die Summe der mineralischen Vorgange und mine-
ralischen Substanzen, die mit dem Ich, das heifit mit all den Hier-
archien, die mit dem Ich identisch sind, durchsetzt sind. Die hat das
Ich, die mineralische Substanz.
Nehmen wir daher an, wir bemerken im physischen Leib des Men-
schen einen Vorgang, der nicht da sein soil, der ein krankhafter Vor-
gang ist. Er entbehrt das Ich. Wie konnen wir ihm beikommen, wenn
wir ihn heilen wollen? Wenn wir dasjenige vom Ich, was er entbehrt,
was zuviel Schlaf ist in ihm, wahrend des Wachens noch fortwahren-
der Schlaf ist in ihm, wenn wir das suchen draufien in der minera-
lischen Umgebung. Wir haben dann das Heilmittel. Fugen Sie das dem
Menschen bei, ist die Affinitat da zu dem betreffenden Organ; das,
was dem kranken Organ fehlt, die Ich-Kraft, kommt dadurch dem
kranken Organ bei. Sehen Sie, das ist der Vorgang, der zugrunde liegt
all unserem Suchen nach Heilmitteln fur den physischen Leib des kran-
ken Menschen in der Umgebung der anorganischen Natur. Da miissen
wir das Entsprechende finden, das die Ich-Kraft hat, dann wirkt es
heilsam. Es beruht also der Obergang von der Pathologie zur Therapie
auf einer genauen Einsicht in die Zusammenhange zwischen den Pro-
zessen des physischen menschlichen Leibes und der mineralischen
Auftenwelt auf der einen Seite, aber auch des atherischen menschlichen
Leibes und der Aufienwelt, das in den Vegetabilien, in den Pflanzen
wirkt. Da haben wir die Sache genau so. Merken wir, dafi im athe-
rischen Leib irgend etwas wuchert durch den Atherleib, finden wir:
da fehlt dem atherischen Leib die entsprechende Einwirkung des astra-
lischen Leibes; da miissen wir draufien irgendwo im Pflanzenreich su-
chen und wir finden das entsprechende Heilmittel. Das ist das Orien-
tierende.
Daraus ersehen Sie, daft man den Geist der Natur, den Geist in Mi-
neral- und Pflanzenreich im weitesten Umfang des Universums ken-
nen raufi, Den Geist, nicht die Substanz muU man kennen, weil man
mit dem Geist der mineralischen und pflanzlichen Natur in Wirklich-
keit den Menschen heilen muE. Die Substanz haben Sie nur in dem
Zustande, dafi sie nicht richtig geistig beherrscht ist, aber den Geist
hat. Und derjenige, der heilen will, ohne den Geist der Steine und
Pflanzen zu kennen, der kann eigentlich nur nach traditionellen An-
gaben im Finstern tappen, kann probieren, ob das eine oder das an-
dere hilft, aber er wird nie dazu kommen, warum es hilft, weil er nie
wissen wird, wo in irgendeinem Mineral der Geist sitzt, oder wie er
sitzt, so daft eigentlich Heiler zu sein von vornherein voraussetzt eine
spirituelle Weltanschauung, und es besteht wohl die groftte Anomalie
unserer Zeit darin, daft gerade in der Medizin diese furchtbare Krank-
heit des Materialismus herrscht. Denn in der Medizin ist der Materia-
lismus eine wirkliche Krankheit. Dieses Blindsein heiftt Einschlafen
und schadliche seelische Stoffe erzeugen in der Wissenschaft und
miiftte eigentlich geheilt werden. Man kann schon sagen: der krankste
Mann in unserer Zeit ist nicht derjenige, der er war fur die europaische
Bevolkerung im 19. Jahrhundert, der Turke, sondern das krankste
Wesen unserer Zeit ist der Mediziner. Das ist eine Wahrheit, die die
Arzte wissen sollen und hochstens die Theologen, aber darin besteht
ja das Esoterische, daft es in dem Kreise bleibt, dem es anvertraut ist.
Nun, sehen wir uns die Sache noch genauer an. Es gibt nun Men-
schen, die nicht in dem Sinne Psychopathen oder Wahnsinnige sind,
wie man berechtigt ist, von Psychopathie und Wahnsinn zu sprechen,
die aber doch nach den Auseinandersetzungen der letzten Tage so hin-
untertauchen in ihren physischen und atherischen Leib, daft sie mit
den kranken Zustanden, kranken Vorgangen darin eine gewisse Ver-
bindung eingehen, eine wahrnehmbare Verbindung eingehen. Da kom-
men wir zu jenen Somnambulen, deren Dasein kein Aberglaube ist,
was in der Welt oftmals beschrieben worden ist, was jeder Initiat gut
kennt, wir kommen zu denjenigen Somnambulen, die in ihrem som-
nambulen Zustande Beschreibungen ihrer Krankheiten machen. Sie
tauchen hinunter in ihren physischen und Atherleib. Wahrend der ge-
wohnliche normale Mensch sich so verbindet mit dem physischen und
Atherleib, daft wir, wenn wir pedantisch wissenschaftlich reden wol-
len, sagen konnen: Ich und astralischer Leib gehen im Wachen mit
physischem und atherischem Leib eine Verbindung ein, die in ihrer
Verbindungsqualitat entsprechend die gesattigte Verbindung ist -, kon-
nen wir bei einem solchen kranken Menschen sagen: Es geht eben nicht
im ubertragenen Sinne nach der Atomgewichtszahl das Ich und der
astralische Leib in den Ather- und physischen Leib hinein, es bleibt
vom astralischen Leib und Ich ein Rest, der nicht ganz untertaucht,
aber dann wahrnimmt. Nur das vom Ich und astralischen Leib nimmt
wahr, was nicht in den Atherleib und physischen Leib untertaucht.
Wenn so etwas innerlich iiberfliissig ist von Astralleib und Ich, wird
innerlich wahrgenommen. Die Somnambulen beschreiben ihre Krank-
heit. Nun aber, wie denn? Es gibt ja einen anderen Zustand, den ich
Ihnen auch beschrieben habe, in gewissen Fallen, wo der normale Zu-
stand nach der Schlafseite hin unterbrochen ist. Dann, wenn das Ich
und der astralische Leib heraufien sind aus dem physischen und Ather-
leib, und wenn dann in diesem Ich und astralischen Leib Dinge vor-
gehen, die nun in dieses Geistig-Seelische nicht hineingehoren, so wie
die anderen Dinge, die ich Ihnen beschrieben habe, in das Physisch-
Atherische nicht hineingehoren, wenn zuviel Geistiges vom Ich und
astralischen Leib erlebt wird wahrend des Schlafes, wie sonst zuviel
vom physischen und Atherleib von der Natur erlebt werden kann,
dann entsteht jenes an das Pathologische angrenzende Hellsehen. Der
Mensch tragt dann in den Schlaf hinein eine gewisse Kraft, Geistiges
wahrzunehmen. Er tragt wieder hinuber in den Wachzustand Erinne-
rungen an dieses geistige Wahrnehmen, aber vor alien Dingen fliefit
dieses geistige Wahrnehmen, das da in abnormer Weise zwischen Ein-
schlafen und Aufwachen vorhanden ist, in die Traume hinein. Es er-
scheint in lebendigen Traumen, und da merken wir wiederum das-
jenige, was jeder Initiat gut weifi: diese Traume sind, wenn sie richtig
angesehen werden, erfullt von Folgendem.
Nehmen Sie an, dafi der Kranke, der physisch Kranke, so veran-
lagt ist, wie ich es beschrieben habe. Der taucht mit seinem Geistig-
Seelischen hinunter in den physischen und atherischen Leib. Er erlebt
dann die Krankheit so, dafi er sie im somnambulen Zustand beschreibt.
Er erlebt dasjenige, was an zu starkem Abbauprozefi im physischen
und Atherleib vor sich geht, er erlebt eine Art ruckgangigen Prozefi
der Natur in seinem physischen und Atherleib. Nehmen wir nun an,
er ist draufien mit seinem astralischen Leib und Ich. Da erlebt er ja
im Geistigen der aufieren Natur. Nehmen wir nun an, man erlebt hier
Tafel 10 drinnen ein krankes Organ (Tafel 10, Mitte), das dadurch krank ist,
daft es irgendeinen aufieren Prozeft eben in krankhafter Weise zum
Ausdruck bringt. Das wird im somnambulen Zustand erlebt. Der in-
nerliche Prozeft wird da beschrieben. Ist der Mensch im polarischen
Zustand, wirkt der Somnambulismus hinein in sein Ich und astralischen
Leib, wenn diese mehr aufierhalb des physischen und Atherleibes sind;
wenn das, was da erlebt wird unter den elementargeistigen Vorgangen
der Natur, wenn das in die Traume hineingeht, erlebt der Mensch das-
jenige, was in den Mineralien das Geistige ist, erlebt er den entspre-
chenden Geist des Minerals; und wovon traumt er? Er traumt von
seinem Heilmittel. Sehen Sie, hier haben Sie den Zusammenhang fur
manches somnambule Leben. Der Somnambule wechselt in zwei Zu-
standen ab, die ich charakterisiert habe. In dem einen Zustand traumt
er von seiner Krankheit, in dem anderen Zustand traumt er von seinem
Heilmittel, und vor uns steht die Art und Weise, wie in alten Mysterien
uberhaupt Pathologie und Therapie gesucht worden ist.
Da wurde nicht so experimentiert wie heute. Da wurden die Kran-
ken in den Tempel gebracht und von entsprechend durchaus vorbereite-
ten Tempelpriestern in eine Art somnambulen Zustand gebracht, und
es wurde dieser somnambule Zustand bis dahin getrieben, wo der
Kranke seinen Krankheitsprozeft beschreibt. Dann wurde der pola-
rische Somnambulismus hervorgeruf en, der Tempelpriester erlebte den
Traum, der die Therapie enthalt. Es war das Untersuchen in den alte-
sten Mysterien, das von der Pathologie zur Therapie fuhrt. So bildete
man in alten Zeiten die Heilkunde aus, bildete sie aus, indem man
Menschenkunde am Menschen suchte mit den alten Formen der Un-
tersuchungsmethoden.
Wir miissen nicht zu diesen Methoden, sondern zu denjenigen Me-
thoden kommen, wo wir durch imaginatives Erleben sogleich in die
Lage kommen, den Krankheitsprozefi zu verfolgen, wo wir durch die
intuitive Methode, die herausfiihrt, nicht hineinfiihrt in den Men-
schen, den Gesundungsprozeft erleben. Das, was fruher eine Art Expe-
riment war, wird gerade auf diesem Gebiete ein eindringliches Beob-
achten werden miissen. Sie sehen, wo eigentlich die Orientierung liegt.
Die aufiere physische Wissenschaft, die in alten Zeiten eine rein be-
obachtende war, ist iibergegangen zum Experiment, ersetzte immer
mehr und mehr die reine Beobachtung durch das Experiment. Da hat
sie recht. Aber die Heilwissenschaft hat es ihr nachgemacht, und da
hatte sie nicht recht. Die iibte fruher am Menschen mit den Tempel-
forschungen das Experiment. Von diesem Experiment miissen wir den
Ubergang finden zu einer sorgfaltig durchgeistigten, wissenschaftlich
befruchteten Beobachtung des Lebens. Denn wer das Leben betrachtet,
kann die Krankheit iiberall abfangen. In der einfachsten Aufierung
des alltaglichen Lebens, die nur ein wenig abweicht von dem sogenann-
ten Normalen, liegt unter Umstanden etwas, was richtig betrachtet
zur Erkenntnis komplizierter Krankheitsvorgange fuhren kann, wenn
man nur die Dinge in dem richtigen Zusammenhang durchschaut.
Es fuhrt aber dazu, dafi eigentlich der Arzt immer mehr und mehr
der wirkliche Praktiker werden mufi, wiederum der umgekehrte Gang
von dem, den die Entwickelung in der neueren Zeit unter dem Einflufi
des Materialismus gemacht hat. Der Arzt ist nach und nach ganz zum
Wissenschafter geworden, und das hat keinen Sinn. Der Arzt hat nur
Sinn, wenn er die Naturgesetze in lebender Regsamkeit immer hand-
haben kann, nicht wenn er sie nur im abstrakten Sinn erkennt. Durch
das Erkennen im abstrakten Sinn des Wortes kommt man noch nicht
zur Handhabung der Naturgesetze. Da haben Sie die Sache von der
einen Seite angesehen. Sehen Sie sie nun von der anderen Seite aus an.
Sehen Sie sie von der anderen Seite aus an, von der aus sie der Prie-
ster anschauen mufi, wahrend Sie sich sagen, des Priesters Beruf be-
steht darin, den Menschen zu fuhren in alledem, wo sein Ich und astra-
lischer Leib in die geistige Welt irgendwie untertauchen sollten, wo
also der Mensch Anteil haben soli an der geistigen Welt. Ist es notig,
dafi der Arzt auf geistige Art hineinschaut in das Wesen des Men-
schen, pathologische Prozesse auf geistige Art erschaut - was wird
der Priester suchen miissen? Der Priester wird suchen miissen in dem-
jenigen, was den Menschen in die geistige Welt hineinfuhrt, in der Ge-
sinnung nach der geistigen Welt, in der Liebe zur geistigen Welt, in
dem Durchdrungensein von der geistigen Welt, wie sie schon im nor-
malen Leben vorliegen, alles dasjenige anzufassen, was die mensch-
liche Seele in den normalen und abnormen Erscheinungen auf diesem
Gebiete darbietet. Verfolgen wir jetzt fur ihn den umgekehrten Prozefl,
den wir beim Arzt haben verfolgen miissen. Beim Arzt haben wir ge-
sagt: Nun ja, wenn er die Somnambule das kranke Organ beschreiben
lafk, nun ja, so beschreibt sie aus dem Traum heraus das Heilmittel.
Nehmen wir nun einmal den Priester wiederum, so wie er in den
alten Mysterien war. Ihn hat nun die Auffindung des Heilmittels
wahrhaftig nicht bloft interessiert, obwohl in erster Linie, da er Men-
schenfreund in erster Linie war, ihn die Heilung interessiert hat. Aber
er ist nicht bei der Heilung stehengeblieben, ihn hat noch etwas an-
deres interessiert. Ihn hat interessiert nun das Folgende. Er sah, die
Somnambule beobachtet in dem Traum das Heilmittel, indem sie mit
ihrem Ich und astralischen Leib drinnensteht in der geistigen Welt.
Nun fafite er in seinem Anschauen dieses Darinnenstehen in der gei-
stigen Welt, dieses seelische Darinnenstehen in der geistigen Welt auf,
und verfolgte es wieder zuruck in den Leib. Was findet er da? Da fin-
det er sich wieder hin zu den kranken Organen, selbstverstandlich, aber
er wufite jetzt aus dem, was er da draufien wahrgenommen hatte, wie
im gesunden Zustand der astralische Leib und das Ich in diesem Organ
wirken. Dadurch, dafi er wieder zuriickging auf das kranke Organ,
wulke er, wie im gesunden Zustand gewirkt wird. Die Folge davon
war: jetzt nahm er wahr, wie aus den gottlich-geistigen Machten heraus
in normaler Weise Astralleib oder Ich in den menschlichen Organis-
mus eingreifen, wie sie darinnensitzen. Er lernte sie in ihrer Gesund-
heit durch die Traume im geistigen Wesen der Welt kennen und be-
kam die Anschauung, wie sie sich wieder verhalten, wenn sie unter-
tauchen. Er bekam die innerliche Beziehung des Menschen zur geisti-
gen Welt.
Dieses ist dasjenige, was als Gesinnung der Priester begleiten lassen
kann das Sakrament, wo er zuriicktragt die geistige Welt, denn die
geistige Welt haftet an dem Sakrament durch die Einrichtung des
Kultus. Der Kultus verbindet mit der physischen Substanz das Geistige
eben kraft der inneren Einsichten, wie das Geistige zusammenhangt
mit der Materie. Physische durchgeistigte Wesenheit wird in den Men-
schen zuriickgefuhrt und die Beziehung wird in dem Menschen herge-
stellt, die seinen astralischen Leib innerhalb des physischen Leibes und
des Atherleibes, sein Ich innerhalb des physischen und Atherleibes mit
dem gottlich-geistigen Dasein der Welt verbindet. Alles hangt in dieser
Beziehung daran, daft der Sakramentalismus von seiten der Priester-
schaft mit einer solchen Gesinnung beobachtet wird. Alles hangt davon
ab, daft wir uns durchdringen mit solchen Dingen, wie dem Zusam-
menhang zwischen dem Erleben im Leibe und dem Erleben aufierhalb
des Leibes, den Geheimnissen der Pathologie durch Beobachten des
verlassenen Leibes, dem Geheimnis der Therapie durch das Beobachten
des abnormen Lebens, des Lebens in der geistigen Welt beziehungsweise
auch des normalen Wahrnehmens in der geistigen Welt. Dasjenige, was
durch hervorragende somnambule Wesen in alten Zeiten in den Tem-
pelgeheimnissen ergriindet wurde, mufi wieder ergriindet werden da-
durch, dafi der Mensch geistige Erkenntnisse in sich selber entwickelt
und die Zusammenhange wieder beobachtet. Das Experiment mufi auf
diesem Gebiete in die Beobachtung einfliefien.
Nun ist es schon wichtig, dafi diejenigen Arzte und Priester, die
innerhalb der anthroposophischen Bewegung stehen, vereinigt sind in
dem Wissen von solchen Tatsachen. Das ist dasjenige, was wirklich
bindet, was uns durchdringt mit einer anderen Erkenntnis, als sie die
anderen haben. Dagegen wird alles Beschliefien, man solle einen Bund
oder einen Verein oder eine Gruppe bilden, das ist dagegen eine Ab-
straktion. Das wirklich Bindende ist der Besitz eines gewissen Wissens.
Diejenigen, die dieses Wissen besitzen, gehoren eben zusammen und
sollten sich zusammengehorig fuhlen. Die aufiere Verbindung soli der
Ausdruck sein fur diese innere Verbindung, die durch dieses Wissen
geschaffen ist. Unsere Zeit leidet in dieser Beziehung an vielem.
Bedenken Sie nur, wenn man heute oftmals in der allerallerbesten
Absicht zum Beispiel zu einer Jugendversammlung spricht, obwohl
deren Bestreben von mir ganz anerkannt wird - es ist aufierordentlich
schwierig, wie einem zunachst gegenuber dem Konkreten, das die Seele
erfullen sollte, sogleich das entgegentritt, dafi man sagt: Das Erste,
Wichtigste ist, dafi man sich zusammenschliefit! - Zusammengeschlos-
sen ist ja in den letzten Jahrzehnten alles ins Unendliche geworden.
Man hat sich zusammengeschlossen, aber man hat noch nie wahrge-
nommen, dafi, wenn man so anordnet: 00000000 und so weiter Tafel 10
etwas herauskommt. Ein Bewufltsein, das zunachst unerfiillt ist, ge-
schlossen an ein Bewufttsein, das wieder unerfiillt ist, geschlossen an
ein drittes Bewufttsein, das wieder unerfiillt ist, das gibt nichts. Da-
gegen braucht man blofi vorauszusetzen die Erfiillung, dasjenige, was
alien Nullen zugrunde liegt, was Eins (1) hat, so haben Sie etwas. Es
mufi nicht ein Mensch sein, sondern die Erfiillung, dann ist es etwas.
Nur kurioserweise, das setzt voraus, da!5 schon das etwas ist, ja sogar
das, was eben kein Mensch ist, sondern dafi das Wissen an sich wesen-
haft ist. Diese Dinge sollte man bedenken in unserer Zeit, wo man
eben vielfach dazu viel zu bequem ist, das Konkrete zu suchen und
daher das Abstrakte immer zusammenschlieften will. Gut ist das Zu-
sammenschliefien, das kommt aber schon von selber, wenn das Kon-
krete da ist.
Das ist auch nun wiederum etwas, was vielleicht zuallererst begrei-
fen sollen diejenigen, die als Arzte und als Priester innerhalb der heu-
tigen Menschheit wirken. Denn man kann schon sagen, die zwei Dinge
sind heute alliiberall zu beobachten. Ich und astralischer Leib der
Menschen finden im Grunde genommen trotz alles Wachzustandes
nicht in gehbriger Weise den physischen Leib und den Atherleib. Es
ist schon so, dafi eigentlich dem, der die Welt durchschaut in ihrem
Werden, die Anschauungen auf dem Gebiete des Materialismus nicht
eigentlich so furchtbar wehe tun. Man lasse die Monisten und alle
moglichen Leute sich streiten. Das ist ja gewifi eine unmogliche Sache,
aber eigentlich ist es nicht das Grundschadliche im Entwickelungspro-
zefi der Menschheit. Daher beteiligt man sich auch, wenn man diesen
Entwickelungsprozefi durchschaut, nicht gerne an diesen Weltanschau-
ungs-Diskussionen. Denn schliefilich, ob der eine dies, der andere je-
nes meint: Meinungen sind ja furchtbar diinne Sachen in der mensch-
lichen Seele, wirken nicht sehr stark auf die Realitaten. Meinungen sind
Schaume innerhalb der Realitaten. Und ob da so eine Seifenblase an
die andere platzt, die eine verspritzt, die andere ein bifichen dicker wird
durch den Anprall, das schadet nichts. Aber man mufi bedenken, dafi
keiner in Wirklichkeit ein Materialist wird, der in richtiger Weise mit
seinem Ich und astralischen Leib in seinem physischen und Atherleib
sitzt. Daft also Materialistsein im feineren Sinne bedeutet Kranksein.
Und mit dieser Erkenntnis mufi man sich durchdringen: Materialist
sein bedeutet Kranksein. Es ist daher gar kein Wunder, daft, wenn
nun die anderen, die in ihrem physischen und Atherleib ordentlich
drinnensitzen, mit diesen kranken Materialisten zusammenkommen,
daft sie den gegenteiligen Pol entwickeln, alle moglichen Unklarheiten
des Spiritualismus.
Und hier kommen wir dann auf ein Gebiet, wo, weil sich die Dinge
nicht abspielen in den Teilen der Welt, die noch in einer Verbindung
miteinander stehen, sondern in den Teilen der Welt, wo die Welt be-
reits ins Chaos geworfen ist und ihre Blocke nebeneinanderliegen, da
kommen wir zu dem Gebiet, wo das eine nicht mehr die Heilesoffen-
barung des anderen ist, sondern sie beide auseinanderfahren. Solange
namlich der Kranke spricht von den Vorgangen in seinen inneren Or-
ganen, so lange stehen seine Traume in Beziehung zu den Heilkraften
in der aufteren Welt, die kranken Organen entsprechen. So wie aber
der Mensch durch die Krankheit des Materialismus nicht von innen
seine inneren Organe beschreibt, sondern den Organismus durchbricht
nach der anderen Seite und die Aufienwelt beschreiben will, wie das
im Materialismus geschieht, dann wirkt das Gegenteil der Traume, der
falsche Spiritismus, nicht mehr als Heilmittel, sondern im Gegenteil
als starker krankmachend.
Und so sehen wir heute in unserer Zeit, wenn wir alle Medizin, die
sich auf den Menschen bezieht, vergleichen mit demjenigen, was voll-
berechtigt damit verglichen werden kann: die Kulturpathologie, Kul-
turtherapie, wenn wir diese nehmen, so finden wir, daft zum Beispiel
der Spiritismus keineswegs ein Heilmittel darstellt, sondern dem
Traumzustand entspricht fiir den Materialismus, der der somnambu-
len Beschreibung der inneren Organe entspricht. Wenn ein Vorgang -
es ist eben so -, der eigentlich das Innere ergreifen sollte, durchschlagt
beim Menschen nach der Aufienwelt - wir konnen solche pathologi-
schen Vorgange beobachten bei Ausschlagen, wo die Sache ganz genau
dem entspricht, was ich Ihnen gesagt habe -, dann entsteht fiir das
Anschauen selbst dasjenige, was im Inneren beobachtet wird, nach
auften hin nicht als Gesundes, sondern als krankhaf te Abweichung. Da-
her sollte eigentlich der Arzt wissen, daft Materialismus der Ausschlag
fur Kranksein ist, und so sollte man arztlich den Materialismus an-
sehen.
Dann kommt durch ein solches arztliches Anschauen schon heraus
die Briicke hiniiber zu dem priesterlichen Anschauen, welches von der
entgegengesetzten Seite ausgeht, zu dem priesterlichen Anschauen, das
hineinsieht in die krankhaften Seelenerscheinungen des Menschen, die
er aus seinem Bedurfnis, aus seiner Emotion heraus bildet. Das ist auch
beim Spiritismus der Fall. Und man kommt dann dazu, zu erkennen,
daft krankhaftes Leben im weitesten Sinne sich hineinversenken will
in das Weltenall, wie alles dasjenige, was in der Weltanschauung krank
ist durch sich, insoferne es auf dem Willen beruht, also eigentlich in
der Tat sich auslebt, wie das hinuberwirken mufi in das Innere des Men-
schen in den wirklich krankmachenden Zustand.
Nun wird man gegenuber der gegenwartigen Entwickelungsepoche
der Menschheit nicht dasjenige sehen kb'nnen, was man in alteren Zei-
ten deutlich wegen der anderen Voraussetzungen der Menschennatur
gesehen hat, wie dasjenige, was an falscher Willensrichtung, falscher
Weltanschauung, falscher Lebensanschauung da ist, was im alten Sinne
als «Siinde» bezeichnet worden ist, man wird nicht unmittelbar sehen,
wie das hinubergeht in den Erkrankungsprozefi des Organismus, weil
es das auch nicht unmittelbar in der Art tut. Wir achten nur in den
seltensten Fallen darauf , nur in Fallen, die als Zwischenstufen dastehen
zwischen den eigentlich aufzufassenden Krankheiten und der Siinde.
Diese gehen wieder in Zustande iiber, die nur angrenzen an Krankhaf-
tes. Aber die Siinde und das eigentliche Kranksein, die stehen fiir die
heutige Entwickelungsepoche so ab, daft sie durch zwei Inkarnationen
voneinander getrennt sind. Es war so, daft in friiheren Entwickelungs-
epochen der Menschheit in der einen Inkarnation manchmal als Ur-
sache und Wirkung zusammenhangen konnten Siinde und Krankheit,
was nunmehr durch den fortgeschrittenen Entwickelungsprozefi der
Menschheit durch Inkarnationen getrennt ist: Siinde und Krankheit.
Siinde in der einen Inkarnation, Krankheit in der anderen.
Hier beginnt die Domane des Priesters. Der Priester darf also, wenn
er blofi die Traditionen der alten Zeiten festhalt, nicht mehr sprechen,
daft die Siinde die Ursache der Krankheit sei. Aber wenn er iibergeht
in die Einsicht von wiederholten Erdenleben, dann darf er davon spre-
chen, denn dann spricht er wieder aus der Wahrheit. Daher ist vieles,
was heute drauften in der Welt von priesterlicher Seite iiber diese Dinge
gesagt wird, nicht mehr wahr, weil es nicht mehr den Tatsachen ent-
spricht. Diese Lehren entstammen alter Zeit, und heute ist kein Wille
vorhanden, diese Lehre gemafi demjenigen, was in unserer Zeit gefor-
dert wird, umzugestalten. In all das mussen wir uns hineinfinden, und
dann wird es moglich sein, diese Betrachtungen iiber Pastoralmedizin
nach beiden Seiten hin fruchtbar zu machen.
Ich gedenke jetzt noch, weil es ja in der Tat wunschenswert er-
scheint, dafi die Freunde sich einrichten konnen, ich gedenke jetzt noch
zwei Vortrage aus der Pastoralmedizin morgen und iibermorgen zu
halten.
ZEHNTER VORTRAG
Dornach, 17. September 1924
Meine lieben Freunde! Was in unserer heutigen Zeit beim wirklichen
Wirken und Wirkenwollen aus der geistigen Welt heraus immer iiber-
sehen wird, ist das, dafi zu allem geistigen Wirken gehort, daft in den
Gedanken, die der Mensch hat, und in den Gefuhlen Aktivitat, Schop-
ferisches sein kann. Was da eigentlich zugrunde liegt, das ist in der Zeit
der materialistischen Denkungsweise vollig vergessen worden und ist
heute im Grunde genommen der Menschheit ganz unbewulk. Daher
wird so vielf ach gerade auf diesem Gebiet eine Art Unfug getrieben, ein
Unfug, der heute unter uns in derMenschheitszivilisationsogarziemlich
umfangreich waltet. Sie werden ja wissen, daft von alien moglichen zen-
tralen Stellen oder dergleichen, wie man es nennt, allerlei Anweisungen
an den Menschen ausgehen, wie man Gedankenkraft entwickeln kann,
wie die Gedanken machtig werden konnen. Man mochte sagen: Keime
von dem, was man friiher im Geistesleben genannt hat «schwarze Ma-
gie» und auch fortdauernd so nennt, werden dadurch iiberallhin ausge-
streut. Gerade auf solche Dinge, die zu gleicher Zeit seelische und leib-
liche Krankheitsursachen sind, hat sowohl der Arzt wie der Priester
bei ihrer in die Kultur, in die Zivilisationsentwickelung hineingehen-
den Wirkung zu achten. Denn wenn man gerade auf solche Dinge ach-
tet, leistet man ja dasjenige, was sowohl zur Verhiitung als auch zum
besseren Erkennen der Krankheit und der Krankheitserscheinungen des
menschlichen Seelenlebens bedeutsam ist. Man will mit solchen An-
weisungen ja dem Menschen eine in ihm sonst nicht vorhandene Kraft
geben, und verwendet das oftmals zu den unlautersten Dingen. Es gibt
nach dieser Richtung ja alle moglichen Anweisungen heute schon, wie
Handelsagenten dazu kommen konnen, Geschafte zu machen und der-
gleichen. Auf diesem Gebiete wird heute ungeheuer viel an Unfug er-
arbeitet.
Aber sehen Sie, was liegt denn dem zugrunde? Diese Dinge miissen
immer schlimmer werden, wenn gar nicht eine wirkliche Erkenntnis
gerade auf dem Gebiete der Medizin und auf dem Gebiete der Theo-
logie Platz greift nach dieser Richtung. Denn das Denken der Men-
schen der neueren Zeit, namentlich das wissenschaftliche Denken hat
sich ganz ungeheuer ausgebildet unter dem Einflufi des Materialismus.
Wenn heute schon vielfach eine Befriedigung dariiber ausgesprochen
wird, dafl der Materialismus im Abnehmen begriffen sei in der Wis-
senschaft, dafi man iiberall will iiber den Materialismus Hinausgehen-
des gestalten, ja, meine lieben Freunde, das macht gerade auf den, der
die Dinge durchschaut, einen viel unangenehmeren Eindruck. Diese
Wissenschaf ter, die auf heutige Art den Materialismus uberwinden wol-
len, auch diejenigen Theologen, die auf heutige Art den Materialismus
uberwinden wollen, die sind vor den Augen dessen, der diese Dinge
durchschaut, eigentlich viel schlimmer als die starren Materialisten, die
nach und nach durch die Absurditat ihrer eigenen Sache die Sache un-
moglich machen. Aber diese Schwatzer iiber Spiritualismus, iiber Idea-
lismus und dergleichen streuen den Leuten Sand in die Augen und sich
selber auch.
Denn was wird denn da, sagen wir in Drieschscher Weise oder in
anderer Weise getan, um irgend etwas iiber materielles Geschehen hin-
aus vertreten zu konnen? Es werden genau dieselben Gedanken, die
jahrhundertelang verwendet worden sind, um blofi das Materielle zu
denken, die auch gar keine andere Moglichkeit haben, als das Mate-
rielle zu denken, verwendet, um ein angeblich Geistiges zu denken. Das
konnen diese Gedanken gar nicht! Das kann man nur, wenn man in
wirkliche Geisteswissenschaft eingeht. Daher kommen solche sonder-
baren Dinge heraus, die heute gar nicht bemerkt werden. Es spricht
zum Beispiel ein von der Aufienwelt offiziell anerkannter, in Wirk-
lichkeit furchtbar dilettantischer Driesch davon, dafi man annehmen
miisse: «Psychoide». Ja, meine lieben Freunde, wenn Sie irgendeinem
Ding eine Ahnlichkeit zuschreiben wollen, mufi das Ding irgend-
wo da sein. Sie konnen doch nicht sprechen von affenahnlichen We-
sen, wenn nie ein Affe da ist. Sie konnen nie von Psychoiden sprechen,
wenn nie eine Seele anerkannt wird im Menschen! Derlei Geschwatz
gilt heute als echte, sogar ins Bessere hineinstrebende Wissenschaft.
Das mufi durchschaut werden. Und dann sind diejenigen, welche mit
wissenschaftlicher Bildung drinnenstehen in der anthroposophischen
Bewegung, fur die Zivilisationsentwickelung etwas wert, wenn sie sich
nicht blenden lassen von dem aufflackernden Irrlicht, sondern wenn
sie ganz exakt hineinschauen in das, was nun wirklich notwendig ist
und gegeniiber dem Materialismus gebraucht wird.
Daher mufi schon gefragt werden: Wie ist es moglich, dafi aus der
heutigen Passivitat des Denkens wieder Aktivitat, Schopferisches wird?
Wie mufi gewirkt werden von Priesterschaft und Arzteschaft, dafi
Schopferisches in die vom Geist geleiteten, geleitet sein wollenden Ar-
beiten der Menschen hereinfliefit? Die Gedanken, namentlich die sich
an den materiellen Vorgangen entwickeln, lassen das Schopferische
draufien in der Materie, bleiben selber ganz passiv. Das ist das Eigen-
tiimliche der heutigen Gedankenwelt, wie sie iiberall in der Wissen-
schaft angewendet wird, dafi sie ganz passiv, untatig, inaktiv ist. Dafi
gar kein Schopferisches in den Gedanken ist, das hangt mit unserer
ganz in die heute passive Wissenschaft eingetauchten Erziehung zu-
sammen. Der Mensch wird schon so gebildet, so erzogen, dafi er nur
ja nicht zu einem schopferischen Gedanken kommt, denn man hat
gleich Angst, kame er zu einem schopferischen Gedanken, so wiirde
er nicht die objektive Wirklichkeit feststellen, sondern irgend etwas
dazu tun. Das sind die Dinge, die erfalk werden miissen. Nun aber, wie
kann man zu schopferischen Gedanken kommen? Sehen Sie, zu schop-
ferischen Gedanken kann man nur dann kommen, wenn man wirklich
Menschenerkenntnis entwickelt; denn der Mensch lafit sich nicht un-
schopferisch erkennen, weil er dem Wesen nach schopferisch ist. Man
mufi nachschaffen, wenn man erkennen will. Man kann mit dem pas-
siven Denken heute nur die Peripherie des Menschen erfassen, mufi sein
Inneres liegen lassen. Man mufi das Hineingestelltsein des Menschen in
die Welt wirklich erfassen. Deshalb wollen wir uns heute gewisser-
mafien etwas wie ein Ziel, das am Ende einer weiten Perspektive liegt,
das uns aber die Gedanken schopferisch machen kann, und wirklich
auch das Geheimnis in sich schliefit, die Gedanken schopferisch zu
machen, das wollen wir uns einmal vor die Seele hinstellen und dabei
manches in unsere Betrachtungen aufnehmen, das Sie schon aus den
allgemeinen anthroposophischen Vortragen wissen.
Denken wir uns einmal schematisch, meine lieben Freunde, das im
Werden wandelnde Weltenall in Form, nun ja, eines Umkreises (Ta- Tafeln
fel 11). Wir diirfen das schematisch aus dem Grunde, weil ja tatsach-
lich das werdende Weltenall in der Zeit eine Art rhythmischer Wieder-
holung darstellt, allerdings in aufsteigender Linie, in absteigender Linie
in bezug auf manche Erscheinungen, aber uberall finden wir im Wel-
tenall etwas wie Tag- und Nachtrhythmus, sonstige Rhythmen, gro-
fiere Rhythmen, die da verlaufen zwischen Eiszeit und Eiszeit und so
weiter. Wenn wir uns zunachst an denjenigen Rhythmus halten, der fiir
die menschliche Wahrnehmung derjenige mit den grofiten Intervallen
ist, dann kommen wir auf das sogenannte platonische Jahr, das ja
immer, als die Weltenbetrachtungen noch besser waren, eine grofte
Rolle in diesen Anschauungen und menschlichen Weltbetrachtungen
spielte.
Dieses platonische Jahr, man kommt zu ihm dadurch, dafi man be-
obachtet den Aufgangspunkt der Sonne am Morgen an dem Tage, wo
der Fruhling seinen Anfang nimmt, am 21. Marz des Jahres. Da geht
die Sonne an einem bestimmten Punkt des Himmels auf. Man kann
diesen Punkt im Sternbild sehen, man notiert ja diesen Punkt durch
alle Zeiten hindurch, denn er andert sich um ein kleines Stuck jedes
Jahr. Wenn man, sagen wir, im vorigen Jahr beobachtet hat den Friih-
lingspunkt genau an seinem Orte am Himmel nach den anderen Ster-
nen, also 1923 beobachtet hat, ihn 1924 wieder beobachtet hat, so liegt
der diesjahrige Aufgangspunkt der Sonne nicht an derselben Stelle,
sondern er liegt verschoben in der Richtung, die man sich ziehen kann
eben dadurch, daft man das Sternbild des Stieres mit dem Sternbild der
Fische durch eine Linie verbindet. In dieser Richtung des Zodiakus
verschiebt sich der Friihlingspunkt. So ist er jedes Jahr um ein Stiick-
chen verschoben. Das weist hin darauf, dafi in der ganzen Konstel-
lation der Sternenwelt mit jedem Jahr eine Verschiebung stattfindet,
die in dieser Weise registriert werden kann. Wenn man nun priift, wie
sich die Summe dieser Verschiebungen ausnimmt - Sie konnen es ja se-
hen, wenn eine Verschiebung stattfindet -, ist er in dem Jahre da, in
dem Jahre da und so weiter. Einmal kommt die Verschiebung bis hier-
her, einmal bis hierher, bis sie auf denselben Punkt zuriickkommt. Das
heifit, es mufi nach einem gewissen Zeitraum der Friihlingspunkt wie-
117
der an demselben Himmelsorte stehen. Es ist also eine einmalige Um-
drehung des ganzen Sonnenweges in bezug auf den Morgenaufgang
eingetreten. Wenn man das berechnet, so geschieht es alle 25 920 Jahre
im Durchschnitt. So haben wir einen Rhythmus erfalk, der das grofke
Intervall enthalt, das dem Menschen zunachst in der Wahrnehmung
zuganglich ist: das platonische Weltenjahr, das 25920 unserer Jahre
ungefahr dauert.
Da haben wir hinausgeblickt in die Weltenweiten, und wir stolen
da gewissermafien mit unseren Gedanken an etwas, woran die Zahlen,
die wir entwickeln, abprallen. Wir stofien an etwas, wie an eine Wand,
mit unserem Denken. Dariiber hinaus geht das Denken zunachst nicht.
Da mufi dann das Hellsehen kommen, das da hinausgeht. Aber es geht
zunachst nicht hinaus das Denken. Alle Entwickelung lauft innerhalb
dessen ab, was da umschlossen wird von diesen 25 920 Jahren, und wir
konnen ganz gut, wenn wir wollen, diesen Umfang, der allerdings
nicht durch Raum, sondern durch Raum-Zeit abgeschlossen ist, wir kon-
nen ihn vorstellen als eine Art kosmische Uteruswand. Wir stellen ihn
Tafel n also vor als dasjenige, was uns im weitesten Weltenraum umgibt (Tafel
11, rot-gelb). Und jetzt gehen wir von diesem, was uns da im weitesten
Weltenraum umgibt als den Rhythmus, der in sich tragt die grofiten
Intervalle, die wir haben, zu demjenigen, was uns zunachst im Men-
schen als ein kleineres Intervall erscheint, zum Atemzug.
Sehen Sie, da miissen wir natiirlich wiederum approximative Zah-
len annehmen, wenn wir den Atemzug nehmen: Achtzehn Atemziige
in der Minute; und rechnen aus, wieviel das im Tage Atemziige sind,
bekommen wir ja 25 920 Atemziige pro Tag beim Menschen.
Wir haben denselben Rhythmus, den wir draufien haben, mit den
grofien Intervallen, im Menschen, im Mikrokosmos mit kleinsten In-
tervallen. Da lebt also der Mensch in einem Weltenall, das er nachbil-
det in dem Rhythmus, der der Rhythmus des Weltenalls selber ist. Nur
fur den Menschen, nicht fur das Tier, denn gerade in diesen feineren
Erkenntnissen sieht man erst recht den Unterschied zwischen Mensch
und Tier. Fur den Menschen ist es ja so, dafi die Kompaktheit, das
Wesenhafte seines physischen Leibes nur erkannt werden kann, wenn
man es zuriickfiihrt auf das platonische Weltenjahr. 25 920 Jahre, dar-
innen wurzelt das Wesen unseres physischen Leibes. Sehen Sie einmal
nach in meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi», welche groften Zeit-
raume, zunachst durch anderes als durch Zeit-Raum bestimmt, durch
die Metamorphose Sonne, Mond, Erde, welche Dinge zusammengetra-
gen werden mufken, nicht in quantitativ zahlenmafliger Weise, um
den menschlichen physischen Leib, so wie er heute ist, zu verstehen aus
seinen Elementen heraus.
Gehen wir dann in die Mitte herein, wo wir die 25 920 Atemziige
haben (Tafel 11), die sozusagen den Menschen hineinstellen in die Mitte Tafel n
des Weltenuterus, dann kommen wir an das Ich heran. Denn in die-
sen Atemziigen zusammen mit dem, was ich gesagt habe iiber die
Atmung, die nach dem oberen Menschen geht und sich zu dem soge-
nannten Geistesleben verfeinert, in der Atmung liegt ja die Auspra-
gung des individuellen Menschenlebens auf Erden. Hier haben wir
also das Ich. Wie wir den Zusammenhang erfassen mussen unseres
physischen Leibes mit den grofien Zeitraumen, mit dem platonischen
Weltenjahr, so mussen wir den Zusammenhang unseres Ichs, das wir
ja spur en konnen in jeder Unregelmaftigkeit des Atems, mit unserem
Atmungsrhythmus ins Auge fassen.
Sehen Sie, zwischen diesen beiden Dingen liegt des Menschen Leben
auf Erden, zwischen Atemzug und Weltenjahr liegt das Menschenleben.
Durch die Atemziige wird geregelt alles dasjenige, was fur das Ich be-
deutsam ist. In jenen kolossalen Vorgangen, welche durch den Rhyth-
mus von 25 920 Jahren geregelt werden, liegt das Leben unseres phy-
sischen Leibes. Was im physischen Leib vorgeht an Gesetzmafiigkeit,
hangt so zusammen mit dem grofien Rhythmus des platonischen Wel-
tenjahres, wie unsere Ich-Tatigkeit zusammenhangt mit dem Rhyth-
mus unseres Atmens. Zwischen beiden drinnen liegt das Menschen-
leben, das wieder fiir uns eingeschlossen ist zwischen physischem Leib,
Atherleib - astralischem Leib und Ich. Wir konnen von einem gewis-
sen Gesichtspunkte aus sagen, das Menschenleben auf Erden liegt zwi-
schen physischem Leib, Atherleib - astralischem Leib und Ich, und
von einem anderen Gesichtspunkte aus sagen, das Menschenleben vom
gottlich-kosmischen Aspekte angesehen, liegt zwischen dem Atmen
eines Tages und zwischen dem platonischen Weltenjahr. Das Atmen
139
eines Tages ist ein Ganzes dadurch. Das Atmen eines Tages gehort
dadurch zusammen mit dem, was Menschenleben ist.
Nun betrachten wir aber von diesem kosmischen Standpunkte aus,
was zwischen dem menschlichen Atmen, also zwischen dem Weben
und Wesen des Ich und dem Geschehen eines platonischen Welten-
jahres, also dem Leben und Treiben drauften im Makrokosmos, was da
dazwischen liegt. Sehen Sie, mit dem, was in unserem Atmungsorga-
nismus wirken will, ist es so, daft mit der vierundzwanzigstiindigen
Atmung des Tages, mit dem, was da drinnen liegt zwischen diesem
Atmen und dem, was wir in dieser Atmung als einen ganzen Atmungs-
rhythmus haben, wir jedesmal begegnen jenem Rhythmus, der als Tag-
und Nachtrhythmus da ist und zusammenhangt mit dem Sonnen-
wesen, wie es im Verhaltnis zum Erdenwesen steht. Im taglichen Auf-
und Untergehen der Sonne, im Hingehen der Sonne iiber das Himmels-
gewolbe, im Verdunkeln der Sonne durch die Erde, in diesem taglichen
Herumgehen der Sonne liegt dasjenige, dem wir begegnen mit unserem
Atmungsrhythmus.
Aber damit kommen wir beim Tag an, beim Tag von vierund-
zwanzig Stunden, beim menschlichen Tag von vierundzwanzig Stun-
den kommen wir da an. Und jetzt rechnen wir da weiter, wie wir uns
da gewissermaften aus dem Atmen heraus in die Welt hineinarbeiten.
Rechnen wir das einmal aus, wie wir uns da hineinarbeiten in das-
jenige, was wir begegnen jetzt im Tageslauf des Makrokosmos, wie wir
zunachst in ihm drinnenstehen. Sehen Sie, da konnen wir rechnen:
Tafel 12 Wir haben einen Tag, nehmen das Jahr meinetwegen zu dreihundert-
sechzig Tagen - die Dinge konnen ja approximativ sein -, dann haben
wir dreihundertsechzig Tage. Jetzt rechnen wir ungefahr das Men-
schenleben zu zweiundsiebzig Jahren, das patriarchalische Alter, das
angenommen worden ist, und wir bekommen 25 920 Tage. Wir haben
ein Menschenleben, das wieder ein Ganzes darstellt in zweiundsiebzig
Jahren, das einen Rhythmus darstellt, in dem es sich in die Welt hin-
einstellt, der der gleiche Rhythmus des platonischen Sonnenjahres ist.
Wir stellen uns mit unserem Atmungsrhythmus in unser ganzes
Menschenleben so hinein, dafi wir es regeln nach dem Rhythmus 25 920.
Wir kommen an bei demjenigen, was nun so in diesem Menschenleben
drinnensteht, wie der Atmungszug im Tage steht. Nun, was steht denn
in den zweiundsiebzig Jahren, in den 25920 Tagen so drinnen, wie
der Atmungszug, die Ein- und Ausatmung im Atmungszug drinnen-
steht? Was steht da so drinnen? Wir haben erstens Ein- und Ausatmung.
Die erste Phase des Rhythmus. Wir haben zweitens: wahrend des Ta-
ges, da stellen wir uns hinein in das Leben, erleben im Leben auch etwas
25 920 mal. Was denn? Schlafen und Wachen. Wir kommen zum zwei-
ten: Schlafen und Wachen. Das wiederholt sich, der Wechselzustand
von Schlafen und Wachen im Laufe des Menschenlebens 25 920 mal,
ebenso wie sich das Einatmen und Ausatmen 25 920 mal im Laufe eines
Tages, wahrend eines Sonnenumganges wiederholt. Aber bedenken Sie,
was ist denn dann Einschlafen und Aufwachen, Einschlafen-Aufwa-
chen, Einschlafen- Aufwachen? Jedesmal, wenn wir einschlafen, atmen
wir nicht blofi Kohlensaure aus, sondern wir atmen aus als physischer
Mensch unseren astralischen Leib und unser Ich. Beim Aufwachen
atmen wir es wieder ein. Das ist ein langerer Atemzug, der vierund-
zwanzig Stunden, ein Tag dauert. Das ist ein zweites Atmen, das sich
in demselben Rhythmus bewegt. Wir haben also das kleinste Atmen,
das im gewohnlichen Ein- und Ausatmen besteht. Wir haben das gro-
fiere Atmen, wo der Mensch schon in die Welt hinauswachst, dasjenige,
was sich im Schlafen und Wachen auslebt.
Gehen wir weiter. Probieren wir jetzt einmal, wie so ein Menschen-
leben von zweiundsiebzig Jahren im Durchschnitt sich in das plato-
nische Weltenjahr hineinstellt. Diese zweiundsiebzig Jahre, rechnen
wir sie so, als ob sie auch einem Jahre angehoren, einem ganzen Jahre,
das aus solchen Tagen besteht, die ein Menschenleben sind. Rechnen
wir also ein grofies Weltenjahr, dessen einzelne Tage ein Menschen-
leben sind und rechnen wir dieses Weltenjahr auch zu 360 Tagen, das
heifit zu 360 Menschenleben; wir bekommen: 72 mal 360 Menschen-
leben = 25 920 Jahre, just das platonische Jahr.
Was tun wir aber denn da, wenn wir dieses platonische Jahr absol-
vieren? Wir fangen das Leben an und sterben. Was tun wir im Ster-
ben? Im Sterben atmen wir mehr aus als unseren astralischen Leib
und Ich mit Bezug auf unsere Erdenorganisation. Wir atmen den
Atherleib heraus ins Weltenall. Ich habe das oft dargestellt, wie der
Atherleib ausgeatmet wird ins Weltenall, wie er sich verbreitet im
Weltenall. Wenn wir wieder zuriickkommen, atmen wir wieder einen
Atherleib ein. Das ist ein Riesenatmen. Ein Ather Ein- und Ausatmen.
Am Morgen atmen wir Astralisches ein. Mit jedem Atemzug atmen
wir Sauerstoff ein, aber mit jedem Erdensterben atmen wir den Ather
aus, und mit jedem Erdenleben atmen wir den Ather ein.
Da haben wir also das dritte: Leben und Tod. Wenn wir das Leben
so auffassen, dafi wir das Leben als das Leben in der Erde auffassen,
und den Tod als das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, kommen
wir an beim platonischen Weltenjahr, indem wir zum kleinsten Atmen
zunachst das grofiere Atmen, und dann zum grofieren Atmen das
grofite Atmen hinzufiigen.
1 1. Ein- und Ausatmung
kleinstes Atmen
2. Schlaf en und Wachen
grofieres Atmen
3. Leben, Tod
grofites Atmen
Und so stehen wir zunachst, ich mochte sagen, in der Sternenwelt.
Auf der einen Seite ruhen wir nach innen auf unserer Atmung, auf der
anderen Seite ruhen wir nach aufien auf dem platonischen Weltenjahr.
Dazwischen spiel t sich unser Menschenleben ab, aber in diesem Men-
schenleben selber offenbart sich wieder der gleiche Rhythmus.
Aber was kommt denn nun in diesen Zwischenraum hinein, zwi-
schen dem platonischen Weltenjahr und zwischen unserem Atemzug?
Versuchen wir einmal dasjenige, was wir auf Grundlage des Rhyth-
mus gewissermafien zahlenmafiig so gefunden haben, wie ein Maler,
der den Grund macht, um dann darauf zu malen, versuchen wir, nach-
dem wir diesen Grund gemacht haben, darauf zu malen. Da finden
wir, daft sich sowohl mit dem platonischen Weltenjahr, wie auch mit
kleineren Zeitenrhythmen, aber ganz offenbar mit dem Jahresrhyth-
mus, abspielt ein fortwahrender Wechsel in der aufieren Welt, den wir
auch wahrnehmen, und den wir am leichtesten wahrnehmen, wenn wir
ihn betrachten zunachst in den Qualitaten von warm und kalt. Wir
brauchen nur daran zu denken, dafl der Winter kalt ist, der Sommer
warm ist, so haben wir das, was sich im Hintergrund als Zahlen aus-
nimmt, das haben wir qualitativ in Warme und Kalte; und der Mensch
steht mit seinem Leben drinnen in diesem Wechsel von Warme und
Kalte. Ja, sehen Sie, drauften darf es den Zeitenwechsel geben zwischen
Warme und Kalte, gibt ihn auch, und der sogenannten Natur, wenn
sie zwischen Warme und Kalte abwechselt, ist dieser Zeitenwechsel
auch ganz heilsam. Das darf der Mensch nicht machen. Der mufi
gewissermafien eine normale Warme, eine normale Kalte - je nach-
dem man es relativ betrachtet - in sich bewahren. Er mufi also inner-
liche Krafte entwickeln, durch die er die Sommerwarme fur den Win-
ter aufspart und die Winterkalte fur den Sommer aufspart. Er mufi
ausgleichen im Inneren, richtig im Inneren ausgleichen, fortwahrend
in der menschlichen Organisation so tatig sein, daft sie zwischen Warme
und Kalte, auch wie sie draufien in der Natur sich abspielt, ausgleicht.
Es sind Wirkungen im menschlichen Organismus, die man gar nicht
beachtet. Er tragt innerlich den Sommer in den Winter, den Winter
in den Sommer hinein. Wenn es Sommer ist, tragen wir in uns hinein
das, was unser Organismus erlebt hat im Winter. Wir tragen durch den
Friihlingspunkt hindurch bis nach Johanni hinein den Winter mit,
dann gleicht sich das aus. Geht es gegen den Herbst zu, fangen wir an,
den Sommer weiter mitzutragen, tragen ihn bis zu Weihnachten, bis
zum 21. Dezember, dann gleicht es sich wieder aus. So daft wir die-
sen Wechsel von Warme und Kalte fortwahrend ausgleichend in uns
tragen. Aber was machen wir da?
Sehen Sie, wenn man jetzt untersucht, was man damit macht, so
kommt man zu einem aufierordentlich interessanten Resultat. Wenn
man den Menschen so auffafit (Zeichnung S. 144), dann kommt man Tafel 12
dazu, anzuerkennen schon durch eine oberflachliche Anschauung, dafi
sich alles dasjenige, was als Kalte auf tritt im Inneren des Menschen, mit
der Tendenz zeigt, nach dem Nerven-Sinnesmenschen hinzugehen. So
daft man heute nachweisen kann: alles, was als Kalte wirkt, Winter-
liches, ist beteiligt an der Kopfbildung des Menschen, an der Sinnes-
Nervenorganisation. Alles, was sommerlich ist, alles, was Warme ent-
halt, ist beteiligt am Stoffwechsel-Gliedmaftensystem des Menschen.
Schauen wir auf unseren Stoffwechsel-Gliedmafienmenschen hin, so
tragen wir eigentlich in unserer Organisation alles Sommerliche.
Schauen wir auf unsere Nerven-Sinnesfunktionen hin, so tragen wir
in ihnen eigentlich alles dasjenige, was wir an Winterlichem aus dem
Weltenall in uns aufnehmen. So leben wir mit unserem Kopf alle Win-
ter, mit unserem Stoffwechsel-Gliedmafienorganismus alle Sommer,
und schaffen im Inneren durch den rhythmischen Organismus den
Ausgleich, schopfen hin und her Warme und Kalte, Warme und Kalte
zwischen Stoffwechselsystem und Kopfsystem und kommen zu dem,
was das iibrige erst regelt. Die Warme des Stoffes ist ja erst eine Folge
der Warmevorgange, und die Kalte der Stoffe ist erst eine Folge der
Kaitevorgange. Wir kommen auf ein Spiel des Weltenrhythmus in der
menschlichen Organisation. Wir kommen dazu, uns zu sagen: Winter
im Makrokosmos ist das Schopferische in der menschlichen Kopfes-
beziehungsweise Nerven-Sinnesorganisation. Sommer im Makrokos-
mos ist das Schopferische im Stoffwechsel-Gliedmafiensystem des
Menschen.
Sehen Sie, schaut man so hinein in die menschliche Organisation,
dann hat man wieder einen Anhaltspunkt fur jene Initiatenmedizin,
Tafel 12
von der ich geredet habe, daft sie zunachst einen Anfang nimmt mit
dem Buch, das Frau Dr. Wegman mit mir ausgearbeitet hat. Man hat
einen Anfang von dem, was immer mehr und mehr wirklich eingrei-
fen mufi in die Wissenschaft.
Kriechen wir jetzt hinauf auf die Felsen, wo die Winterpflanzen
wachsen, wo der Boden so ist, daft die Winterpflanzen wachsen, wir
kommen an dasjenige in der Auftenwelt, was mit der Organisation des
menschlichen Kopfes zusammenhangt. Nehmen wir an, wir seien jetzt
ein Heilmittelsammler in der Welt und wir wollen dafiir sorgen, daft
jene Geisteskrafte, die bei einer in der Nerven-Sinnesorganisation wur-
zelnden Krankheit auftreten, geheilt werden durch den Geist in der
Auftenwelt, kriechen wir hinauf in die hohen Berge, sammeln dort die
Mineralien und Pflanzen und bringen von dort die Heilmittel fiir die
Kopfkrankheiten. Wir verfahren aus unserem schopferischen Denken
heraus. Es bringt unsere Beine in Schwung zu jenen Dingen in der
Erde, wo wir das Entsprechende finden miissen. Die richtigen Gedan-
ken, die aus dem Kosmos stammen, miissen beschwingen das mensch-
liche Handeln bis in das Konkrete hinein. Unbewufit tun sie das ja
dadurch, daft der im Biiro arbeitende Mensch, der ja auch Gedanken
hat, wenigstens manchmal, daft der nun durch seinen Instinkt getrie-
ben wird, da nun allerlei Wanderungen zu machen. Nur weifi man
nicht den Zusammenhang dafiir. Es ist ja auch nicht so wichtig. Das
wird erst wichtig, wenn man es in medizinischer oder priesterlicher
Beobachtung sieht. Aber ein genaues Betrachten der Welt gibt auch
eine Befliigelung zu dem, was man im einzelnen zu tun hat.
Und wieder, merken wir Krankheiten im Stoffwechsel-Gliedmaft en-
system, da dringen wir mehr an das Irdisch-Pflanzenhafte und an das
Irdisch-Mineralische vor, sehen wir nach dem, was sedimentiert, nicht
nach dem, was in kristallinischer Weise oben wachst, und bekommen
da das mineralische und pflanzliche Heilmittel. Und so ist es schon so,
daft das Zusammenschauen von Vorgangen im Makrokosmos mit dem-
jenigen, was im Menschen ist, wirklich hiniiberfuhrt von der Pathologie
in die Therapie.
Sehen Sie, diese Dinge miissen eben wieder ganz klar durchschaut
werden. Die alten Zeiten haben solche Zusammenhange gut erkannt.
Hippokrates ist eigentlich schon eine Art Spading mit Bezug auf alte
Medizin. Aber lesen Sie etwas nach in seinen angeblichen Schriften,
die aber wenigstens noch in seinem Geiste gehalten sind, Sie werden
dieseAuffassung durchaus uberall spuren.Da ist uberall etwas von dem
darinnen, was im Einzelnen, Konkreten anknupft an diese grofie Ober-
schau, die man durch so etwas haben kann. Dann kommen die spateren
Zeiten, wo fiir das menschliche Anschauen solche Dinge nicht mehr da
waren, wo die Menschen immer mehr und mehr hineingekommen sind
in das bloft abstrakte intellektualistische Denken und in das aufierliche
Naturbeobachten, das dann zum blofien Experiment gefiihrt hat. Es
mufi wieder der Weg zuriick gefunden werden zu demjenigen, was
einmal Schauen des Zusammenhanges war zwischen Mensch und Welt.
So sehen Sie, leben wir als Menschen auf der Erde, indem wir zwi-
schen unserem Ich und unserem physischen Leib leben; zwischen Atem-
zug und Weltenjahr, platonischem Weltenjahr - da leben wir drinnen
und grenzen mit unserem Atemzug an den Tag an. Woran grenzen
wir mit unserem physischen Leib? Mit dem platonischen Weltenjahr? -
Da grenzen wir an die aufiersten Verkettungen und Zusammenhange im
Klimawechsel in den grofien Naturvorgangen, verandern in diesen
grofien Naturvorgangen unsere Gestalt, die menschliche Gestalt, so
dafi aufeinanderfolgende Rassenbildungen erscheinen und so weiter.
Wir grenzen aber auch an alles dasjenige, was in kiirzerem aufierem
qualitativen Wechsel geschieht, wir grenzen an dasjenige, was die auf-
einanderfolgenden Jahre uns bringen, die Tage uns bringen, kurz, wir
entwickeln uns als Mensch zwischen diesen beiden aufiersten Grenzen,
emanzipieren uns aber in der Mitte, weil in der Mitte auch im Makro-
kosmos ein merkwurdiges Element eingreift.
Man kann ja tatsachlich in Bewunderung versinken, wenn man die-
sen nach 25 920 Jahren ungef ahr geordneten Rhythmus auf sich wir-
ken lafit. Es ergibt ja das wirklich bewundernde Versenken dasjenige,
was zwischen Weltall und Mensch sich abspielt. Und wenn man sich da
ganz hineinversenkt, dann erscheint einem einschliefilich des Menschen
die ganze Welt nach MafS, Zahl und Gewicht geordnet. Alles ist,
mochte ich sagen, wunderbar geordnet, nur ist es trotzdem Menschen-
berechnung. Deshalb aber miissen wir an den entscheidenden Stellen,
wenn wir sie etwas auseinandersetzen - trotzdem es gilt, trotzdem es
drinnen ist — , miissen wir immer an die entscheidenden Stellen das
merkwiirdige Wort approximativ einfiigen. Es geht immer nicht ganz
auf. Es ist darinnen die Rationalitat, sie ist darinnen, sie ist da, sie
lebt, sie wirkt: es lebt alles das, was ich beschrieben habe. Nun stellt
sich etwas hinein, etwas ganz I r rationales im Weltenall, was macht,
dafi, wenn wir uns noch so sehr vertiefen, bewundernd darin aufge-
hen - sogar als Initiat meinetwegen -, wenn wir irgendeinen Weg ma-
chen durch ein paar Stunden, wir doch einen Regenschirm mitnehmen,
auch als Initiaten. Wir nehmen einen Regenschirm, weil nun etwas
eintritt, was den Irrationalismus hat, wo dasjenige sich offenbart in
der Realitat, was in den Zahlen doch immer nicht aufgeht, dafi man
Schaltjahre, Schaltmonate, alles mogliche braucht. Man hat ja zur
Zeitbestimmung das immer gebraucht. Dasjenige, was die ausgebil-
dete Astronomie, die in Astrologie und Astrosophie hinein vertiefte
Astronomie - denn man kann sich das so ausgebildet denken -, was
die bietet, das wird alles wieder zerstort fur das unmittelbare Leben
durch die Meteorologie, die es nicht zum Rang einer rationalen Wis-
senschaft bringt, die vom Schauen schon etwas durchdrungen wird,
von weiterem Schauen immer mehr durchdrungen wird, die aber einen
ganz anderen Weg nimmt, die in dem darinnen lebt, was ubrigbleibt
von den anderen. Und gerade wenn wir die heutige Astronomie neh-
men, die lebt ja wirklich in Namen, die ist wirklich eine Sternnamens-
gebung, sonst weiter nichts. Deshalb hat ja auch «Serenissimi» Ver-
standnis aufgehort beim Namengeben der Sterne. Er besuchte die
Sternwarte seines Landes, liefi sich verschiedenes zeigen, ferne Sterne
durch die Teleskope, und dann sagte er, nachdem er das gesehen hatte:
Das alles begreife ich. Aber wie Sie wissen, was dieser Stern, der da so
weit draufien ist, was der fiir einen Namen hat, das begreife ich nicht. -
Sehen Sie, es gibt ja den Standpunkt selbstverstandlich, den Sie in die-
sem Augenblicke einnehmen, dafi Sie iiber Serenissimus lachen. Es gibt
auch einen anderen Standpunkt, daf5 man so auch iiber den Astrono-
men lacht. Ich mochte iiber den Astronomen mehr lachen, denn im
Weltengange steht etwas sehr Merkwiirdiges darinnen.
Wenn Sie nach den alten Benennungen Saturn und so weiter for-
schen, miissen Sie sich, um etwas zu begreifen, ein bifichen an unseren
Sprachkurs erinnern, in dem die allermeisten von Ihnen drinnen sind,
miissen sich erinnern, dafi die alten Namen gegeben worden sind nach
den Lautempf indungen, die die Astrologen und Astrosophen bei einem
bestimmten Stern hatten. Und wir konnen iiberall bei den alten Ster-
nennamen sagen: sie sind gottgegeben, sie sind geistgegeben. Sie wur-
den gefragt, wie sie heifien, die Sterne, weil man den Ton des Sternes
wahrnahm und immer darnach den Namen gab. Ja, nun gehen Sie bis
zu einer gewissen Grenze in der astrosophischen, astrologischen Ent-
wickelung. Sie mufiten die Namen vom Himmel herunterholen. Gehen
Sie in die neuere Zeit hinein, wo die grofien Entdeckungen gemacht
worden sind mit den kleinen Sternwichten zum Beispiel, ja, da kollert
alles durcheinander. Da heifit der eine Andromeda, der andere hat
einen anderen griechischen Namen, da kollert alles willkiirlich durch-
einander. Man kann nicht den Neptun oder Uranus in derselben Weise
mit seinem Namen belegt denken wie den Saturn. Das alles ist mensch-
liche Willkur und Serenissimus hat nur den einen Fehler gemacht, daft
er geglaubt hat, die Astronomen haben so fortgefahren wie die alten
Astrosophen. Das haben sie nicht getan. Es ist eben nur menschliche
Beschranktheit darinnen, wahrend das Wissen der Astrosophen der
alten Zeiten, der Astrologen der alteren Zeiten hervorgegangen ist aus
dem Verkehr der Menschen mit den Gottern. Aber gerade wenn man
heute wieder aufriickt von der Astronomie zur Astrologie, zur Astro-
sophie und dadurch lebt in etwas wie in einem Makrokosmos, der
iiberall die Ratio hat, da reicht man hin bis zur Sophia. Dann findet
man auf der anderen Seite, wie innerhalb dieser Ratio und Sophia in den
Dingen, die nicht aufgehen in der Rechnung, darinnen lebt die Meteo-
ronomie, Meteorologie und Meteorosophie, die man eigentlich immer
nur nach ihrem eigenen freien Willen befragen kann. Das ist eine andere
Dame. Aufierlich, im gewohnlichen physischen Leben, nennt man sie
launisch. Aber das Meteorologische ist ziemlich launisch von denTages-
regen bis hinauf zu den Kometen. Aber indem man sich immer mehr hin-
auflebt von der Meteorologie zu der Meteorosophie, kommt man auch
auf bessere Eigenschaften dieser Weltregiererin, auf diejenigen Eigen-
schaften, die nicht blofi aus der Laune, aus der kosmischen Emotion
sind, ich mochte sagen, die aus der inneren Herzlichkeit dieser Dame
kommen. Aber es geht eben nicht anders, meine lieben Freunde, als dafi
man dem Rechnen, dem Denken, alle dem, was sich rationell verfol-
gen lafit, auch gegenuberstellt die unmittelbare Bekanntschaft mit den
Weltenwesen, sie kennenlernt, so wie sie sind. Da zeigen sie sich, sie
sind da, zunachst sind sie etwas sprode, sie sind nicht aufdringlich.
Beim Rechnen kommt man immer weiter und weiter heran, allerdings,
aber man kommt von dem eigentlichen Weltenwesen immer mehr ab.
Man kommt nur in zuriickgebliebene Taten hinein.
Kommt man vom gewohnlichen groben Berechnen zum rhyth-
mischen Berechnen, wie es fur die Spharenharmonie war die Astro-
logie, so kommt man vom rhythmischen Berechnen zum Anschauen der
Weltenorganisation in Figuren, Zahlen, die da sind in der Astrosophie.
Aber man kommt nach der anderen Seite hin, ich mochte sagen so, daft
sich schon die regierenden Weltenwesen etwas sprode erweisen. Sie
sind nicht gleich da. Zuerst zeigen sie einem nur eine Art Akasha-
Photographie, von der man aber nicht recht weifi, woher sie einem
zugeworfen wird. Da hat man die Welt, aber eben nur uberall im
Weltenather gezeichnete Photographien. Aber man weifi nicht, wo sie
herkommen.
Dann tritt die Inspiration ein. Da fangt das Wesen an, durch das Bild
heraus sich selber kundzugeben. Wir gehen zunachst aus der Nomie
blofi zur Logie. Erst wenn wir ganz durchdringen zur Intuition, dann
folgt der Inspiration das Wesen selber, wir kommen an die Sophia. Das
ist aber ein personlicher Entwickelungsweg, der den ganzen Menschen
in Anspruch nimmt, der auch Bekanntschaft machen mufi mit einer
solchen Dame, die sich hinter der Meteorologie verbirgt, in Wind und
Wetter, in Mond und Sonne, insoferne sie eingreifen in die Elemente.
Da mufi nicht nur der Kopf sich engagieren wie bei der Logie, sondern
der ganze Mensch.
Nun konnen Sie aber daraus ersehen, dafi schon auch eine Mog-
lichkeit vorliegt, in dieser Beziehung, sich auf einen Irrweg zu begeben,
denn Sie konnen auch in der Anthroposophie, indem Sie von der An-
throponomie, die eigentlich heute die allein herrschende Wissenschaft
ist, zur Anthropologic kommen, konnen Sie zur Anthroposophie kom-
men mit dem Kopf. Da haben Sie dann lediglich die Ratio, aber die
Ratio lebt nicht. Sie bezeichnet nur die Spuren des Lebens, wo es nicht
darauf ankommt, dafi man die Einzelheiten beriicksichtigt. Das Le-
ben lebt aber gerade in den Einzelheiten, in dem Irrationalen. Da miis-
sen Sie hinunterleiten, was der Kopf erfafit hat in den ganzen Men-
schen, und mit dem ganzen Menschen dann aufriicken von der Nomie
zur Logie, zur Sophia.
Das ist dasjenige, was wir fiihlen mussen, wenn wir beleben wollen
Theologie auf der einen Seite, Medizin auf der anderen Seite durch
dasjenige, was wirklich beides beleben kann, die Pastoralmedizin. Das
ist dasjenige, was wir dann morgen durch einige Spezialbetrachtungen
schliefien wollen. Aber die Hauptsache ist diese, dafi wir zuerst beim
ersten Anhub des Hineingehens in die Pastoralmedizin die Wege ken-
nenlernen, in denen sich in der Betrachtung der Welt die Pastoralme-
dizin bewegen mufi.
ELFTER VORTRAG
Dornach, 18, September 1924
Meine lieben Freunde! Pastoralmedizin, wie sie hier gedacht wird,
kann ja im Grunde genommen nur angesehen werden als etwas, was
wiederum herausgeholt wird aus spirituellem Erkennen, spirituellem
Forschen und das wieder einen Sinn bekommt, wenn uberhaupt das
Bewufttsein in die Menschheit gelegt wird, daft Spirituelles positiv
wirksame Krafte enthalt. Denn in der Zeit, die den Materialismus
entwickelt und ausgestaltet hat, ist es ja nicht denkbar, daft man sich
zu dem Spirituellen so gestellt hatte, daft man darin irgend etwas, was
nun auch einer Behandlung wert ist, gesehen hatte. Dies allerdings,
auf das Geistige hinzuschauen, zu suchen gerade im Geistigen dieje-
nigen Moglichkeiten, die zu Heilwerten fuhren, das war im eminen-
testen Sinne da innerhalb der alten Mysterienerkenntnis, und es wird
sich dasjenige, was wir zur Abrundung unserer Betrachtungen noch
werden zu besprechen haben, heute anschlieften diirfen an eine Art
Ankniipfung der medizinischen Stromung, die nun hier ausgehen soil
vom Goetheanum, an altes Mysterienwesen.
Es ist in der Tat am richtigsten die Sache aufgefafit im historischen
Zusammenhang, wenn das, was hier gewollt wird, in Ankniipfung ge-
dacht wird an allerdings ganz andersgeartete Forschungsmethoden,
aber an Forschungsmethoden und an das kiinstlerische Heilverfah-
ren im alten Mysterienwesen. Nun werden Sie selbstverstandlich, meine
lieben Freunde, dasjenige, was dieser kurze Kursus iiber Pastoral-
medizin geboten hat, nur als eine Anregung gewissermaften im er-
sten Kapitel zu betrachten haben, und als den Beginn des Ausbaues
einer Pastoralmedizin, die immer weiter und weitergehen wird durch
die Arbeit, die hier von Frau Dr. Wegman und mir geleistet zu wer-
den hat.
Nun, meine lieben Freunde, mochte ich da zunachst darauf auf-
merksam machen, wie die Initiaten der alten Mysterien beschrieben
den Weg ihrer Initiation, jenen Weg, der insbesondere dort gegangen
worden ist, wo die Mysterien eingelaufen sind in die Heilmysterien.
Im Grunde genommen waren alle Mysterien verbunden mit Heil-
mysterien, aber die einen mehr, die anderen weniger. Es waren alle
damit verbunden, weil man Heilen eben als in Zusammenhang stehend
mit der ganzen menschlichen Zivilisationsentwickelung ansah. Das
hat tiefere Grunde. Der Mensch der alten Zeit sagte sich: Wenn die
menschliche Individuality herunterkommt aus geistigen Welten in
die physische Erdenwelt durch Konzeption und Geburt, dann tritt
das Geistig-Seelische in jene Verwandlung ein, durch die es einen Men-
schenleib physisch gestalten kann. Wir haben beschrieben, wie diese
Gestaltung in den ersten sieben Lebensjahren zum erstenmal durch die
Individuality geschieht, wahrenddem der Menschenleib zuerst durch
die Vererbung empfangen wird, derjenige Menschenleib, der im Laufe
von sieben bis acht Jahren ganz abgestreift wird.
So stellte man in recht strengem Sinne vor in den alten Mysterien
das Hineinkommen des Menschen aus geistigen Welten in das Physisch-
Sinnliche. Aber man hatte iiberall das Bewufksein, dafi der Mensch
sich nicht so mit seinem physischen Leib verbindet, von vorneherein
sich nicht so mit seinem physischen Leib verbindet, wie es eigentlich
ganz urspriinglich - wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf -
vorgesehen war von den geistigen Machten, die jenen Teil der Welt
lenken, dem die Menschheit angehort. Man hat namentlich demjenigen
Teil der Krafte im Menschen, die durch die Vererbung hineinkommen,
immer zugeschrieben, daft sie durch eine Anomalie der gesamten Ent-
wickelung in einem gewissen Sinne iiberwaltigen die Krafte, die sich
der Mensch durch seine Individuality aus vorigen Erdenleben mit-
bringt. Man hat keine rechte Harmonie gesehen darin, man hat gerade
gesagt: Wiirde ein vollstandiges Zusammenklingen des Geistig-Seeli-
schen mit dem Physisch-Leiblichen im Erdenmenschen vorhanden sein,
dann wiirde erstens der Tod nicht die Gestalt haben, die er hat, zwei-
tens aber auch nicht in einem solchen Sinne Krankheit eintreten, wie
sie eintritt. Krankheit und Tod betrachtete man als diejenigen Sym-
ptome, welche zeigen, dafi der Mensch allerdings mehr mit der physi-
schen Erdenwelt zu tun hat, als urspriinglich ihm vorgezeichnet war.
Das ist, wenn sie auch heute nicht mehr voll verstanden werden kann,
doch eine aufierordentlich tiefe Idee, in der viel, viel Wahrheit steckt.
Denn es ist wirklich so, dafi in dem Moment, wo der Mensch nur ein
wenig zu einer hoheren Bewufttseinsstufe kommt, er sogleich merkt:
der Tod zum Beispiel hat eine ganz andere Gestalt. Er nimmt sich mehr
als eine Metamorphose aus denn als das Ende einer Lebensphase und
so weiter.
Dadurch aber war fur das ganze alte Bewufitsein das Erziehen des
Menschen nahegeriickt an das Heilen, und der ganze Erziehungsvor-
gang wurde eigentlich in sehr alten Zeiten derMenschheitsentwickelung
als ein generelles Heilen aufgefafit. Dadurch war dasjenige, was Mensch
an Mensch zu tun hatte, von vorneherein in einem gewissen Sinne me-
dizinisch gedacht, und damit war dann verbunden das Bewufitsein,
das sich in den alten Mysterien verkniipfte mit dem Arzt- und mit dem
Priesterberuf, die beide zu tun haben sollten mit dem Heilen der Men-
schen auf Erden. Arzt und Priester waren ja zumeist in alten Zeiten in
einer Person vereinigt, ein Vorgang, der eben nur beim alten instinkti-
ven Bewufitsein da sein konnte, der heute nicht da sein kann, wenig-
stens nicht als regelmafiige Einrichtung. Es war mit diesem Bewufitsein
von der Bedeutung des Heilens, das auch im normalen Leben da sein
mufite, fur jeden Menschen dann verbunden, daft er nach jener Meta-
morphose, die die Menschen durch den Tod durchmachen, vorzugs-
weise also in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt, von jenen
Seelen, die auf Erden Arzte oder Priester waren, auf den Weg zur
Sonne gewiesen wurde. Die erste Anleitung, um den Sonnenweg nach
dem Tode zu finden, den jeder finden mufi, weil dort ein Teil des-
jenigen absolviert wird, was absolviert werden mufi zwischen Tod
und einer neuen Geburt, die ersten Schritte - so wurde es vorgestellt
in alten Zeiten - mufite der Mensch, der durch die Pforte des Todes
geschritten war, gewiesen bekommen von dem Arzt oder dem Priester.
Das alles aber war eingetaucht in die tiefste Mysterienweisheit. Myste-
rienweisheit, die wir nur heute anders anschauen miissen, weil die alten
Methoden fur uns nicht mehr geeignet sind, die aber durchaus im heu-
tigen Zeitpunkt einer Erneuerung wiederum fahig sind, jener Erneue-
rung, die eben hier versucht werden soli.
Nun, meine lieben Freunde, wenn ein alter Initiat seine Initiation
beschrieben hat, so hat er gesagt: Er wurde, nachdem er die Schwelle
iiberschritten hatte, zuerst bekanntgemacht mit der Wirkung der Ele-
mente, und Elemente nannte man in alten Zeiten dasjenige, was wir
heute Aggregatzustande nennen wiirden: das Feste, das man als Erde
bezeichnete, alles Flussige, das man als Wasser bezeichnete, alles Luft-
formige, das man als Luft bezeichnete und alles Gasformige einschlofi,
und alles Warmeartige, das man dem Warmeather zuschrieb, das be-
zeichnete man als Elemente. Das ist etwas, wovon der moderne Phy-
siker sagt: Das gibt es gar nicht. - Fur ihn gibt es diese vier Elemente
nicht. Es gibt fur ihn eine Anzahl von siebzig bis achtzig Elemente, die
haben Eigenschaften. Unter gewissen Verhaltnissen der Welt ist das
eine f liissig, das andere fest oder gasformig. Der Warmezustand kommt
alien zu. Aber das, was man als Elemente in den alten Zeiten geschildert
hat, das gibt es heute nicht. Das sind bloft Eigenschaften von den Reali-
taten, das sind kerne Wirklichkeiten. Ja nun, aber dasjenige, was man
heute Elemente nennt, sind eigentlich nur Wirklichkeiten innerhalb der
ganz groben physischen Welt, und dasjenige, was in alten Zeiten Ele-
mente genannt wurde, das faftte man so auf, daft man dadurch nicht
in die Materie hineinkam, sondern in das Weben und Leben der Ma-
terie.
Sehen Sie, es war weniger bedeutsam einem alten Arzt, ob irgend
etwas die eine oder die andere Substanz ist, mit diesem oder jenem
aufieren Namen. Es hat naturlich eine Wichtigkeit, aber die kommt
erst heraus, wenn man die andere Wichtigkeit, die das Weben und
Leben des Materiellen betrifft, ins Auge faftt. Und so kann man irgend-
eine Substanz nehmen drauften an dem Orte, wo sie in Verwkterung
begriffen ist. Da legte der alte Arzt eigentlich einen ganz besonderen
Wert darauf, daft eben in dem ganzen Erdenprozeft die Substanz, die
er dort nimmt, dem Verwitterungsprozeft ausgesetzt ist, oder er sah
besonders darauf, daft er irgendeine Substanz nicht einfach aus dem
Mineralreich gewann, wenn sie auch aus dem Pflanzenreich zu gewin-
nen ist. Er sah also uberall auf die Stellung, die in lebender Tatigkeit
das Substantielle im Weltenprozeft hat. Will man das durchschauen,
dann braucht man aber diese Gliederung nach den vier Elementen, denn
dann ist einem vor alien Dingen an einer Substanz wichtig, bei welcher
Temperatur sie Erde wird, das heifit, bei welcher Temperatur sie fest
wird, oder fliissig wird, oder Wasser oder Luft wird. Das war das
Wichtige in alten Zeiten, hinzuschauen auf dasjenige, was im Welten-
prozefi vorgehen mufi, damit irgendeine bestimmte Substanz eine be-
stimmte Form hat. Das war das erste. Darnach beurteilte man erst die
Substanz. Heute geht man erst von der Substanz aus, damals ging man
aus von dem Prozefi. Und jede Substanz ist ja nur ein festgehaltener
Prozefi, auf irgendeiner Stufe festgehaltener Prozefi. Man war von dem
ganzen Weben und Leben im Materiellen vor alien Dingen durchdrun-
gen. Und so beschrieb der Initiat, dafi er zunachst eingefuhrt wurde
in jenes Schauen, durch das er das Weben und Leben des Substantiellen
so schauen konnte, dafi es ihm als ein Gewebe der vier Elemente er-
schien. Das war das erste.
Das zweite aber, was jeder erzahlte und was fur ihn die zweite
Stufe darstellte, das war, dafi er sagte: Er wurde dahin gefiihrt, wo er
die «oberen und unteren Gotter» kennenlernen konnte. - Was heifit
das, da hineingefiihrt zu werden, wo man die oberen und unteren Got-
ter kennenlernen kann? Ja, sehen Sie, meine lieben Freunde, das haben
wir eigentlich schon beschrieben, nur haben wir es in moderner Form
beschrieben. Ich sagte Ihnen, wenn das Geistig-Seelische so tief in den
physischen Leib und in den atherischen Leib hinunterzieht, dafi der
physische Leib und der atherische Leib das Geistig-Seelische iiberwal-
tigen, dann entsteht Pathologisches, Pathologisches durch eine Verir-
rung des Geistig-Seelischen ins Physisch-Leibliche. Da entsteht Patho-
logisches. In dem Augenblick, wo eben das geschieht, steigt der Mensch
tief er in sich hinein, als er beim gewohnlichen Aufwachen hineinsteigen
sollte, hineinsteigen sollte wahrend des Wachens in seinen physischen
Organismus, und er kommt nach unten mit aufiermenschlichen, unter-
naturlichen Wirkungen zusammen. Denn nur wenn wir in normaler
Relation sind zwischen unserer geistig-seelischen und physisch-leib-
lichen Organisation, leben wir im Naturlichen. In dem Augenblick,
wo wir tiefer hineintauchen, intensiver hineintauchen in unsere phy-
sische Leiblichkeit, kommen wir mit dem Unternatiirlichen in Bezie-
hung. Da kommen wir mit dem in Beziehung, worinnen Elementar-
wesen, Wesen hoherer Hierarchien auf verschiedenen Stufen ihrer
Entwickelung mit hereinwirken in den Menschen. Und das ist eben
einfach eine Tatsache: man kommt mit den Gottern in Beziehung,
die unterhalb der Naturwirkungen ihre Tatigkeit entfalten.
Wie hatte also ein alter Initiat auch sagen konnen, wenn er einen
mehr neutralen Ausdruck gebraucht hatte, der die Sache verhullt dar-
stellte, weil ihn niemand verstand als wieder Initiaten, wie hatte er
sagen konnen: Er sei hinuntergefuhrt worden zu den unteren Gottern? -
Er hatte sagen konnen: Ich habe die Natur der menschlichen Krank-
heiten kennengelernt, denn die fiihrt zu den unteren Gottern.
Nehmen wir das andere, das ja in dem Sinne, wie ich das auch an
der Grenze des Pathologischen und Normalen gezeigt habe: in des Hei-
ligen Leben hineinfuhren kann, wo das Geistig-Seelische herausgeht,
mehr herausgeht als es herausgehen sollte, sozusagen den Schlafzustand
belebt. Das kennenzulernen bezeichnete der alte Initiat als sein Zusam-
mensein mit den oberen Gottern. So daft man also hat, schematisch
gedacht, was der Richtigkeit entspricht: Natur, Unternatur, Uber-
natur (siehe Zeichnung). Das Visionare, das schauende Leben, das Le-
ben, das den Menschen in die geistige Welt einfiihrt, das nannte der
Initiat: Zusammensein mit den oberen Gottern.
13
sails iSMli
Unternatur
Nun bekommt man sehr leicht, meine lieben Freunde, wenn so ge-
redet wird von den oberen und unteren Gottern eine falsche Vorstel-
lung uber die Rangordnung. Sehen Sie, Sie mussen sich die Sache so
vorstellen. Wenn ich einfach sage: Natur, Unternatur, Ubernatur,
Krankheit, visionares Leben, dann bin ich versucht, die unteren Gotter
als die untergeordneten auch anzusehen. Aber sehen Sie, so ist die Sache
nicht. In Wirklichkeit ist die Sache so: Stellen wir uns vor, hier hatten
wir die Natur, und nach oben fiihrt es zu einem Kreis, nach unten
fuhrt es zu einem Kreis (siehe Zeichnung), und das, was wir hier
oben finden, vereinigt sich nach der anderen Seite mit dem unte-
ren. Zeichnen wir den Kreis grofier, so bekommen wir dieses, zeich-
nen wir ihn noch grofler, so bekommen wir dieses, noch grower, bekom-
men wir dieses, und wenn wir ihn immer grofier machen, so bekommen
wir zuletzt eine Gerade. Hier ein Stuck Kreis, der fortgeht, aber nach-
dem er ins Unendliche hineingegangen ist, zuruckkommt von der an-
deren Seite. Das bezeugt, dafi diese Bezeichnung als untere und obere
Gotter nicht so aufzufassen ist als eine Rangordnung, sondern nur als
die verschiedene Art, wie sie an die Menschen herankommen, dafi sie
aber als durchaus gleicher Rangordnung miteinander wirkend und im
unendlichen Fernpunkt zusammenstrebend gedacht worden sind. Des-
halb war alles, was Krankheit und Sehertum war, in alten Zeiten so an-
gesehen, dafi, wenn es der Mensch durchschaut, er in die geistige Welt
hineinschaut. Eine Art, die geistige Welt zu durchschauen, ist diese:
wirklich bekannt zu werden mit Krankheit und Sehertum.
Tafel 13
Dies aufgefaflt, gibt uns zu gleicher Zeit die Moglichkeit, das, was
da in alten Zeiten im Bewufitsein der Menschen vorhanden war, in die
neuere Zeit hineinzunehmen. Denn fragen wir uns innerhalb des mo-
dernen Bewufitseins: Was laflt sich mit dem Gebiet der unteren Gotter
in unserem modernen Bewufitsein identifizieren? - Sehen Sie, dasjenige,
was wir, wenn wir die gottliche Dreifaltigkeit vorstellen, den Vater
nennen, das ist dasjenige, was im eminentesten Sinne der Unternatur
angehort. Der Vater, er gehort der Unternatur an, und wie haben wir
uns im Sinne einer wirklichen geistigen Auffassung in der Erkenntnis
zu diesem Vatergott zu stellen?
Nun, meine lieben Freunde, wir schauen hin auf den Menschen, wir
schauen den Menschen an in seinem tagwachenden Zustande, wir
schauen ihn an in seinem nachtschlafenden Zustande, wir vergleichen
beide Zustande. Sehen wir den Menschen im vollen Wachen an, so
konnen wir wissen, dann ist er so, wie er in der physischen Welt ein-
gegliedert ist in die Ordnung dieser physischen Welt. Denn so, wie sich
die Erde einmal herausgegliedert hat aus den Vorstadien, wie sie auf
dem Wege ist nach einer weiteren Evolution, so muS er erkannt wer-
den aus Saturn, Sonne, Mond. Im Wachzustand gehort er in dieser
Beziehung zur Erde, steht naturgemafi in der Erde drinnen. Er steht auf
dem Niveau der Natur im Wachzustande drinnen.
Nicht so, wenn der Mensch im Schlafe ist. Wenn der Mensch im
Schlafe ist, meine lieben Freunde, da liegt im Bette physischer Leib
und Atherleib, da ist aufter dem physischen Leib und Atherleib der
Astralleib und das Ich. Aber schauen wir uns den physischen Leib und
Atherleib an. Was hat denn da dieses Stuck Mensch, das da in physi-
schem Leib und Atherleib daliegt? Dasjenige hat es, allerdings in vor-
geriickterem Zustande, was es in der alten Saturnentwickelung, in der
alten Sonnenentwickelung empfangen hat. Das ist weitergeschritten.
Aber jetzt im Schlaf hat der Mensch seine Weiterentwickelung des
Saturn- und Sonnendaseins, er hat gar nicht sein Mondendasein in dem,
was da im Bette liegt, darinnen. Das hat er gar nicht drinnen. So dafi
wir sagen miissen: indem die Natur fortgeschritten ist, ist sie hinaus-
gegangen vom Monden- zum Erdendasein. Aber indem der Mensch
den Schlafzustand notig hat, bewahrt die Natur unter sich im schla-
fenden Menschen eine Unternatur, eine Natur, die eigentlich nur wah-
rend der Saturn- und Sonnenzeit war. Das ist die Unternatur. Das liegt
alien Wesen dadurch, daft ein Menschengeschlecht da ist, zugrunde.
Der Mensch taucht wirklich in die Unternatur im Schlafzustande un-
ter, und aus diesem Untertauchen-ich habe es Ihnen ja schon gezeigt in
den verflossenen Tagen dieses Kursus - tauchen wieder die Krank-
heiten herauf. Da ist das Gebiet des Vatergottes. Wir tauchen schla-
fend in das Gebiet des Vatergottes ein, in die Unternatur tauchen wir
ein, in das Gebiet des Vaters.
Nehmen wir das Sehertum des Menschen, so stellt das eigentlich dar
eine Durchleuchtung jener Glieder der menschlichen Wesenheit, die im
Schlafe aus dem physischen und Atherleibe heraufien sind, des Ichs
und des astralischen Leibes. Wird der Mensch wissend darinnen, dann
ist das der entgegengesetzte Zustand des Krankseins, der andere Pol
des Krankseins. Und der Mensch ist eingetaucht in das Gebiet des Gei-
stes mit seinem astralischen Leib und Ich.
So sehen wir, dafl der Mensch in seiner Erdenorganisation sich her-
ausreifien kann aus der Natur nach zwei Richtungen hin, nach der
Richtung der Unternatur zum Vater, nach der Richtung zur Obernatur
zum Geiste, und der Christus ist seit dem Mysterium von Golgatha
der Vermittler von beiden Welten, der Durchgeistiger des Naturda-
seins, der Durchgeistiger des normalen Menschendaseins, der immer
da die Harmonie hervorzurufen hat zwischen Unternatur und Ober-
natur. Die Unternatur wird ja im normalen Verlauf des Schlafens und
Wachens immer wieder ausgeglichen. Die Ubernatur wird ausgeglichen
bei jenen Sehern, die immer die Moglichkeit haben, ins gewohnliche
Menschenleben zuriickzukehren nach ihrer Willktir. Ist der Mensch im
Aufwachen nicht imstande, das, was er in der Unternatur erlebt hat,
auszugleichen, so kommt die Krankheit, die sich im physischen und
atherischen Leib auslebt. Ist der Mensch nicht imstande, dasjenige,
was er sehend erleben kann im Gebiete des Geistes, hineinzubringen in
den vollen Wachzustand, in den naturgemafien Verlauf seines Erden-
lebens, so kommen die Seelen- oder Geisteskrankheiten zustande und
somit der andere Pol.
Nun nehmen wir einmal die physische Krankheit. Was geschieht,
wenn der Heilungsprozefi eintritt? Der Mensch wird von dem Erleben
der Unternatur zum Erleben der Natur gefuhrt, von dem Vater zu
Christus, denn der Christus ist das geistige Leben in der Natur. Von
dem Vater zu Christus, und das tut im wesentlichen der Arzt. Im we-
sentlichen ist es des Arztes Aufgabe, zu erkennen, wie der von der Un-
ternatur befallene Mensch zu Christus zuriickgebracht wird, nachdem
der Vater, wenn wir es bildlich ausdrucken, die Herrschaft an Christus,
den Sohn abgegeben hat. Das ist eben dasjenige, was in einer mehr
modernen Sprache die Mysterienweisheit ausdrucken wiirde. Man
wiirde sagen: der Initiat wird gefuhrt, nachdem er hier auf Erden ein
richtiges Christus-Bewufttsein hat, auf der einen Seite zum Vater, auf
der anderen Seite zum Geist. Und vom Vater her, indem er sich be-
wufit wird, wie der Weg da ist, auf dem geleitet werden mufi vom
Vater zum Christus, auf diesem Wege liegen alle Heilungsprozesse.
Und hier beginnt das moderne Mysterium, meine lieben Freunde,
das Mysterium, das die grofie Weltenprobe abgibt fur wirkliche Arznei-
wissenschaft. Und darauf mufi ich am Ende des Kursus iiber Pastoral-
medizin hindeuten, damit daraus dasjenige erfliefien soli, was zunachst
als Gesundung in den Arzt einziehen soil. Nehmen wir einmal an, der
Arzt lernt, so wie wir es angedeutet haben in diesem Kursus, nach
und nach diese einzelnen Heilungsprozesse, indem er kennenlernt die
defekten Organe, kennenlernt dasjenige, was draufien im Reiche der
Natur entsprechend den Organen wirkt mit dem Geiste versehen, so
dafi wir den Geist in den Menschenkorper als den Heilenden einfiih-
ren. Er lernt, wie man es in diesem Fall, wie man es in jenem Fall
macht. Das alles verbindet sich in ihm zu einem Gesamtwissen. Aber
indem er in dem wirklichen Wissen vorgeriickt ist, ist es anders, als in-
dem man vorriickt in dem heutigen Wissen. Wenn Sie heute eine patho-
logische Anatomie oder eine Heilmittellehre in die Hand nehmen und
sie grundlich studieren, sind Sie am Ende nur insoferne weiter als am
Anfang, indem Sie das ganze Ding in sich haben - wenn Sie es in sich
haben -, aber weitergedrungen mit jedem Kapitel sind Sie nicht in
Ihrer gesamten menschlichen Haltung. Aber das ist das Wesen des Ge-
samtwissens, dafi man mit seiner gesamten menschlichen Haltung wei-
terkommt.
Wenn Sie in diesem Sinne Medizin aufnehmen, wie es hier gemeint
war in diesem Kursus iiber Pastoralmedizin, so kommen Sie Schritt
fur Schritt weiter. Und dasjenige, was sich Ihnen zuletzt als ein Re-
sultat ergibt, das, meine lieben Freunde, ist nichts Geringeres, als dafl
Sie sich sagen: Jetzt, nachdem ich das ganze medizinische Wissen hin-
ter mir habe, sehe ich ein alles dasjenige, was beim Mysterium von Gol-
gatha vorgegangen ist, bis zu demjenigen Momente, wo der Christus
durch die Todespforte auf Golgatha gegangen ist. Sie verstehen den
Gang des Christus vom Vater zu dem Golgathatode hin. Das ist das
Mysterium. Man glaubt zunachst nicht, daft das eine mit dem anderen
verbunden ist, aber es ist verbunden. Es ist so verbunden, daft Sie wirk-
lich gerade durch das Hineinschauen in das Heilverfahren begreifen,
was da geschehen ist im Kosmos, dafi der Vater den Sohn geschickt hat,
damit er durch den Tod auf Golgatha durchgegangen ist; und in dem,
was im Tode auf Golgatha geschehen ist, meine lieben Freunde, sehen
Sie dann nicht einen Tod, sondern ein Zusammenwirken von allem,
was geschehen ist in dem Tod, der kein Tod ist, sondern der die Ober-
windung des Todes ist, der die Heilung des ganzen Menschenwesens
ist. Das ist der Gang des Arztes vom Vater zum Sohn, bis dieser auf
Golgatha stirbt. Alle einzelnen Heilerkenntnisse bringen einen immer
ein Stuck weiter, um das zuletzt zu begreifen.
Pastoralmedizin ist nicht nur dasjenige, was der Pastor und der
Arzt zusammen ausiiben sollen, das ist nicht allein dieses, sondern
Pastoralmedizin ist dasjenige, was zunachst zusammenzubringen ist,
damit durch den Arzt der eine Teil des Mysteriums von Golgatha wirk-
lich durchschaut werden kann. Das ist der Gipfelpunkt, der Kulmina-
tionspunkt der Medizin, alles Kranksein der Menschen zu begreifen,
damit man das Mysterium von Golgatha bis zum Tode hin als den
grofien Heilungsprozefi einsehen kann. Pathologie der sich entwik-
kelnden Menschheit, Therapie: das Sterben auf dem Kreuze - es
wird im Zusammenhang angesehen werden, wenn wirkliche Medizin
da ist.
Der Priester hat zu verfolgen alles dasjenige, was erlebt wird vom
Menschen, wenn er aus dem Leibe herauskommt in die andere Welt
hinein, die die Welt des Geistes ist. Dadurch wird der Priester immer
mehr und mehr bekannt mit demjenigen, was des Menschen Verwandt-
schaft mit dem Geiste, mit dem Spiritus Sanctus ist, mit dem durchaus
Heiligen Geiste. Und sein Weg ist der, die Vermittlung zu ubernehmen
zwischen dem Geiste und dem Sohne, dem Christus, darinnen die
Theologie auszubilden, den Weg zu finden von Christus zum Geiste,
vom Geist zum Christus. Wieder kann man eine Summe von Erkennt-
nissen, von Lebensinhalten erwerben iiber diesen Weg, den man die
Menschen zu fiihren hat vom Geist zu Christus, von Christus zum
Geist. Und gipfeln mufi dieser Weg darin, dafl die einzelnen Etappen
der Theologie dem Menschen verstandlich machen, welches der Weg
des Christus fur die Menschheit war nach dem Durchgang durch den
Tod auf Golgatha, der der grofSe Heilungsprozefl war. So daft jetzt
die Frage entsteht: Was wird durch diesen Heilungsprozefi als Fahig-
keit im Menschen erzeugt, damit er in die geistige Welt einriicken
konne? - Dadurch gipfelt alles dasjenige, was Theologie sein soil, in
dem Erfassen desjenigen, was mit der Christus-Individualitat ge-
schieht, nachdem sie durch den Tod auf Golgatha gegangen ist.
Des Christus Weg nach Golgatha: die hochste Kulmination des
Arztweges. Des Christus Weg von Golgatha weiter: die hochste Kul-
mination des Priesterweges.
Wiederum scheint es namentlich vielen Theologen der neueren Zeit
so, als ob beide Dinge gar nicht zusammengehorten. Denn es gibt ja
heute Theologen, die iiberhaupt nichts vom auferstandenen Geist und
weiterwirkenden Christus wissen wollen. Aber wenn wir im Sinne
einer Erneuerung der Mysterien sprechen, dann kommt das Ereig-
nis von Golgatha, das Mysterium von Golgatha hinein und dann kon-
nen wir sagen, die alte Formel, welche der Initiat hatte fur seinen
Initiatenweg, und die da lautete: Ich bin gefiihrt worden durch die
Elemente, und dann zu den unteren und zu den oberen Gottern -,
diese Formel mu45 fur den modernen Initiaten heifien: Ich bin gefiihrt
worden durch dasjenige, was die Elemente auflost in ihren Vorgangen -
die Elemente sind jetzt die chemischen Elemente, die achtzig, sie losen
sich in Vorgange auf - und ich werde weitergefuhrt, indem ich zum
Vater nach unten, zum Geiste nach oben gehe und die Wirksamkeit des
Christus auf beiden Wegen wahrnehme.
Und wenn Sie fiir Ihre esoterische Vertiefung, meine lieben Freunde,
eine Zusammenfassung dieses Kursus aus der Pastoralmedizin mit-
nehmen wollen, dann nehmen Sie mit die Worte, die da lauten:
Ich werde gehen den Weg,
Der die Elemente in Geschehen lost
Und mich fiihrt nach unten zum Vater
Der die Krankheit schickt zum Ausgleich des Karma
Und mich fuhrt nach oben zum Geiste
Der die Seele in Irrtum zum Erwerb der Freiheit leitet
Christus fuhrt nach unten und nach oben
Harmonisch Geistesmensch in Erdenmenschen zeugend.
Werden Sie ganz durchdrungen von dem, was in dieser Skizzen-
meditation liegt, dann werden Sie lebendig im Geiste mitgenommen
haben, was ich geben wollte in diesem Kursus fiir Pastoralmedizin.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:318 Seite:16 3
ANSPRACHE
an die Mediziner (ohne Beisein der Priester)
Dornach, 18. September 1924
Meine lieben Freunde! Indem Sie hier an diesem Kursus mit den Theo-
logen zusammen teilgenommen haben, konnte ja einmal entwickelt
werden dasjenige, was in dem heutigen Menschheitsbewufksein bei
Theologen und Medizinern harmonisch zusammenklingen soil. Es gibt
gerade dann, wenn man im Bewulksein voll das verarbeitet, was Haltung
dieses Kursus war, es gibt das zweifellos fur dieses Bewufitsein eine
gewisse Konsequenz, meine lieben Freunde, die Konsequenz, daft im
Arbeiten fur Menschenheil Arzt und Priester koordiniert sein mussen.
Keinesfalls darf dasjenige Verhaltnis bestehen, das den Arzt subordiniert
dem Priester, nicht ihm vollig koordiniert. Dieses Bewufitsein mufi der
Arzt immer mehr und mehr entwickeln. Und das gehort zu demjenigen,
was er als das Aspirantentum der neuen medizinischen Esoterik aufzu-
fassen hat. Nur dann, wenn der Arzt sich weifi neben dem Priester in
voller Gleichgeltung, dann wird er auch zur geistigen Welt so stehen
konnen, wie er stehen soli. Daher mufke dasjenige, was fur Euch, meine
lieben Freunde, aus diesem Kursus folgen soil, das sein, daft Ihr das Bild
vor Euch hinstellt seelisch: Fur den Priester der Opferkelch, fur den Arzt
der Merkurstab. Und im Besitz des Merkurstabes mufi sich der esoterische
Arzt wieder fiihlen lernen. Das ist etwas, was er neben dem Priester allein
zu wissen hat. Denn nur dadurch, daft das vollig gewufk wird, kann jene
edle Begeisterung in der Arztseele entstehen, die da notwendig ist, wenn
der Arzt wirklich praktizierender Arzt, Heiler in der Welt sein will. Ja,
meine lieben Freunde, das gibt Euch allein die Moglichkeit, hinzuarbei-
ten zu derjenigen Stellung, die Ihr aus der anthroposophischen Bewe-
gung heraus - ich spreche jetzt hauptsachlich zu den praktischen Arzten
- erringen sollt. Das soil Euer Bewufksein werden. Von diesem Bewufit-
seinsgesichtspunkte aus sollt Ihr arbeiten, um zustande zu bringen im
Anschlufi an dasjenige, was ja von Seiten der Sektion, der Medizinischen
Sektion, nur Anregung sein kann, sollt Ihr arbeiten an demjenigen, was
zustande bringen kann eine wirkliche Arzteschaft, die aus der Anthro-
posophie heraus arbeitet, wie gearbeitet wird in der Priesterschaft aus der
Anthroposophie heraus. Aber Ihr rauEt Euch bewufit sein, gerade wenn
Ihr das Verhaltnis der Koordination betrachtet, dafi es heute noch viel
schwerer ist, anthroposophischer Arzt zu sein, als anthroposophischer
Priester zu sein. Denn bedenkt allein, der anthroposophische Priester
tritt vor die Welt hin, ohne dafi er irgendwie abhangig bleibt von ir-
gendwelchen aufieren priesterlichen Machten. Der Arzt, der praktizie-
render Arzt sein will, muft anerkannt sein, mufi sein von der Aufienwelt
anerkanntes Studium hinter sich haben. Er ist also von vorneherein nicht
in der Lage, so, wie unsere Priester in einer Priestergemeinschaft vor die
Welt hintreten, in einer Arztegemeinschaft hintreten zu konnen. Dennoch,
diese Gemeinschaft ist moglich. Diese Gemeinschaft mufi in den Herzen
derjenigen, die sich ehrlich anschliefien wollen an die Heilpraktik des
Goetheanums, ausgeiibt werden. Sie muS im Grunde genommen viel
innerlicher sein, als der Zusammenhalt in der Priesterschaft ist. Sie mufi
mit einem ganz bestimmten Bewufttsein diejenigen, die da im Sinne der
Anthroposophie als Arzte wirken wollen, verbinden mit dem Quell
dieser Wirksamkeit hier am Goetheanum. Zu erstreben einen solchen
Quell der Wirksamkeit hier am Goetheanum fur das Medizinische, das
ist das Sinnen und Trachten der Zusammenarbeit von Frau Dr. Wegman
und mir. Und nur in dem Sichanschliefien an dasjenige, was hier Quell
sein soli, nur in dem Bewufksein der Zusammengehorigkeit kann eigent-
lich der Sinn dessen liegen, was Heiler mitnehmen aus dem Medizini-
schen Kurs an der Medizinischen Sektion am Goetheanum: Reales Zu-
sammengehorigkeitsgefuhl mit demjenigen, was von dem angedeuteten
Zentrum ausgehen soil. Und so darf ich wohl am Schlufi gerade zu Euch,
meine lieben Freunde, sagen: Suchet den Weg, der in diesem Sinne den
Zusammenschlufi der praktischen Arzteschaft darstellt. Suchet den Weg
zu diesem Zusammenschlu£. Ihr werdet ihn finden. Und es wird unsere
Sorge am Goetheanum sein, dafi Ihr ihn findet.
Dafi damit ein erster Schritt getan werde, ist von Frau Dr. Wegman
und mir Veranlassung genommen worden, zunachst einen ersten esote-
rischen Impuls dadurch zu geben, dafi ein durchaus erweiterbarer eso-
terischer Kern geschaffen worden ist, der, wie gesagt, durchaus erweiterbar
ist, der aber aus guten Gninden zunachst nur aus einer Anzahl von
praktischen Arzten besteht, welche ihrerseits jene Angelobung geleistet
haben, die fur das esoterisch-medizinische Wirken notwendig ist. Dieser
Kern besteht aus den praktischen Arzten: Dr. Walter, Dr. Bockholt, Dr.
Zeylmans, Dr. Glas, Dr. Schickler, Dr. Knauer, Dr. Kolisko. Zwei andere
Personlichkeiten sind noch in Aussicht genommen, die sind jetzt nicht
hier. - Da aber der Zusammenschluft real erfolgen sollte, nicht bloft
durch Ernennung, so konnte zunachst dieser Zusammenschluft nur in-
nerhalb dieser sieben Personlichkeiten geschehen, die sich mit all ihrem
menschlichen Tun in den Dienst der von hier in der Zukunft ausgehenden
medizinischen Ideen stellen werden und die damit die Einleitung geben
zu jener esoterisch-medizinischen Stromung, die allmahlich vom
Goetheanum ausgehen soil.
Meine lieben Freunde, esoterische Maftnahmen liegen in bestimmten
Untergriinden eben begrundet. Niemand braucht sich iibergangen zu
fiihlen, denn der Kreis ist erweiterbar, und es wird jeder, der der Medi-
zinischen Sektion angehort, als auf dem Weg in diesen Kreis betrachtet,
insofern er ein praktizierender Arzt ist. Es muft sich aber die Leitung der
Medizinischen Sektion, die nun auch die Leitung dieses medizinischen
Kreises ist, vorbehalten, jeweilig den Zeitpunkt anzugeben fur die ein-
zelnen Mitglieder der Sektion, wann durch sie eine Erweiterung dieses
Kreises eintreten kann. Dieser Kreis ist zunachst gebildet worden in
vollstandigem Einvernehmen zwischen Frau Dr. Wegman und mir und
umfaftt diese Personen: Dr. Walter, Dr. Bockholt, Dr. Glas, Dr. Zeylmans,
Dr. Schickler, Dr. Knauer, Dr. Kolisko.
Hoffen wir, daft alles sich so entwickelt, daft dieser Kreis immer mehr
und mehr erweitert werden kann. Denn in der Leitung dieses Kreises
wird die Erfiillung jener Absichten liegen, die verbunden sind mit allem,
was auf medizinischem Gebiet hier geschieht, die vor alien Dingen
durchstrahlen dasjenige, was ich Ihnen, meine lieben Freunde, vermitteln
wollte in diesem Kursus iiber Pastoralmedizin. Er hat sich von selbst so
gestaltet, daft er mehr fur Arzte als fur Priester gehalten worden ist,
obwohl zunachst die Priesterschaft die auftere Anregung dazu gegeben
hat. Aber diese Gestaltung ist ja dadurch gekommen, daft gerade fur die
Arzteschaft, die aus Anthroposophie heraus arbeitet, erst die Mittel und
Wege geschaffen werden mussen, welche sie zu einem Zusammenschluft
fiihren konnen, der schwierig ist, wahrend er verhaltnismafiig leicht war
innerhalb der Priesterschaft. Innerhalb der Priesterschaft ist es leichter
moglich, dafi durch einzelne Personlichkeiten auch Schwacherstehende
gehalten werden konnen. Innerhalb der Arzteschaft ware das aus dem
Grunde unmoglich, weil in einem viel hoheren Sinne, als es beim Priester
der Fall ist, der Arzt auf seine eigene Personlichkeit gestellt ist. Den
wirklichen Priester halt der Kultus. Der Kultus stellt ihn hin vor die
Welt. Und er ist das, was er ist, im Grunde genommen dadurch, dafi
durch seine Personlichkeit der Geist wirkt, der im Kultus ist. Der Arzt
mufi in Beziehung stehen mit den Menschen. Er mufi eingehen konnen
von seiner Person aus auf alles Menschliche. Er mufi die starke Kraft in
sich selber fuhlen, Gotterwirken - denn Gotterwirken ist es, was in der
Gesundheit des Menschen sich auslebt -, Gotterwirken in die Welt
hereinzutragen. Er mufi mit seiner Person vollig fur seine Mission ein-
treten. Sein ganzer Arztdienst, sein ganzer Heilerdienst ist in jedem
einzelnen Fall sich modifizierender, individueller Kultus. Und, meine
lieben Freunde, im hochsten Sinne zu wissen, dafi Arztdienst Gottesdienst
ist, das wird die Grundlage, das Fundament abgeben fur dasjenige, was
Euch den Weg finden lassen wird, wirklich dasjenige in die Welt zu
bringen mit richtiger Gesinnung, was hier vom Goetheanum aus ange-
strebt wird.
Moge so dasjenige, was ich habe sagen wollen in diesem Kursus iiber
Pastoralmedizin, von Euren Herzen aufgenommen werden. Moge es
wohlgefallig aufgenommen werden, dafi diejenigen, die hier zunachst als
Mitglieder des esoterischen Kernes haben miteinander verbunden werden
konnen, moge immer weiter und weiter in diesem Sinne gewirkt werden.
Dann wird auch dasjenige, was ich legen wollte keimhaft in diesen Kursus
iiber Pastoralmedizin, durch Eure Herzen, durch Euren Sinn, durch
Euren Geist in der Welt wirken.
Das ist es ja, was vom Goetheanum aus als das beste geschehen kann:
Menschen zu finden, die draufien in der Welt stehen auf den verschieden-
sten Gebieten menschlichen Wirkens, und deren Intentionen immerzu
ein Echo desjenigen sind, was gesagt wird, gewirkt werden soil hier vom
Goetheanum aus. Tut Ihr das auf Eurem Gebiet, dann wird ein Band der
Zusammengehorigkeit, goetheanischer Geist Eure Herzen und Seelen
verbinden und wir werden zum Menschenheil Friichte immerzu aufer-
stehen sehen, dann, wenn Ihr den Weg immer wieder und wieder findet
hierher zum Goetheanum. Denn alles, was hier getan wird, ist ja doch
immer nur Fragment, immer nur ein Teil, immer zunachst Anfangskapitel.
Je mehr wir hoffen konnen, dafi das Anregung dafiir ist, dafi der Einzelne
mehr und mehr davon mitnimmt, desto mehr erreicht es sein Ziel. Das ist
das, was ich Euch bitte, als dasjenige, was ich Euch sagen mochte, mit auf
den Weg zu nehmen. Und damit mochte ich mit einem innigen Her-
zensgrufi an Euch alle diesen Kursus iiber Pastoralmedizin zum Abschlufi
gebracht haben.
RUDOLF STEINER
Notizbucheintragungen zu den Vortragen
des Pastoral-Medizinischen Kurses
(Notizbuch Archiv-Nr. NB 498)
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(Im Notizbuch unbeschriebene Seite)
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HINWEISE
7.u dieser Ausgabe
Textgrundlage: Die Vortragsnachschriften wurden von namentlich nicht bekann-
ten Teilnehmern aufgrund ihrer Notizen zu einem Text zusammengearbeitet.
Stenogramme liegen nicht vor.
Der Titel des Bandes wurde bei der 3. Auflage von 1984 vom Herausgeber in
Ubereinkunft mit Vertretern aus der anthroposophischen Arzteschaft in der
vorliegenden Weise erweitert, um den fachlichen Bezug der Kursvortrage zu
verdeutlichen.
Bibliographischer Nachweis der Auflagen bis 1993
1. Auflage, Dornach o. J. : Unter dem Titel: «Pastoralmedizinischer Kursus»; als
Manuskript gedruckt, herausgegeben von der Medizinischen Sektion am
Goetheanum.
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1973: 1. Buchausgabe, herausgegeben von
Dr. med. Hans W. Zbinden, erganzt um Notizbucheintragungen zu den Vor-
tragen.
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984: Unter dem Titel: «Das Zusammen-
wirken von Arzten und Seelsorgern. Pastoral-Medizinischer Kurs», erganzt um 8
farbige Wandtafelabbildungen, durchgesehen von Dr. med. Werner Belart.
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1993: Erweitert um die «Ansprache an die
Mediziner»; ohne die 8 farbigen Wandtafelabbildungen (diese erscheinen mit 6
weiteren im Band XXIII der Reihe «Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»),
durchgesehen von Dr. med. Werner Belart und Paul G. Bellmann.
Zu den Tafelzeichnungen: Die Original-Wandtafelzeichnungen und -anschriften
Rudolf Steiners bei diesen Vortragen sind erhalten geblieben, da die Tafeln
damals mit schwarzem Papier bespannt waren. Sie sind als Erganzung zu den
Vortragen im Band XXIII der Reihe «Rudolf Steiner, Wandtafelzeichnungen
zum Vortragswerk» verkleinert wiedergegeben. Die in den friiheren Auflagen in
den Text eingefiigten zeichnerischen Ubertragungen sind auch fur diese Auflage
beibehalten worden. Auf die entsprechenden Originaltafeln wird jeweils an den
betreffenden Textstellen durch Randvermerke aufmerksam gemacht.
Hinweise zum Text
Werke Rudolf Steiners in der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes.
Zu Seite
21 Cesare Lombroso, 1836 - 1909, italienischer Anthropologe. Schrieb «Genio e folla»
(1864; deutsch: «Genie und Irrsinn», in Reclams Universal-Bibliothek) und «Der
Verbrecher in anthropogologischer, arztlicher und juristischer Beziehung» (1876;
deutsch 1887-90,2 Bde.).
22 in meiner «Gebeimwissenscbaft im Umrifl» (1910), GA 13.
32 Pythien: Wahrsagerinnen des Delphischen Orakels.
die heilige Theresia: Theresia von Jesu oder von Avila, 1515 - 1582, heilig gesproche-
ne Karmeliterin; seit 1535 im Karmeliterinnenkloster zu Avila, reformierte sie seit
1567 den Orden in enger Verbindung mit Johannes vom Kreuz.
65 Mechthild von Magdeburg, geb. um 1210, gest. zwischen 1282 und 1294; Begine in
Magdeburg, spater Zisterzienserin im Kloster Helfra bei Eisleben; Hauptwerk: «Das
fliefiende Licht der Gottheit».
78 Kali Yuga: Das «Finstere Zeitalter», wird gerechnet von 3101 v. Chr. bis 1 899 n. Chr.
85 Ferdinand Raimund, 1790 - 1836: «Der Alpenkonig und der Menschenfeind», 1828.
92 Lombroso: Siehe Hinweis zu S. 21.
95 Wilbelm Preyer, 1811 - 1897, Professor der Physiologie ab 1869, seit 1888 in Berlin.
Vgl. seine Ausfiihrungen «Die Hypothesen iiber den Ursprung des Lebens» (nach
Vortragen aus den Jahren 1872 bis 1878) in «Naturwissenschaftliche Tatsachen und
Probleme», Berlin 1880, S. 33ff..
96 «Mein Lebensgang» (1923 - 25) GA 28.
106 Johannes Miiller, 1801 - 1858, Physiologe in Berlin.
110 Ausspruch des Paracelsus (1493 - 1542). Es finden sich an mehreren Stellen seines
Werkes entsprechende Aufierungen, z. B. in «Das Buch Paragranum», Kap. «Der
dritte Grund der Medizin, welcher ist Alchimia».
124 der krdnkste Mann . . . der Tiirke: Bezieht sich auf den Ausdruck: «Der kranke Mann
am Bosporus*.
135 Hans Driesch, 1 867 - 1 941 , Naturwissenschaf ter und Philosoph. Hauptwerk: «Philo-
sophie des Organischen», 2 Bde. 1909, 4. Aufl. 1930.
1 39 mit dem Buch, das Fran Dr. Wegman mit mir ausgearbeitet bat: «Dr. Rudolf Steiner /
Dr. Ita Wegman: «Grundlegendes fur eine Erweiterung der Heilkunst nach geistes-
wissenschaftlichen Erkenntnissen» (1925), GA 27.
148 an unseren Spracbkurs erinnern: Rudolf Steiner / Marie Steiner- von Sivers: «Sprach-
gestaltung und Dramatische Kunst», 19 Vortrage Dornach, 5. bis 23. September 1924,
GA282.
164 2« der Ansprache an die Mediziner vom 18. September 1924:
In der hier erstmals abgedruckten Ansprache Rudolf Steiners an die Arzte der Medi-
zinischen Sektion wird von der Begriindung einer Arbeitsweise berichtet im Hinblick
auf eine Erneuerung der medizinischen Mysterien fur die heutige Zeit. Vorausgegan-
gen war ein intensives Suchen und Fragen im Kreise der Jungmediziner um Rudolf
Steiner und Ita Wegman (vergleiche GA 316), aufgrund dessen Rudolf Steiner die
wegweisenden Hilfen zur Kernbildung innerhalb der Medizinischen Sektion geben
konnte. Ita Wegman berichtet dariiber auch in ihrer Ansprache bei der Arztezusam-
menkunft im Herbst 1936, von der eine Notizbucheintragung erhalten ist (vergleiche
J. Emanuel Zeylmans van Emmichoven, «Wer war Ita Wegman?*, Band 2, S. 215ff.,
Heidelberg 1992).
NAMENREGISTER
(* = ohne Nennung im Text)
Alexander der Grofte 60
Aristoteles 60
Raimund, Ferdinand 83*, 84*, 85-91,97
Driesch, Hans 135
«Serenissimus» 147, 148
Goethe, Johann Wolfgang von 61
Steiner, Rudolf
Leibniz, Gottfried Wilhelm von 47
Lombroso, Cesare 21, 92
Hippokrates 146
Schriften und Vortrdge:
Die Geheimwissenschaft im Umrifi
22, 139
Mein Lebensgang 96
Sprachgestaltung und Dramatische
Kunst 148
Mechthild von Magdeburg 65, 66, 90
Muller, Johannes 1 06
Theresia von Avila 32-34, 41-43, 45,51,
65, 66, 71,90
Paracelsus 110
Preyer, Wilhelm 95
Wegman, Ita 145,151
UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN
Aus Rudolf Steiners Autobiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925)
Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und ver-
kauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophi-
schen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei
den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die -
wegen mangelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir
ware es am liebsten gewesen, wenn mundlich gesprochenes Wort miind-
lich gesprochenes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den
Privatdruck der Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt,
die Dinge zu korrigieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung
«Nur fur Mitglieder» nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr
als einem Jahre ja fallen gelassen.
Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie
sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke in
das einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete.
Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der
Anthroposophie vor das Bewulksein der gegenwartigen Zeit verfolgen
will, der mufi das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun.
In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkennt-
nisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in
«geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der An-
throposophie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art -
wurde.
Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und da-
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der
Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben hat,
trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus
der Mitgliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich
offenbarte.
Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und
den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt zu ho-
ren, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in
Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen.
Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo-
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge-
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser
internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein
konnte, die ganz fur die Offentlichkeit bestimmt waren.
Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die
ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an
bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen.
So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften,
in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt.
Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir
rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesell-
schaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mit-
gliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich
da hore, entsteht die Haltung der Vortrage.
Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von
irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mit-
gliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann
sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen
hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach die-
ser Richtung zu drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen
werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es
wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.
Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdmckes wird ja aller-
dings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als
Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermei-
sten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie
dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposophische Geschichte»
in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.